Schon den Namen "Universitätsklinikum Gießen und Marburg" sah der Marburger Klinikchef Prof. Matthias Schrappe als Provokation. Trotz der alphabetisch korrekten Reihenfolge schreibe die Bezeichnung den Konflikt zwischen beiden Standorten fest, monierte er im März. Vier Monate später erhielt der ärztliche Direktor nur den Stellvertreterposten im Vorstand der frisch fusionierten Klinik. Nun nimmt der 50-Jährige vorzeitig seinen Hut: Seinen Vertrag, der bis 2007 läuft, löst er bereits zum 1. September auf. Schrappes Rückzug ist der bisherige Höhepunkt im Kleinkrieg zwischen den benachbarten Universitätsstädten.
Der Streit geht ums Grundsätzliche um Existenz und Schwerpunkte der rund 30 Kilometer voneinander entfernten Kliniken. Als das Land bekannt gab, die Krankenhäuser verschmelzen zu wollen, sahen sich die Marburger zunächst obenauf: Dort stehen die wesentlich moderneren Bauten. Die Gießener dagegen befürchteten, mit ihren maroden Gebäuden und einem Investitionsstau von geschätzten 200 Millionen Euro zu einer "Außenstelle" Marburgs degradiert zu werden.
Je stärker das Land jedoch die Weichen in Richtung Privatisierung stellte, desto mehr drehten sich die Vorzeichen um. Ministerpräsident Roland Koch (CDU) will die Kliniken bundesweit erstmalig Anfang 2006 in private Hände geben. Während der Gießener Vorstand den Plan voll und ganz unterstützte, wehrten sich die Marburger mit Händen und Füßen. Sie befürchteten, ins Hintertreffen zu geraten, und brachten vergeblich die Alternative ins Spiel, beide Kliniken unter dem Dach einer Stiftung zusammenzuschließen.
Bei dem monatelangen Tauziehen rissen immer wieder tiefe Gräben zwischen den Standorten auf. Um die vom Land verlangte Bildung von medizinischen Schwerpunkten gab es schier endloses Gezänk. Das Marburger Stadtparlament holzte gegen "einseitige, emotional gefärbte Beiträge" aus der Nachbarstadt. Der Gießener Uni-Fachbereich Medizin wiederum warf den Marburger Vorständlern vor, Gießen in den Fusionsverhandlungen zu benachteiligen; damit disqualifizierten sie sich für eine gemeinsame Führungsspitze. Und nach der Gründung der Bürgerinitiative "Rettet die Klinika" in Marburg wurden in Gießen prompt warnende Stimmen gegen die "Privatisierungs-Verhinderer" laut.
Trotz des jahrhundertealten Konkurrenzverhältnisses rechne er mit einer guten Zusammenarbeit beider Häuser, hatte Wissenschafts- Staatssekretär Joachim-Felix Leonhard (parteilos) bei der Vorstellung des neuen Vorstands im Juli gesagt. Doch mit der Ernennung seines Gießener Kollegen Prof. Wolfgang Weidner zum Vorstandsvorsitzenden musste sich Schrappe brüskiert fühlen. Schließlich erledigt Weidner den Job neben seiner Aufgabe als Urologie-Professor während er selbst im Hauptamt als ärztlicher Direktor fungiert. Schrappe kehre Marburg auch aus Enttäuschung den Rücken, erklärte Leonhard vergangene Woche und rüffelte die "öffentlichen Diskreditierungen" aus dem Gießener Fachbereich.
Die Rivalität zwischen den Hochschulen wurzelt nach Ansicht des Gießener Historikers Prof. Peter Moraw im erbitterten Wettstreit um Studenten und Geld: "Die Universitäten konkurrieren auf engem Raum miteinander. Und die Situation verschärft sich immer dann, wenn Finanznot herrscht." Von Anfang an hätten zudem konfessionelle Unterschiede eine "ungeheure Rolle" gespielt; die Gießener Hochschule wurde 1607 als Gegengewicht zum calvinistischen Marburg gegründet, um die lutherische Tradition zu erhalten. Auch Äußerlichkeiten sind für Moraw bedeutsam: Marburg liege zwar geographisch ungünstiger als Gießen, die Stadt könne aber mit ihrer Attraktivität punkten.
Den Namensstreit um das "Uniklinikum Gießen und Marburg" übrigens wollte der frühere Marburger Oberbürgermeister Dietrich Möller (CDU) mit einer Bierdeckel-Lösung entschärfen. Wenn die Städtenamen auf dem Logo kreisrund wie auf einem Bierdeckel angeordnet wären, könne sich niemand benachteiligt fühlen. Der Vorschlag fand nirgends Gehör.
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