Paris 1968: Die berühmte Cinémathèque Francaise soll geschlossen, ihr legendärer Leiter Henri Langlois entlassen werden. Mit dem Streit über die Cinémathèque, die Geburtsstätte der Nouvelle Vague und der Cinephilen, der Film- und Kinoliebhaber, beginnt auch der Frühling des Protests, in dem der alte de Gaulle und die demonstrierenden Studenten sich unversöhnlich gegenüberstehen.
Bertolucci würzt seinen Film "Träumer" mit einer kräftigen Prise Sozialromantik, aber er will auch eine Kinogeschichte erzählen. Politik und Kunst kreuzen sich und daraus entsteht in "Träumer" ein drittes Moment: Sexualität und Liebe.
Der protestierende Körper, angekettet an die Tür des Kinos, der am Ende des Films zu einem Massenkörper des Protests anschwillt und der Schauspielerkörper, hinter dem sich die drei Protagonisten des Films bei ihren Spielen verstecken, wenn sie in Humphrey Bogart oder Marlene Dietrich schlüpfen, werden zum lustbesetzten Körper einer sich selbst entdeckenden gemeinsamen Pubertät.
Darum verläßt "Träumer" auch nach kurzer Zeit den öffentlichen Raum, in dem sich das Politische artikuliert, und folgt den Zwillingen Isabelle (Eva Green) und Theo (Louis Garrel) sowie ihrem amerikanischen Freund Matthew (Michael Pitt) in einen Mikrokosmos, in dem der Wunsch des Aufbegehrens, die Entdeckungen der Liebe und das Kino sich verbinden.
Als die Eltern von Isabelle und Theo für einige Wochen Paris verlassen, laden die Geschwister Matthew ein, mit ihnen die Zeit zu verbringen. Die Wohnung wird zu einem von der Außenwelt abgekapselten Raum, in dem sich verschiedene Metamorphosen vollziehen. Sie wird zum Kinosaal, in dem die drei sich gegenseitig Filmszenen vorspielen und sie wird zur Höhle, in der die drei ihre Körper entdecken. Aber sie wird auch zum unübersehbaren Labyrinth, in dem die Jugendlichen sich selbst zu verlieren drohen. Erst als ein Stein durch das Fenster fliegt, dringt die Außenwelt mit einem Schlag wieder an diesen Ort der Exterritorialität. Der Protest zieht die drei auf die Straße, doch die Realität trennt ihre Wege.
Träumer" ist weder ein Kunst-, noch ein Mainstreamfilm. Bertolucci vermengt wie in vielen seiner Filme europäische Ästhetik mit amerikanischer Erzähltradition. Dominiert wird der Film von den drei jungen Schauspielern, die der arg konstruierten "Laborkonstellation" Leben einhauchen. Das Kino und der Film bleiben aber eher ein unmotivierter Auslöser für eine Entwicklung, die sich für ihre Vermengung mit der Kunst nicht mehr weiter interessiert.
Träumer" ist ein Film über das Erwachsenwerden und die Schwierigkeiten der Identitätsfindung. Der französische Frühling des Protests und das Kino sind dafür nur Hintergrundbilder.
Express Online-Leser/innen: Dietmar Kesten [ Dke3557782@aol.com ] am 24.4.2005 um 14:30 Uhr: |
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DIE TRÄUMER
DIE LETZTE AFFÄRE VON PARIS von DIETMAR KESTEN, GELSENKIRCHEN, 31. JANUAR 2004. Bernardo BERTOLUCCI sagte: „Dies ist mein persönlicher Film... er drückt meinen Wunsch nach einem Neuanfang aus. Wenn wir uns im Jahr 1968 ins Bett gelegt haben, dann haben wir es mir der Vorstellung getan, dass wir am nächsten Morgen in der Zukunft aufwachen. Nicht am nächsten Tag, sondern in der Zukunft.“ (Zitiert nach: „Die Zeit“ Nr. 22, 22. Januar 2004). BERTOLUCCI, der den „Letzten Tange von Paris“ (1972) drehte, wusste damals noch, welche Leidenschaften, Konflikte und Sinnlichkeiten der Film dem Entdecker bietet, wusste noch, was ringsherum im Kino geschieht, wenn man der Industrie und dem Publikum Träume bietet. Über 30 Jahre nach dem „Tango“ träumt er wieder, und er möchte, dass wir „in der Zukunft aufwachen“, nicht „am nächsten Tag“. So bewegen sich denn Traum und „Die Träumer“. „Die Träumer“ ist ein Rückblick in das Paris des Jahres 1968, wo sich zwei Geschwister mit einem US-Boy vergnügen. Sie lernen sich während einer Protestaktion im Mai 1968 kennen, als der Direktor und Gründer der Cinemathek Henri LANGLOIS vom Kulturminister Andre MALRAUX entlassen wurde. Das alles ist umrahmt von der Revolte der studentischen Jugend. Es sind die alten Träume im Kino, wovon alle Geschichten zehren. Egal wie lange ein Film