Express Online: Filmkritik | 11.9.2003

Hinter der Wahrheit

John McTiernan konstruiert mit Basic ein verstörendes Verwirrspiel

[Filmszene]Was ist Wahrheit? Diese Frage stellt das Kino immer wieder. Das Spiel der Bilder simuliert Realität, bis die Fiktion realer zu sein scheint als die Wirklichkeit. Im Thriller ist das Spiel mit der Wahrheit selbst zum Teil der Erzählung geworden. Mittlerweile kann man sich sicher sein, dass irgend etwas nicht stimmt, wenn eine Geschichte zu glatt aufzugehen scheint. Besonders geeignet für das Spiel mit der Wahrheit ist das Militär.

Dieser geheimnisumwitterte gesellschaftliche Raum lädt wie kaum ein anderer zu Spekulationen, Projektionen und Verschwörungstheorien ein. Das hat das Kino längst erkannt, und so ist nicht erst seit dem Erfolg der Militärgerichtsfilme der Investigation-Film als Subgenre des Militärfilms zu größerer Popularität gelangt.

John McTiernan ("Die Hard"), Experte für Spannung und Action, macht sich dies in "Basic" zunutze und erzählt auf der Basis von James Vanderbilts komplexem Drehbuch eine Geschichte über Wahrheit und Lüge, in deren Zentrum die Ermittlung eines "Vorfalls" bei einer militärischen Übung im Dschungel Panamas steht. Mit den Ermittlungen ist Julia Osborne (Connie Nielsen) betraut, aber sie bringt aus den beiden überlebenden, schwer verletzten bzw. verstockten Zeugen nichts heraus. So wird ihr der Ex-Militär Tom Hardy (John Travolta) zur Seite gestellt, der aus einem der Zeugen den Tathergang herauskitzelt. Doch die Version des anderen klingt davon grundverschieden. Schließlich gibt es so viele Wahrheiten wie Versionen, und gleich Osborne beginnt auch der Zuschauer zu straucheln. Das Verwirrspiel steigert sich bis zum Ende des Films immer weiter und konstruiert einen Rahmen, in dem schließlich niemandem mehr zu trauen ist.

McTiernan verwendet dazu das klassische Mittel der Rückblende, die die verschiedenen Versionen der Zeugen in Szene setzt. Wie ein Dirigent wirkt in diesem Reigen der Geständnisse John Travolta, der den erzählerischen Mittelpunkt des Films bildet. McTiernan scheint, wie auch in seinen Filmen mit Bruce Willis oder Arnold Schwarzenegger, den Schauspieler und seine eigene "Filmgeschichte" mit in die Erzählung einzubeziehen. Das führt jedoch dazu, dass die anderen Figuren, vor allem Connie Nielsen, konturlos bleiben und von der verwickelten Story überrollt werden. Das Netz von Lügen und Intrigen, das McTiernan und Vanderbilt ausgelegt haben, fängt schließlich die Geschichte selbst. Hinter der Wahrheit verbirgt sich nichts - zumindest kein Film.

