Express Online: Filmkritik | 20.5.2004

Cölbe und Europa

Mitte Europas in Mittelhessen? In der Dokumentation Die Mitte geht Filmemacher Stanislaw Mucha auf topographische Entdeckungsreise, das wahre Zentrum Europas zu finden

[Filmszene]Wir suchen die Mitte Europas" erklärt ein Mann einen anderen, doch der hat natürlich keinen blassen Schimmer. Ein Autofahrer, dem das Problem ebenfalls gestellt wird, antwortet: "Essen ist die Mitte von Europa". Das soll die offizielle und geografische Mitte sein. Aber stimmt das denn wirklich? Zweifel sind begründet, wie sich bald herausstellt.

Vor einer Gaststätte erklärt ein Koch: "Wir befinden uns hier 187,5 Meter über dem Meeresspiegel, 50 Grad nördlicher Breite, 843 Sekunden westlicher Länge. Dieses sollte eigentlich der Mittelpunkt Europas sein. Ermittelt wurde die Sache durch das Institut für theoretische Geologie der Universität Bonn." Ein älterer Mann namens Schmidt will den Mittelpunkt jedoch in seinem Garten im Marburger Stadtteil Cölbe wissen.

Das Problem bei der Sache: Auch an anderen Orten finden sich Markierungen, die das Zentrum Europas darstellen. Nur liegen die merkwürdigerweise gar nicht mal so dicht beieinander. Die topografische Entdeckungsreise umfasst nämlich rund 2000 Kilometer und vernetzt sich mit Diskussionspunkten der aktuellen EU-Ost-Erweiterung.

Die Mitte" hat an sich keinen Plot, sondern ist vielmehr ein dokumentarisches Fragment, das das Prinzip des Suchens widerspiegelt. Schon anfangs wird das durch die stilbildenden Elemente angerissen, wenn unruhig-wacklige Landschaftsbilder über eine stakkatoartige Ziehharmonika gelegt werden und im weiteren Verlauf harte Schnitte die Montage bestimmen. Erläuterungen, weshalb das Filmteam jetzt zu dem Ort und nicht zu einem anderen reist, fehlen.

Auch die Gesprächspartner werden meist nicht vorgestellt, sie sind ebenfalls plötzlich da. So entstehen mitunter lustige Szenen, beispielsweise wenn Mucha in einem polnischen Ort mit einem Passanten spricht, der ihm erklärt, dass auch diese Skulptur bloß ein sinnloses Werk sei: "Das Scheißding ist weder die geometrische noch die zentrale Mitte Europas." Entmutigend fügt er hinzu: "Sie können in die Hose scheißen, aber das werden Sie nicht rauskriegen."

Ein anderes Mal wirft eine aufgebrachte Frau die Frage in den Raum: "Werden wir mehr Geld haben, wenn wir in die EU kommen?". Kritische Töne fallen auch in Litauen – eine ältere Frau beklagt, ihre Familie habe nichts zu essen, "und die machen aus allem Europa!". Immerhin wird dieser Prozess nicht als Unglück verstanden, dass auch hier einmal die Mitte Europas festgestellt wurde. Nein, ironischerweise wird der Zusammenfall der Sowjetunion als Unglück angesehen ... Ein Mann bringt es verständlich auf den Punkt: "Jetzt bist du frei, läufst aber hungrig rum", denn nun dürfe man tun und lassen, was man wolle. Nicht ohne Konsequenzen.

Frank Magdans

 Express Online-Leser/innen:

Derk Mensen   [ d.men@nordik.sk ]
am 12.1.2006 um 15:51 Uhr:
ser guter film!

Express Online
am 20.5.2004 um 00:01 Uhr:
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