dauert: einhundertzwanzig Minuten, neunzig oder hundertachtzig Minuten. Man darf das nicht spüren, sonst zerbricht die Suggestion. Im Kino gibt es zwei Ausgänge, einen in der Realität und einen im Schlaf. Erst wenn die reale Zeit, die von beiden Seiten auf sie einstürmt, vernichtet ist, wird sie zu einem Reich, in dem man wohnen kann. Der Traum ist nur eine schwache und mitunter auch lästige Metapher für diesen Zustand, in dem die unglaublichsten Dinge glaubhaft erscheinen. Und doch sind Träume im Kino die klaustrophobische Kulisse, mit deren Hilfe sich Filme verwandeln können: statt der Leichtigkeit der Bilder das Bleigewicht der Reflexion. Das ist der Unterschied zwischen Bild und Nachbild im Traum. Nachbilder sind Bilder, die etwas hervorrufen und zeigen, was man auf der Leinwand nicht sehen kann. „Die Träumer“ ist voll von solchen Nachbildern, Leerstellen, an denen die Geschichte stockt und zum Abklatsch verklumpt. Dazwischen gibt es Momente, in denen eine andere Logik sichtbar wird, in denen das Kino über seinen Gegenstand triumphiert. Beides zusammen ergibt noch keinen gelungenen Film. Ein solcher Hintergrund gibt manchmal sogar die Einsamkeit und die Entrückung des Filmemachers preis, wenn dieser vor diesem einen konventionellen Film stellt. Nun hat auch „Die Träumer“ in der gehobenen Filmbesprechung die Lobpreisungen bekommen, die man auf einer anderen Ebene vom „Herrn der Ringe“ kennt. Georg SEESSLEN hat sich in „Der Zeit“ langatmig zu BERTOLUCCI geäußert. Seine Hommage an ihn und „Die Träumer“ deckt sich in etwa mit den Filmbesprechungen von Daniel KOTHENSCHULTE in der „Frankfurter Rundschau“ vom 31. Januar 2004 und der von Fritz GÖTTLER in der „Süddeutschen Zeitung“ selbigen Datums. „Die Träumer“ von Bernardo BERTOLUCCI erhält dort eine Würdigung, die schwerlich nachvollziehbar erscheint, und die ihn als Rebell und weniger als Traditionalisten erscheinen lassen, der er aber eigentlich auf filmischer Ebene immer war. Erinnert werden soll an seine Filme „Der letzte Kaiser“ (1986), „Himmel über der Wüste“ (1990), „Little Buddha“ (1993). Seine ziellosen Reisen durch die konkret-sinnliche aber auch metaphysischen Ebene der Träume und der Sinnfragen in diesen Filmen, spiegelt auch seine eigensinnige Realität wider, die durch und durch von Klischees durchsetzt ist, und die nun eine Entsprechung in seinem neusten Film findet. BERTOLUCCI hat eine Ewigkeit an seinem Prophetendasein gebastelt. Große Würfe sind ihm außer „Der letzte Tango von Paris“ kaum gelungen. Und nun dreht er einen Film, der sich mehr mit Neigungen als mit Obsessionen, eher mit der Hingezogenheit zu einer Epoche, als zu einem Thema, und eher mit Figuren beschäftigt, als mit einem politischen Traum. Die BERTOLUCCI Darstellung über den Mai 1968 gehört mit zu den seltsamsten Filmen, die ich über diese Zeit gesehen habe. Eigentlich kommt Politik darin überhaupt nicht vor, wenn man von den Eingangsszenen und des immer noch fliegenden Pflastersteins, der die jungen Menschen jäh aus ihrem Liebesspiel zum Ende des Films reißt, absieht. Dazwischen gibt es eine Diskussion über den Vietnamkrieg und einen Disput über Jimmy HENDRIX und Eric CLAPTON. Ansonsten dümpelt der Film zwischen Geschlechtsorganen der Protagonisten, die DIE entscheidende Rolle spielen, aufgeknöpfter Kleider, Schamhaaren, Masturbation, Geschwisterliebe, eines Dreiers in der Badewanne und Geschlechtsverkehrs vor sich hin. BERTOLUCCI als Spanner? Und das alles zum Wohle und im Namen des Kinos und seiner ihm eigenen Schaulust, versteht sich. Auch wenn BERTOLUCCI seine Helden (wie bei TRUFFAUT) über eine Brücke rennen lässt, oder GODARD reanimiert (Sprint durch den Louvre), so sind seine vergangenen Utopien nichts anderes als ein morscher Hochsitz, auf dem es sich gut altern lässt. Von dort aus lassen sich die Träume seiner Helden bestens ertragen, lassen sie sich von der Symbiose zwischen Kino und Leben, von dem Versuch politischer und sexueller Revolution miteinander zu vermengen, prächtig vereinnahmen und mit nostalgischer Etikettierung ins Reich der „Männerphantasien“ (THEWELEIT) überführen, und zwar auf einer Ebene, die weit über die ödipale Konstruiertheit und