Express: Attac kritisiert die vorherrschende Form wirtschaftlicher Globalisierung, die der Ideologie des freien Marktes huldigt; Stichworte: Liberalisierung und Privatisierung. Was sind Eure derzeitigen Schwerpunkte?
Griegold: In den letzten Monaten hat sich Attac sehr intensiv mit Europa beschäftigt. Unsere Kollegen in Frankreich und den Niederlanden waren sehr aktiv in einer pro-europäischen Kampagne für ein Nein zur europäischen Verfassung mit großem Erfolg vor allem in Frankreich. Das haben wir in Deutschland stark unterstützt und auch hier diese Debatte geführt. Gleichzeitig gibt es natürlich unsere fortlaufenden Aktivitäten im Bereich Welthandel, globales Finanzsystem, Schuldenstreichung, usw.
Express: Attac beschäftigt sich seit einiger Zeit auch mit innenpolitischen Themen. Was hat das mit Globalisierung zu tun?
Griegold: Das hat sehr viel mit Globalisierung zu tun, weil es unter Bedingungen der Globalisierung in sehr vielen Politikfeldern keine klassische Innenpolitik mehr gibt. Schauen wir auf Steuerpolitik, auf Finanzierung der Sozialsysteme immer dort wird Globalisierung als das Argument benutzt, warum Streichungen notwendig ist. Die Spielräume für Nationalstaaten sind sehr deutlich eingeschränkt. Darum ist das, was wir jetzt in den wohlhabenden Ländern erleben, eine ähnliche Form der Strukturanpassung wie, sie viele Länder des Südens unter Bedingungen neoliberaler Globalisierung bereits erlebt haben. Deshalb ist die klassische Teilung in solidarische Politik international und solidarische Politik innen nicht mehr zeitgemäß.
Express: Angeblich können wir uns unser Sozialsystem nicht mehr leisten stimmt das?
Griegold: Das halte ich für totalen Unsinn. Man muss nur mal nach Skandinavien schauen, ein wie hoher Anteil öffentlicher Finanzierung wirtschaftlich erfolgreich sein kann auch unter Bedingungen von Globalisierung. Es wird so getan, als gäbe es einen unabwendbaren Sachzwang, Errungenschaften zu streichen, die mit einem Bruchteil des heutigen Bruttoinlandsproduktes pro Kopf in den 60er Jahren finanzierbar waren. Ein direkter Sachzwang existiert nicht. Es gibt nur einen immer weiter gehenden Druck auf die Sozialsysteme durch Globalisierung und eine Veränderung politischer Kräfteverhältnisse. Aber heute kann man nicht sagen, dass es keine Alternativen gibt.
Express: Attac feierte jüngst sein fünfjähriges Bestehen Könnt Ihr Erfolge verbuchen?
Griegold: Es gibt eine große Zahl von Erfolgen. Der wichtigste ist sicherlich, dass man sagen kann, dass heute der Neoliberalismus auch auf globaler Ebene nicht mehr als einzige ökonomische Ideologie dasteht. Das haben die vielen Proteste der letzten Jahre erreicht. Ein wichtiger Erfolg war, Themen wie Tobin-Steuer (Anm. d. Red.: Steuer auf internationalen Währungshandel, um Spekulationen unattraktiv zu machen) und Schließung von Steueroasen auf die Tagesordnung gesetzt zu haben. Große Erfolge waren auch die zweimalige Unterbrechung der WTO-Konferenzen in Seattle und Cancun. In mehreren Ländern haben die nationalen Parlamente die Tobin-Steuer beschlossen. Und zuletzt hat am pro-europäischen Nein zur EU-Verfassung in Frankreich auch Attac einen wesentlichen Anteil gehabt.
Express: Oft entsteht der Eindruck, dass Attac immer nur dagegen ist. Habt Ihr Alternativen zu bieten?
Griegold: Das ist ein ganz falscher Eindruck. Attac hat sich auf Basis positiver Forderungen gegründet. Die Frankfurter Erklärung von Attac Deutschland z.B. enthält 15 konkrete Forderungen die bekanntesten sind Maßnahmen zur Schließung von Steueroasen, die Tobin-Steuer, soziale und ökologische Standards im Welthandel, die Streichung von Schulden. Das sind ganz konkrete Dinge, die könnten Regierungen beschließen wenn sie es denn nur wollten. Es gibt keinen Mangel an Alternativen, es gibt einen Mangel an politischem Willen.
