Express Online: Filmkritik | 18.9.2003

Psychotherapie im Regen

James Mangold will mit Identität einen Psychoschocker erzählen - leider behandelt er dazu sein Thema zu unoriginell

[Filmszene]Identität": schon der Titel von James Mangolds Psychothriller fasst kurz und bündig sein Thema zusammen. Was haben zehn Menschen, die ein sintflutartiges Unwetter in einem einsamen Motel zusammenbringt, gemeinsam? Warum treffen sie sich in dieser Nacht zufällig und warum sterben nacheinander Menschen aus ihrer Mitte?

Mangold bedient sich für "Identität" des reichen Arsenals als Horror- und Psychomotiven, zu denen längst auch sein Thema, die Identität oder Nichtidentität verschiedener oder eines Menschen zählt. Natürlich ist schon der Handlungsort, das einsame Motel, kein zufällig gewählter. Die Erinnerung an den Schrecken aus Hitchcocks "Psycho" beim Zuschauer ist gewollt und zieht diesen in die ansonsten wenig überraschende Handlung.

Der Limousinen Chauffeur und Ex-Cop Ed (John Cusack) überfährt in der stürmischen Nebelnacht eine Frau. Obwohl seine Kundin, eine abgehalfterte Schauspielerin (Rebecca DeMornay), ihn zur Fahrerflucht auffordert, hilft er der Verletzten und ihrer Familie und fährt sie in das nächste Motel. Dort treffen auch noch ein Call-Girl, ein Polizist und sein Gefangener, sowie ein frisch verheiratetes Pärchen ein. Motelmanager Larry (John Hawkes) ist darüber sichtlich überrascht. In der selben Nacht führt ein Gefängnistherapeut einen Psychokiller (Pruitt Taylor Vance) vor eine Untersuchungskommission, um Klarheit über seinen Geisteszustand vor seiner Hinrichtung zu bekommen. Was hat er mit den Ereignissen in dem einsamen Motel zu tun? Als dann im Motel die geheimnisvollen Morde geschehen, bricht Panik aus und Ed führt die so unterschiedliche Truppe bei der Suche nach einem verborgenen Sinn an, der sie alle zusammengebracht hat.

Mangold spielt ausgiebig mit dem Wissen und Nichtwissen seiner Zuschauer, um die überraschende Wendung am Schluss des Films ausgiebig auszukosten. Dabei verlässt er sich vor allem auf das von einem überzeugenden John Cusack angeführte Schauspielerensemble, aus dem neben Cusack vor allem Amanda Peet positiv heraussticht. Ansonsten ist "Identität" ein klassischer Psychothriller, der allzu hohe Erwartungen enttäuscht. Die angedeuteten psychologischen und psychopathischen Motive werden nicht, wie beispielsweise in "Das Schweigen der Lämmer" oder dem bereits erwähnten "Psycho", in die Gestaltung und den Ausdruck des Films übersetzt. Sie dienen Mangold vor allem als Plot. Auch die Intensität der Bedrohung, sowie der Angst und des Misstrauens steigert Mangold nicht in der Weise durch Spannungsaufbau und Suspense, dass der Zuschauer selbst davon betroffen würde. So ist "Identität" leider eher Stangenwahre, als ein herausragendes Kinoereignis.

Tobias Ebbrecht

 Express Online-Leser/innen:

