Graf Moritz Strachwitz hat schon manchen Traum von der Blaublütigkeit platzen lassen. Den Mitarbeiter des Deutschen Adelsarchivs ziehen regelmäßig eifrige Ahnenforscher zu Rat, die sich mit einem "von" im Namen schmücken wollen. "Aber auch wenn schon die Großmutter erzählt hat, dass die Familie eigentlich adelig sei: In den allermeisten Fällen stimmt es nicht", sagt der Archivar schmunzelnd. Das Marburger Archiv, das persönliche Daten rund um die Angehörigen des historischen Adels sammelt, feierte an Samstag sein 60-jähriges Bestehen.
Hauptaufgabe der Sammelstätte ist die Herausgabe der "Genealogischen Handbücher des Adels", dem "Who is Who" des Standes. Wer in die fürstlichen, gräflichen, freiherrlichen und adeligen Werke aufgenommen werden darf, ist strikt reglementiert, wie Archivdirektor Christoph Franke berichtet. "Aufnahmefähig sind alle Geschlechter des historischen Adels aus dem früheren "Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation" also nur, wer von einem adeligen Mann in legitimer Ehe abstammt." Die Bücher stehen in der Tradition des bereits seit 1764 veröffentlichten "Gotha". "Im adeligen Volksmund werden die Bände immer noch Gotha genannt", sagt der 43-Jährige.
Seit dem Wiederaufleben der Tradition im Jahr 1951 hat das Archiv 138 Bände publiziert. Darin werden etwa Geburts-, Hochzeits- und Todesdaten, Berufe sowie Adressen von knapp 4500 Familien edler Herkunft auf den neuesten Stand gebracht. Obwohl "Durchlaucht" und "Hoheit" für die Veröffentlichung ihrer Daten pro Manuskriptseite 50 Euro zahlen müssen, stoßen die Nachschlagewerke laut Franke auf reges Interesse: "Es bringt Prestige." Außer beim Adel selbst fänden die Handbücher vor allem in Bibliotheken Platz. "Ich habe noch keinen Bürgerlichen gesehen, der eine komplette Reihe zu Hause stehen hat."
Auch wenn ihre Privilegien längst abgeschafft sind: Dass Herzöge und Fürsten, Prinzessinnen und Freiherren nach wie vor weite Teile der Bevölkerung faszinieren, führt Franke vor allem auf den "Glamour" zurück. "Und vielleicht fehlen auch Vorbilder in der Gesellschaft." Die Anziehungskraft des Adels bekomme das Archiv besonders bei Hochzeiten, unehelichen Kindern der Edelleute oder spektakulären Todesfällen zu spüren, erzählt Strachwitz. Nach dem Tod von Lady Di etwa sei die Einrichtung regelrecht überrannt worden. Im Normalfall bearbeiten die vier Mitarbeiter mindestens 20 Anfragen pro Tag.
Dass das bundesweit einzigartige Archiv in Hessen entstand, war reiner Zufall. Bereits im Oktober 1945 hatte Regierungsrat Hans Friedrich von Ehrenkrook auf der Basis einer privaten Sammlung so genannte Flüchtlingslisten mit Informationen über Adelsfamilien zusammengestellt die Vorläufer der Handbücher. Nach seiner Flucht aus Breslau verschlug es Ehrenkrook nach Marburg. Das Archiv war zunächst in seinem Haus untergebracht, nach einem Zwischenspiel im Staatsarchiv beherbergt nun eine alte Villa in der Innenstadt die Bestände. Herzstück der Einrichtung ist die 20 000 Bände umfassende Bibliothek mit Familiengeschichten des deutschstämmigen Adels. Das Archiv erhält keine öffentlichen Mittel, sondern finanziert sein jährliches Budget von rund 250 000 Euro überwiegend aus Spenden sowie aus Gebühren von Adelsfamilien und Benutzern. Wer etwa wissen will, ob er selbst adeliger Abstammung ist oder wie Mitglieder des Standes korrekt angesprochen werden, muss für die Auskünfte zahlen. Träger der Einrichtung ist eine Stiftung von Angehörigen des Adels.
Umstritten sei allerdings, wer angesichts der "fortschreitenden Verbürgerlichung" heute überhaupt zum Adel zähle, sagt Strachwitz. Am Namen sei die Zugehörigkeit nicht mehr abzulesen, zu viele adoptierte oder eingeheiratete Adelige schmückten sich zu Recht mit einem "von" im Briefkopf. "Bei dem hohen Prozentsatz von Eheschließungen mit Bürgerlichen kann man eher von einer Auflösung des Standes sprechen." Diese Entwicklung lasse eine neue Schicht entstehen, betont der Wirtschafts- und Sozialhistoriker Franke: "Sie ist nicht mehr traditionell adelig, aber auch nicht traditionell bürgerlich."
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