Was macht ein verlottert aussehender amerikanischer Literaturwissenschaftler, wenn er bei seinen Recherchen in der London Library in einem alten Buch plötzlich einen Originalbrief des Dichters Henry Ash in den Händen hält? Genau. Er versucht, sich nichts anmerken zu lassen und lässt das wertvolle Zeitdokument mitgehen. So zumindest Roland Michell (Aaron Eckhart).
Ursprünglich in die englische Metropole gekommen, um beim kauzigen Professor Blackadder (Trevor Eve) als wissenschaftlicher Assistent zu fungieren, macht sich Michell nun auf den Weg, um Dr. Maud Bailey (Gwyneth Paltrow) aufzusuchen, die ihn beim weiteren Umgang mit dieser interessanten Entdeckung unterstützen könnte. Schließlich ist sie diejenige, die über Leben und Werk der viktorianischen Dichterin Christabel LaMotte forscht, der offensichtlichen Adressatin der Briefe Ashs. Das Besondere an der ganzen Sache: Sollte Henry Ash, der der Geschichtsschreibung als "romantic poet" und treuer Ehemann bekannt ist, eine Affäre mit einer anderen Frau gehabt haben, so müsste die Historie neu geschrieben werden ...
Sanfte Überblendungen und geschickt eingefädelte Wechsel offenbaren uns fortan einen Einblick in zwei intime Begegnungen: 1859 lernt Henry Ash (Jeremy Northam) auf einer Gesellschaft die weniger berühmte Dichterin Christabel LaMotte (Jennifer Ehle) kennen und schätzen, woraus im Laufe der Zeit eine sprichwörtlich leidenschaftliche Affäre entsteht; in der Gegenwart wiederum stoßen Roland und Maud auf weitere verborgene Schriftstücke und kommen sich selbst näher.
Theaterautor und Regisseur Neil LaBute hat mit diesem Film eine Adaption des romantischen Schinkens "Possession" der englischen Schriftstellerin und Kritikerin Antonia S. Byatt inszeniert. Das Buch deklarierte Marcel Reich-Ranicki als "geistreichen Unterhaltungsroman für gebildete Leser". Ähnliches mag auch der Film zuweilen suggerieren, obwohl LaBute lediglich die romantischen Aspekte des 19. Jahrhunderts und die Spitzen auf die Philologen in der Umsetzung gelungen sind. Spannung sucht man vergebens, die literarische Schnüffelei bleibt eher unspektakulär und soft.
Es wäre zudem selbstverständlich noch einen Tick schöner, etwas über das vergangene Liebesleben realer Poeten zu erfahren, doch "Besessen" will uns nicht einen solchen Einblick gönnen. Die Figuren der viktorianischen Zeit bleiben Leinwand-Fiktion, denn Schreiber wie Henry Ash oder Christabel LaMotte hat es nie gegeben - leider.
Express Online-Leser/innen: Express Onlineam 12.12.2002 um 00:01 Uhr: |
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