Animationsfilme werden gemeinhin als Unterhaltung für die ganze Familie deklariert. Doch von diesem Werk lässt sich das weniger sagen: "Das große Rennen von Belleville" ist ein avantgardistisches Meisterstück, das sich mehr auf skurrile Figuren und schräge Einfälle konzentriert als Pixar sich mit seinem kunterbunten Kosmos der Zitate beschäftigt.
Die Geschichte dreht sich um den kleinen, korpulenten Jungen Champion, der bei seiner Großmama lebt, die ein zu kurzes Bein hat und darum einen Schuh mit ausgesprochen dicker Sohle trägt. Die alte Dame zieht den trübseligen Enkel, den sie adoptiert hat, zum schlaksigen Radprofi auf. Nach einem harten Training durch die steilen Pflasterstraßen der Stadt wird Champion, dessen nun streichholzdünner Oberkörper im Kontrast zu den durchtrainierten Beinen steht, eifrig mit allerhand Küchengeräten massiert.
Weshalb all die Mühe?", fragt sich der Betrachter. Die Antwort kommt prompt: Der jugendliche Extremsportler nimmt an der Tour de France teil. Doch während der Strapaze durch die Berge wird er trickreich von zwei großen, mysteriösen Männern in schwarzen Anzügen entführt. Die Verfolgung seiner Spur führt die Großmutter und ihren treuen Hund Bruno in einem Tretboot (!) über den Ozean in die unübersichtliche Wolkenkratzermetropole von Belleville ...
Da der Film mit gelb-braunen Farbtönen und einem kongenialen Jazz-Soundtrack auf die dreißiger Jahre rekurriert, ist er eher für künstlerisch anspruchsvolle Zuschauer höheren Alters geeignet, auch deshalb, weil sich Kinder nur eingangs mit der Hauptfigur identifizieren können. Und die geschickt eingefädelten Zitate an Jacques Tati werden kleine Zuschauer kaum verstehen, oder? Visuelle Gags und in den Hintergrund tretende Dialoge bestimmen nämlich wie bei Tati das Szenario.
Ab und zu staunt man daher über die einfallsreiche Montage (ein Hamburger wird etwa zu einem knautschigen Gesicht eines Mafia-Bosses) und fühlt sich von dem exzellenten Bild-Ton-Rhythmus mitgerissen. Außerdem gibt es noch drei schrumplige Ladies zu bestaunen, die Froschgerichte lieben und mit Zeitung, Staubsauger und Kühlschrank musizieren. Für solch witzige Ideen und all die kleinen Details, die an dieser Stelle nicht verraten werden sollen, hätte dieses grandiose Leinwanderlebnis auf jeden Fall den Oscar verdient gehabt. Doch die Nomination hat nicht gereicht. Die goldene Preisfigur ging wie selbstverständlich an Pixar für das erfolgreiche Mainstreamprodukt "Findet Nemo" ...
Express Online-Leser/innen: jcapbyrd [ jcapbyrd ] am 23.6.2010 um 17:59 Uhr: |
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Express Onlineam 8.4.2004 um 00:01 Uhr: |
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