Dietmar Kesten   [ Dke3557782@aol.com ]
am 1.12.2003 um 16:06 Uhr:
IDENTITÄT
DER LETZTE VERSUCH? von DIETMAR KESTEN, GELSENKIRCHEN, 20. SEPTEMBER 2003. Ein Motel ist Ausgangs- und Endpunkt einer Geschichte, in dem es sich prima sterben lässt. In „Identität“ sind es eine Reihe Übernachtungsgäste, die nach dem Prinzip der ‚zehn kleinen Negerlein’ fortan nun massakriert werden. Sie sitzen in einem Motel fest, weil ein Gewitter, überflutete Straßen und ein Funkloch ihr Fortkommen verhindern. Die Schockeffekte beginnen und nach dem ersten Blutrausch fragt man sich: welche Verbindung besteht unter den Eingeschlossenen? Bei der Suche nach den Antworten fördert der Film eine Reihe von Wahnsystemen und Alpträumen hervor, die den Schrecken ins Reich des Grauens verlagern, dazu noch schrecklich genau, eingepasst in die Flut der Horror-Filme, die dem Fluss des Geschehens folgen. Selbst die beruhigende Erkenntnis, dass die bedrohliche Atmosphäre von „Identität“ und die Auflösung sich in raffinierte Verwirrung verflüchtigt, ist kein Hinweis darauf, dass der allerletzte Schock im Kino vorbei ist. Denn alles was bisher in ‚Splatter Movies’ gezeigt wurde, kann noch längst nicht als die Grenze bezeichnet werden, die als diabolische Farce inszeniert sich als Schnappschuss der Hölle darstellt. Das schmatzende Vernichtungswerk ist im Film kaum aus dem Bilderrahmen, dem es entstiegen ist, verbannt. Der neue Horror, oder müsste man sagen, der (neu-)artige Horror (?), gehört zu den körperfressenden Movies, die zwar die ‚Freddy-Krueger’ Saga vom Freitag dem dreizehnten oder eines anderen Werkes der Zombie-Industrie hinter sich gelassen haben, doch die Schwelle, dass alles teilbar ist, was spritzt, ist immer noch erst der Anfang. Ein letztes Aufbäumen ist nicht in Sicht. Und damit haben die Blut-Orgien jene Stufe erreicht, wo wir als Opferlamm im Kino alle Schreckenssekunden durcherleben, die sich in ihrer Entsetzlichkeit mechanisch konstruieren. Und zu dieser Mechanik gehört das Spiel mit den vertrauten Motiven. Mehr als 40 Jahre sind vergangen, seit Alfred HITCHCOCK den Duschmord in „Psycho“ (1960) aus Dutzenden von Einstellungen zusammengesetzt hatte, die alle den einen, entscheidenden Vorgang, von dem die Szene handelt, nur suggerierten, ohne ihn zu zeigen. Das Spiel mit der menschlichen Angst schien sich stabilisiert zu haben. Und im Kino konnte man sich trotzdem entspannen! Seit dieser Zeit hat das Kino der Grausamkeiten ungemeine Fortschritte gemacht. HITCHOCK wollte in „Frenzy“ (1971) eine Großaufnahme vom Mund einer erwürgten Frau zeigen, aus dem die speicheltropfende Zunge hängt. Sein Produzent verbot es ihm. Heute lacht man darüber, weil die Macher dieser Gattungen, den Stoff und das Medium Film als Hort der Exesse der Gewalt verstehen. Aus der vermeintlichen Schwäche eines Alfred HITCHCOCK zieht man hinterrücks das Syndrom der Perversion und der Faszination der Killer und ihrer ‚Präzisionsarbeit’, die Augenlust und Nervenschock gleichermaßen produzieren. Dieser Film als einzige Bluttat ließe sich mühelos vergessen, wenn es nicht die Zeichen der Zeit gäbe! Jüngst hat nun wieder ein Durchgeknallter mit einem Samurai-Schwert Herr über Leben und Tod gespielt. Und die alltäglichen, plötzlichen und wahllosen Überfälle auf harmlose Bürger enthüllen auch die Skrupellosigkeit dieser Triebtäter, die mit der Pistole oder mit einem Messer in der Hand zum äußersten entschlossen scheinen. Jene Wahlverwandtschaft mit dem Horror im Film ist bestimmt kein Zufall, und wenn die trügerische Tarnung abfällt, kristallisiert sich heraus, dass der heutige ‚freundliche Alltag’ in Wirklichkeit nur Kulisse für das Entsetzliche, für den Horror der gesellschaftlichen Verhältnisse