Express: Das klingt nach Reformprojekten. Will Attac Reformen oder grundlegende Veränderungen?
Griegold: Attac beruht auf einem Konsens von sehr vielen Organisationen und Menschen mit sehr verschiedenen politischen Weltanschauungen. Das ist auch das Besondere an Attac. Das bedeutet, unsere konkreten Forderungen sind Forderungen, die von Menschen mit sehr verschiedener Weltanschauung geteilt werden können. Sie sind von ihrem Charakter, was man als Reform bezeichnet aber in internationaler Perspektive. Die Diskussionen hingegen, die Attac unter dem Titel "Eine andere Welt ist möglich" führt, gehen sehr viel weiter und sind in der Perspektive sehr offen. Dort legt Attac sich aber nicht fest, um die Breite unseres Bündnisses nicht in Frage zu stellen.
Express: Findet international Kooperation statt?
Griegold: Mehr und mehr. Attac hat sich ja von vornherein international auf Basis einer internationalen Erklärung gegründet. Es gibt regelmäge Treffen von Attac in Europa und weltweit, z.B. das Weltsozialforum. Das letzte praktische Beispiel waren die vielen internationalen Freiwilligen, die in Frankreich bei der Kampagne für das pro-europäische Nein geholfen haben. Die Intensität der internationalen Kooperation nimmt ständig zu. Das ist auch einer der großen Verdienste der globalisierungskritischen Bewegung, dass so etwas wie eine praktisch zusammenarbeitende Zivilgesellschaft weltweit entsteht, z.B. auf den Sozialforen.
Express: Du erwähntest die Kampagne gegen die EU-Verfassung. Was sind ansonsten Attacs Aktionsformen?
Griegold: Attac ist zuvorderst eine Aktion zur Aufklärung, d.h. wir wollen uns und andere in Fragen von weltweiter Gerechtigkeit und kritischer Ökonomie bilden. Auf dieser Aufklärung basieren dann die Aktionen. Aufklärung ist so wichtig, weil es nie zu einer anderen Politik kommen wird, solange wir Expertinnen und Experten die wirtschaftlichen Fragen überlassen. Menschen aus ganz verschiedenen Bereichen, also Gewerkschaften, Kirchen, sozialen Organisationen und progressiven Strömungen müssen ökonomische Fragen und die Alternativen in diesem Bereich verstehen. Erst dann kann es zu Alternativen kommen, und wir können die wirtschaftliche Globalisierung der neoliberalen Expertokratie entreißen.
Express: Wie steht Attac zum Linksbündnis WASG/PDS?
Griegold: Innerhalb von Attac gibt es dazu Personen mit ganz unterschiedlichen Positionen: Menschen, die große Hoffnung darin haben, andere, die Parteien sowieso sehr skeptisch gegenüberstehen, und Menschen, die Mitglieder anderer Parteien sind. Attac als Organisation steht dem neutral gegenüber. Wir werden das neue Wahlbündnis genauso wie die übrigen Parteien mit unseren Forderungen konfrontieren.
Interview: Timm Zwickel
Für sein erstes Objektiv aus dem Hause Leica hat Michael Agel buchstäblich ein Jahr gearbeitet. "Ich hatte damals als Betriebswirtschaftsstudent ein Praktikum bei Leica gemacht. Als das zu Ende war, bin ich gefragt worden, ob ich hier noch weiter jobben will und man hat mir als Bezahlung ein Leica-Objektiv meiner Wahl angeboten", berichtet der Mittdreißiger. Ein verlockender Vorschlag, den der Fotoenthusiast nicht ablehnen konnte. Schließlich bekam Agel nicht nur das Objektiv, sondern auch eine feste Stelle bei der weltweit für Präzision und Zuverlässigkeit renommierten Kameraschmiede in Solms im Lahn-Dill-Kreis. Inzwischen arbeitet er seit elf Jahren bei Leica, betreut den Profiservice und blickt trotz der schweren Krise des Kamerabauers, der seit Herbst vergangenen Jahres immer tiefer in die roten Zahlen gerutscht ist, zuversichtlich nach vorn: "Was mir persönlich immer wieder Kraft gibt, ist die weltweite Solidarität."
