Express Online: Filmkritik | 8.8.2002

Männerfilm

Pedro Almodóvars Hable con ella - Sprich mit ihr zeigt Obsessionen und benennt die Zwischentöne jenseits des Urteils

[Filmszene]Am Anfang steht ein taumelnder Tanz. Pina Bausch lässt im wehenden weißen Kleid ihren Körper durch die Stuhlreihen des ,,Cafe Müller" fallen. Mit diesen Bildern beginnt Pedro Almodóvars Film ,,Hable con ella - Sprich mit ihr". Es ist ein typischer Film von Almodóvar, oder vielleicht wäre es besser zu sagen: Es ist einer seiner typischen Männerfilme. Almodóvars große Erfolge, wie ,,Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs" (1988), ,,High Heels" (1991) oder ,,Alles über meine Mutter" (1999) waren Frauenfilme. Seine Art zu inszenieren zeigte die liebenswürdigen Marotten jener Frauen, die in ihrer Umwelt an ihren Rollen verzweifeln müssen, und sie zeigte Männer, die an diesen Frauen verzweifeln. Diese Männer stehen in Almodóvars Männerfilmen im Mittelpunkt, und meist sind es keine schwarzen oder tragischen Komödien mehr, sondern einfühlsame und melancholische Tragödien. In diesem Muster ist ,,Hable con ella" ein Meisterwerk.

Der Film zeigt zwei unterschiedliche Paare, den Journalisten Marco (Darió Grandinetti) und die Stierkämpferin Lydia (Rosario Flores) sowie den Krankenpfleger Benignio (Javier Cámera) und die Tänzerin Alicia (Leonor Watling). Marco und Lydia finden beide aus dem Status des Verlassenseins zueinander. Doch als sie beginnen, sich ihrer Geschichte zu stellen, verunglückt Lydia bei einem Stierkampf und fällt ins Koma. Im Krankenhaus lernt der verschlossene Marco den Pfleger Benignio kennen, der sich um die Komapatientin Alicia mit aufopferungsvoller Hingabe kümmert. Die befremdende Intimität des Pflegers zu seiner Patientin ist gekoppelt an eine Offenheit und Ernsthaftigkeit Benignios, der als einziger Alicia nicht aufgibt, mit ihr redet und umgeht, als wäre sie wach und bei Sinnen. Die entstehende Männerfreundschaft bringt stückweise die Geschichte Benignios zum Vorschein.

Im Kontrast zu den vollkommen objektivierten Frauen, die beide auf unterschiedliche Art als Projektionsflächen ihrer Bedürfnisse und Ängste dienen, zeigt Almodóvar das Porträt eines in der aufopfernden Abhängigkeit zu den Frauen seines Lebens - erst die Mutter, nun Alicia - gefangenen Mannes. Die Distanz schwindet. Nicht nur die zwischen Benignio und Alicia, sondern auch die zwischen Marco und Benignio. Und die zwischen Zuschauer zu dem Innenleben der gezeigten Männer. Almodóvar arbeitet in der Auflösung der Zeitebenen, den eingeschnittenen ästhetischen Ruhe- und Symbolpunkten, zwei Tänzen, einem Lied und einem Film-im-Film, an der Auflösung dieser Distanz. Die kontroversen Themen Leben und Tod, Gewalt und Begehren verlieren darin ihre Konturen. Auf unangenehme Art verliert der Zuschauer sein Urteilsvermögen.

Doch ,,Hable con ella" wird deshalb trotzdem nicht unkritisch. Er zeigt vielmehr die Zwischentöne und motiviert zum Nachvollziehen, das nicht zwangsläufig in Verstehen mündet. Erst das Darstellen der Obsession, das Gefangensein im zum Objekt reduzierten Körper - sowohl des weiblichen wie auch des männlichen - eröffnet schließlich wieder das Herausgehen, das Auferstehen und eine tatsächliche Liebe. Ein Urteil verbaut ,,Hable con ella" dennoch. Doch auch das ist typisch für Almodódovars Filme, egal ob sie die Innensicht von Frauen oder von Männern zeigen.

Tobias Ebbrecht

 Express Online-Leser/innen:

Christine
am 17.8.2002 um 15:01 Uhr:
Ein grandioser Film!

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