ist. Die Gegenwart ist somit Furcht und Zittern, vor allem da, wo sich alles in ein Dunkel hüllt, aus dem es kein entweichen zu geben scheint. Auf mysteriöse Weise quälen uns diese Filme mit der Präsenz von Mord und Totschlag. Und hinterlassen ein ganzes Arsenal an Schuldgefühlen, denen wir kaum Herr werden. Das neurotische oder psychotische Fehlverhalten der Killer der heutigen Tage entspricht eben spiegelbildlich den Blendungen dieser Movies. Die Rückkehr zum Motel, in dem die in die Handlung verwickelten Personen unweigerlich in die unschuldigen Selbstanalyse (der Geburtstag verbindet sie alle) hineingeraten, verweist unverhohlen auf den Hexenkessel des Horrors: alles ist Inszenierung, alles Maske. Der Horror legt sie herein. Das sagartige Motel, das vergangene Ereignisse noch einmal reflektiert, ist das Konfrontationsgesetz, dass blutige Morde, Sexualität und Grausamkeit mit einer ästhetisierenden Allianz umwebt; denn die ‚unschuldig Schuldigen’ sind nur Spielball der voyeuristischen und panischen Hilflosigkeit der Gaffer unserer Tage. Die um Hilfe flehenden Opfer sind eben auch jenen genretypischen Standardsituationen ausgesetzt, die wir als beklemmend empfinden, aber nur selbstreflexiv begleiten: es wird schon nicht so schlimm sein!! Diese schmerzhaften und überkonstruierten Dramaturgien machen das tödliche Alltagswerkzeug im Film und in der Realität aus. Halluzinationen und Angsträume, die seit Sigmund FREUD, Erich FROMM, Joseph BREUER und anderen Identitätskrisen des modernen Menschen auslösen können, hatte noch Jack NICHOLSON in „Shining“ (1980, Regie: Stanley KUBRICK) perfekt verarbeitet und in Szene gesetzt. Der Film, der nur am Rande ein Horror-Film war, und deshalb womöglich auch oft zu Missverständnissen führte, ist eine der besten Studien über die Wechselwirkung von Schein und Sein, Realität und Illusion. Das Spiel mit der tumben Seele, die traumatischen Abgründe, die sich jenseits des gesunden Menschenverstandes im verborgenen offenbaren, ist natürlich auch hier mit Fetzen der gesellschaftlichen Verhältnisse verwoben. Doch die suggestive Symphonie des Schreckens ist nur angedeutet, hat aber in der Zwischenzeit einen nahezu globalen Charakter bekommen, und ist im Horror-Spektakel dieser Zeit die zwanghafte Wiederholung des postmodernen Kreuzzuges der Warengesellschaft. Und man kann es kaum begreifen: das Gewaltmonopol liegt in „Identität“ in den Händen eines jungen Menschen, eines Kindes. Im übrigen ist auch dies ein aktuelles Phänomen. Das erregt mehr Abscheu als Verständnis. Dem Horrorfilm mag man selbst das nicht verzeihen. Zwar ist auch letztlich die Verwandlung angesagt, wenn die Personalität aufgelöst wird, doch im Zuge des Marodierens wirkt das eher lächerlich. Fazit: Die entscheidenden Schlachten im Horror-Movie stehen vermutlich noch bevor. „Identität“ dürfte mit zu diesen Vorstufen gehören. Er ist pathologisch-grobschlächtig. Die Anleihen an David LYNCH sind unübersehbar. Regisseur James MANGOLD („Cop Land“, 1997 mit Sylvester Stallone als Sheriff Freddy Hetlin) setzt auf blutrünstige Schockeffekte, die nur ein Ziel haben dürften: die Kassen der Produzenten zu füllen. Die wirklichen Gefahren außerhalb des Kinos sind offenbar schon so bedrohlich geworden, dass die reinigenden Konflikte im Kino nicht mehr glaubhaft erscheinen. „Identität“ ist genau deshalb ein schlechter Film, der brutale Gewaltrituale zelebriert und der Angst-Lust freien Lauf lässt.


am 27.9.2003 um 17:30 Uhr:
Stangenware ohne h

Dennis   [ dennis.funsurfer@gmx.de ]
am 20.9.2003 um 17:36 Uhr:
Fandet Ihr den Film auch so enttäuschend wie Herr Ebbrecht?

Express Online
am 18.9.2003 um 00:01 Uhr:
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