inszenierte Liebesgeschichte hinausgeht, die nur hier und da die Politik atmet und über die Subkultur nicht hinauskommt. BERTOLUCCI und seine flotierenden libidinösen Energien verlieben sich in sich selbst. In einem wahren Beziehungsrausch bewegen sich seine Figuren Matthew (Michael PITT), Isabelle (Eva GREEN) und ihr Zwillingsbruder Theo (Louis GARRE). Ihre Individualität besteht aus autoerotisierenden Ersatzhandlungen und einem ausgeprägten Gefühl von ‚sexueller Befreiung’, die bei näherer Betrachtung nichts anderes als eine adoleszente Verklemmung ist. Der 68er Versuch, die Lust und die Sexualisierung aus ihrer Agonie herauszuholen, beschrieb der Philosoph THEWELEIT so: „Nicht um Liebe und Erotik ging es demnach bei der ‚sexuellen Befreiung’, sondern vor allem um den forcierten Versuch, sich vom ‚naziverbundenen Elternkörper’ loszureißen und die durch elterliche Berührung per Ansteckung übertragenen ‚faschistischen Verbrechen’ aus dem eigenen Leib und der eigenen Psyche herauszuwaschen.“ Ein Akt der psychohistorischen Hygiene oder rituellen Reinigung also, in dem die Objekte der Sexualität, der sexuellen Begierde und der sexuellen Berührungen austauschbar waren und damit sekundär. Dieses hypochondrische Weltgefühl der damaligen Zeit, wenn man ihm denn zustimmen sollte, das nur ein paar Sekundenbilder die Pariser Nacht erleuchtet, endete dann auch vielmehr in der ‚sexuellen Repression’. Denn sich von der kontaminierten Welt der Eltern abzunabeln und sich zu ‚entidentifizieren’ um dann sozusagen als ‚befreites Individuum’ wieder aufzuerstehen und sich selbst zu verwirklichen, sind die persönlichen Traumata dieser Bewegung, die selbst ein BERTOLUCCI höchst unzureichend reflektiert. Er konstruiert an der Handlung, werkelt am Licht, biegt und fummelt sich eine Geschichte zurecht. Das hat nun alles nichts mit dem politischen Diskurs, sexueller Befreiung und der Zeitgeschichte zu tun. Der Pariser Mai 1968 brachte das Land an den Rand eines Ausnahmezustandes. Linksradikale aufgeputzte Mythen der Revolte und der Resistance trafen auf konservative Mythen der Republik und Nation. Gerettet wurde die Republik nicht durch Charles De GAULLE, sondern von dem Millionenaufmarsch Klein-Frankreichs, das im Sonntagsstaat auf dem Champs Elysees auftrat, um mit der Trikolore seinen bescheidenen Nachkriegswohlstand zu verteidigen. Und endgültig endete die Revolution im Millionen-Stau der Familienkutschen, die wie von GODARD filmisch verdichtet- ins „Weekend“- in die verlängerten Pfingstferien fuhren. Die (sexuelle) Anarchie der Jugend wurde so am Ende durch die verbissene Anarchie der Kleinbürger gebrochen. Man staunt nicht schlecht, wenn etwa SEESSLEN formuliert: „Es ist, als würde man mit dem Erfolg auch die Süße vereinnahmen wollen. Es ist verboten, lustvoll von 68 zu sprechen. Die Botschaft, wenn man denn schon eine suchen will, in „Die Träumer“ liegt in der Offenheit, der Freiheit, der Leichtigkeit, mit der sich der Regisseur zugleich in seinem eigenen Kosmos und in der Geschichte der Revolte bewegt. Vielleicht muss man eben doch einen gewissen Reifegrad haben, um an diesen magischen Ort vor der Revolution zurückzukehren.“ SEESSLEN formuliert hier ungeschminkt ein Bild, das man vielleicht von BERTOLUCCI und der damaligen Zeit sehen möchte. Doch beide sind sich hier ziemlich selbstgerecht. Und sie reißen die Abgründe noch tiefer auf. Der Nachlass der 68er Bewegung: das ist der vergiftete Strom der Geschichte, der immer noch weiterfließt. Bei BERTOLUCCI schiebt er sich qualvoll neuen, trüben Ufern zu. Fazit: Die Träume und „die Träumer“ lagen damals auf der Straße. Es ist an der Zeit, das sie auch dort begraben bleiben. Träume verschwinden aus der Geschichte, sie tauchen unter und machen sich davon. Das Leben findet sie dort, wo man sie vielleicht nicht vermutet. Das ist das Wahre. Etwas über sich selbst lernen, das ist der Traum, der sich durch die Geschichte zieht: denn der Traum nach der Wahrhaftigkeit im Leben ist traumhafter als jedes andere Geschwätz darüber. |
j [ j7318@noavar.com ] am 23.1.2005 um 18:59 Uhr: |
Express Onlineam 15.1.2004 um 00:01 Uhr: |
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