Tobias Ebbrecht

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Dietmar Kesten   [ Dke3557782@aol.com ]
am 1.12.2003 um 16:08 Uhr:
BASIC
VERLOREN IM DSCHUNGEL DER LEERE von DIETMAR KESTEN, GELSENKIRCHEN, 14. SEPTEMBER 2003. Von Johann NESTROY stammt der Satz: „Täuschung oder getäuscht werden. Wer glaubt, dass es ein Drittes gäbe, der täuscht sich selbst, so wahr ich lebe.“ Das könnte man als Motto von „Basic“ nehmen, wenn davon ausgegangen werden sollte, dass man es hier mit einem Film zu tun hat, der mit Verwirrung und der Täuschung spielt . Zum Filminhalt: Wieder geht es ums Militär. Nach einer Übung in Panama kehren ein Sergeant und einige seiner Männer nicht mehr zurück. Die Chefin der ortsansässigen Militärpolizei (Connie NIELSEN) und ein früherer Soldat der Elite-Truppe versuchen, aus den widersprüchlichen Aussagen Überlebender das Geschehen zu rekonstruieren, welches sich in Wahrheit abgespielt hat. Was vielleicht als ein Militärthriller (an)gedacht war, verliert sich im anschließenden Gestrüpp eines schlechten Drehbuches, das Lügen und Drogengeschichten ebenso enthält wie die übliche Strickerei von Mord, Korruption und Rache. Mit zahlreichen Rückblenden versucht es noch zusätzlich seine Inszenierung zu rechtfertigen, die dann in einer langatmigen Schlusssequenz nichts mehr zu retten vermag: außer Rat- und Hilflosigkeit beim Zuschauer zu hinterlassen. Eigentlich könnte man von John McTIERNAN, der noch mit „Stirb Langsam“ glänzte, mehr erwarten als einen mittelmäßigen Aufguss bekannter Streifen. Erinnert werden soll an den Klassiker „Rashomon“ von Akira KUROSAWA aus dem Jahre 1950, oder auch mit Abstrichen an das Militärdrama „Eine Frage der Ehre“ von 1992 (Regie: Rob REINER) mit Jack NICHOLSON und Tom CRUISE. Diesem Film ist mit Logik und Intelligenz nicht beizukommen. Und seine inhaltlichen Wendungen sind mehr das Ergebnis dem Dunklen, das in weiten Strecken des Filmes die Ereignisse reflektiert, das abzuringen, was dem unglaubwürdigen Ende noch den Hauch einer Rettung der Thematik einhauchen soll: ihm einen strukturellen Handlungsverlauf mit einem roten Faden zu geben. Leider gibt es beides nicht. So dümpelt „Basic“ vor sich hin. Mal tritt die Action in den Vordergrund, mal ein munteres Detektiv-Spielchen mit vertauschten Rollen und plumpen Dialogen. Das aufgesetzte Ende mit seinen total widersprüchlichen Angaben wirkt gebrochen und die Spannung, von der man meint, sie könnte von Anfang an aufgebaut werden, versinkt im Schlamm. „Basic“ wirkt unschlüssig. Mal will er Militärfilm sein, mal Drogenkrimi und mal Sozialstudie. Wahrheit und Wirklichkeit werden nie kritisch hinterfragt, kaum kunstvoll verknüpft. Das Wesen der Geschichte ist seine Unentschlossenheit. Das macht ihn vielleicht zu einem ‚Flash Mob’, dem der offensichtliche Unsinn anhängt, und der ebenso unerwartet wieder verschwindet wie er an die Öffentlichkeit tritt. Die Rückblenden des Geschehens wirken aufgesetzt, die zwar aus mehreren Blickwinkeln erzählt werden, quasi als bebilderte Aussagen der Verhörten. Sie jedoch Häppchenweise in die laufende Handlung einzublenden, ist ein Affront gegen jeden Cut. Weder sind sie chronologisch geordnet oder überhaupt miteinander verwoben. Militärmoral ist eben kein Unterrichtsstoff. Er alleine kann pädagogische Inhalte vermitteln. Die Lebensgeschichte von Soldaten, Militär-Polizisten oder anderen Armeeangehörigen zu erzählen, hat etwa unglaubwürdiges an sich. Die subjektive Sicht kreist doch mehr um militärische Regeln und einem Kodex-Schmuckwerk mit bitterem Beigeschmack. In einer Welt, in der sich der die Pluralität des Denkens mehr und mehr militärischen Inhalten unterwirft, hat die Freigeistigkeit kaum noch ernsthafte Chancen, dem zu entrinnen. Das Leben ähnelt leider zunehmend mit dieser Art zu denken und zu leben. Wenn es solchen Filmen immer wieder gelingt, die Politik der Militärs und ihrer Befindlichkeit zu erzählen, dann sollte die Erkenntnis heranreifen, dass die eruptive Gewalt in der Geschichte sicher auch damit zu tun hat. In einer Zeit, in der die Welt mit einer Welle von Kriegen, Terror und anderen kriegerischen Handlungen sich konfrontiert sieht, sind Filme wie „Basic“ wahrlich kein Genuss. Allein John TRAVOLTA als Tom Hardy, der seit “Pulp Fiction” (Regie: Quentin TARANTINO, 1994) in jedem seiner Filme gute schauspielerische Kunst ablieferte, rettet „Basic“ wenigstens etwas. Zwar kann auch er die krude Story nicht glätten, doch sein lässiges und cooles Auftreten ist schon sehenswert. Dagegen ist Samuel L. JACKSON als Sergeant Nathan West fast eine Fehlbesetzung; denn er wirkt eigentlich immer unterfordert. Wenn am Ende des Films West, seine Rekruten, Tom Hardy und die Chefin der Militärpolizei gemütlich beim Bier zusammensitzen und sich über ihren Clou freuen, die Drogenhändler im Militär entlarvt zu haben, bleibt nur noch gähnende Leere übrig. Fazit: „Basic“ will ein Militärthriller sein, der sich aber als verworrene Mixtur aus Krimi und Kriegsspiel entpuppt. Rasch verliert man jedes Interesse, dem Geschehen etwas abzuringen. Allein John TRAVOLTA befreit ihn ein wenig aus dem Orkan, der als beständiger Begleiter des Films nicht nur alle Gegenstände und Einrichtungen wegfegt, sondern die sinnlos zuckenden Bilder selbst.

Express Online
am 11.9.2003 um 00:01 Uhr:
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