Gesellschaftlich genießen die "Halbgötter in Weiß" zwar nach wie vor hohes Ansehen doch die Mediziner klagen zunehmend über hohe Arbeitsbelastung, geringe Bezahlung und undurchdringliche Bürokratie. "Vielleicht war unser Einkommen vor 20 Jahren viel zu hoch, aber jetzt ist es definitiv viel zu wenig", klagt etwa ein 27 Jahre alter Mediziner.
Demonstrativ lassen Ärzte in Gießen daher ein aus Ballons gebildetes "Luftschloss vom reichen Mediziner" platzen. Eine ausgehängte Gehaltstabelle treibt ihren Blutdruck nach oben, und manche liegen auf Tragen mitten in der Fußgängerzone am Tropf. Im benachbarten Marburg grillen Kollegen "arme Würstchen". Angesichts der schlechten Arbeitsbedingungen liebäugeln etliche Mediziner mit einem attraktiveren Job im Ausland, wie Andreas Scholz von der Ärzte-Gewerkschaft Marburger Bund berichtet.
So hätten sich im vergangenen Jahr 1080 Ärzte aus Deutschland zur Arbeit in Großbritannien angemeldet. Zum Vergleich: In Hessen werden Scholz zufolge jedes Jahr rund 1100 Medizinstudenten fertig ausgebildet. "Viele von uns wollen nach Schweden oder England abwandern", bestätigt die 26-jährige Angelika Okwieka, die ihr Medizinstudium in zwei Monaten abschließen wird. Auch ihr Kommilitone Gregor grübelt, ob er Deutschland den Rücken kehren soll: "Entlohnung und Arbeit stehen hier doch in keinem Verhältnis."
Auf Plakaten machen die Mediziner deutlich, was ihnen am Arbeitsalltag in der Klinik besonders stinkt. "Forschung und Lehre für die Ehre?", "1-Jahresvertrag Familiensarg" und "Müde Ärzte, fiele Vehler" steht in dicken blauen und roten Lettern auf den Transparenten, mit denen gut 100 Mediziner in einem Protestzug durch die Gießener Innenstadt ziehen. "Jeder Lastwagenfahrer muss nach vier Stunden eine Pause machen, aber wir sollen immer durcharbeiten", empört sich Narkose-Facharzt Bernd Hartmann (36).
Bereits seit Montag legen Ärzte in Hessen und Baden-Württemberg aus Protest gegen längere Arbeitszeiten und Gehaltskürzungen ihre Arbeit nieder und den Klinikbetrieb lahm. Nur Notfälle werden versorgt. Den Abschluss der bundesweiten Aktionswoche bildet am Freitag eine Kundgebung in Berlin. Der Marburger Bund kritisiert, dass Mediziner künftig auf Urlaubsgeld und einen Teil des Weihnachtsgeldes verzichten, dafür aber bis zu 42 statt 38,5 Stunden arbeiten sollen. Die geplante Privatisierung der Kliniken in Gießen und Marburg spielt bei dem Warnstreik dagegen keine Rolle. Die Erhöhung der Wochenarbeitszeit werde schlicht zum Stellenabbau genutzt, bemängelt Scholz. "Die Arbeit, die jetzt elf Ärzte machen, soll dann von zehn Ärzten erledigt werden."
Dabei hätten Hessens Unikliniken bereits einen gewaltigen personellen Aderlass verkraften müssen: Während Ende 2003 in Frankfurt, Gießen und Marburg noch 1661 Mediziner angestellt waren, sei ihre Zahl innerhalb eines Jahres auf 1482 geschrumpft. Und das bei einer deutlich geringeren Verweildauer der Patienten in den Kliniken und einem "Heiden-Bürokratieaufwand" von bis zu vier Stunden am Tag.
Dass der Vorstand der verlustreichen Gießener Klinik die Ärzte-Warnstreiks angesichts der schwierigen finanziellen Situation kritisiert, stößt bei dem 34 Jahre alten Facharzt Markus Meister auf Unverständnis: "Irgendjemandem muss der Streik ja wehtun dann aber doch lieber dem Klinikum als den Patienten."
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