Die ausschließlich in Handarbeit gefertigten Fotoapparate der Leica Camera AG, die aus dem 1849 in Wetzlar gegründeten Optik-Unternehmen Leitz hervorgegangen ist, haben nach wie vor Kultstatus. Der Markenname Leica steht seit Jahrzehnten für Präzision und Zuverlässigkeit. Allein der mechanisch-optische Funktionscheck pro Objektiv dauert in der Kameraschmiede bis zu einer halben Stunde. "Manchmal inserieren sogar Optikfirmen aus den USA in der Lokalzeitung, weil sie bei Leica ausgebildete Feinoptiker suchen", sagt der Wetzlarer Leica-Experte Lars Netopil. Schließlich sei bei Leica die Identifikation der Mitarbeiter mit dem traditionsreichen Unternehmen und der Marke immer noch extrem hoch, weiß Betriebsratsvorsitzender Edgar Zimmermann. "Wer hier arbeitet, dem ist sehr wohl bewusst, dass die Kunden Besonderes erwarten."
So haben die Leica-Kameras auch wesentlich dazu beigetragen, die Optikindustrie an Lahn und Dill weltweit bekannt zu machen. Starfotografen wie Sebastian Salgado, Anton Corbijn oder Jim Rakete haben der Firma, in der Mechaniker Oskar Barnack einst die erste Kleinbildkamera der Welt entwickelte, ihre Unterstützung versichert. Auch Regisseur Wim Wenders habe "gerade erst" seine Hilfe angeboten, berichtet Agel. "Und es gibt auch viele Berühmtheiten aus der Musikszene etwa Eric Clapton oder Bryan Adams, die hinter Leica stehen."
Auf der außerordentlichen Hauptversammlung Ende Mai hat sich das angeschlagene Traditionsunternehmen erstmal eine Atempause verschafft: Die Aktionäre billigten mit großer Mehrheit ein umfangreiches Rettungspaket, das dem verlustreichen Kamerahersteller frisches Geld zuführen soll. Die drohende Pleite ist damit vorerst abgewendet, die Leica Camera AG steht allerdings vor weiteren Hürden. Mit den Banken, die bisher nur eine Überbrückungsfinanzierung bis Mitte Juni zugesagt haben, muss die Firma um eine längerfristige Lösung ringen. Und die geplante Sanierung funktioniert nur, wenn die 13,5 Millionen neuen Aktien zur Aufstockung des Kapitals auch gezeichnet werden.
Trotz der trüben Aussichten blieben die Angriffe der Anteilseigner auf der Hauptversammlung meist zahm. Aktionärsschützer warfen dem Management zwar "hausgemachte Probleme" vor, signalisierten aber früh ihre Zustimmung zu dem Sanierungskonzept von Vorstand und Aufsichtsrat. "Es gibt keine Alternative¯, sagte Herbert Hansen von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). "Es ist die einzige Möglichkeit, dieses Unternehmen zu erhalten."
In den vergangenen Jahren hatte Leica bereits mehrere Sanierungsrunden eingeläutet. Das nun geplante Rettungspaket beinhaltet eine Kapitalherabsetzung und eine anschließende Kapitalaufstockung durch die Ausgabe neuer Aktien. Damit die Marke mit dem Nimbus der Langlebigkeit und Tradition am Markt bleibt, setzt das Unternehmen außerdem auf Neuheiten bei Sportoptik-Produkten sowie bei digitalen Kameras. Schließlich hat die Firma nach Ansicht von Kritikern den Trend zur Digitalfotografie schlicht verschlafen.
Dass glaubt Betriebsratsvorsitzender Zimmermann eigentlich nicht. "Wir setzen auf langlebige Produkte auch im an sich schnelllebigen digitalen Bereich. Das bedeutet, dass man auch erstmal abwarten muss, bis die digitalen Systeme die nötige Qualität liefern." Deshalb könne man der Firmenleitung auch keinen Vorwurf machen, den Trend zur Digitalkamera verschlafen zu haben. Zimmermann: "Wir sind den Weg mitgegangen." Auch in der aktuellen Krise sei das Verhältnis zwischen Firmenleitung und Belegschaft sehr gut. Im Leica-Betriebsratszimmer zeigt eine Karikatur einen Frosch, der schon halb im Schnabel eines Storches verschwunden ist, aber immer noch eisern den langen Hals des Vogels umklammert. "Die Parole ist: Niemals aufgeben", sagt Zimmermann ernst. "Wir kämpfen für unsere Philosophie von wertbeständigen Produkten."
Julia Ranniko/Georg Kronenberg
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