Express Online: Filmkritik | 27.5.2004

Die wahre "Volksmusik"

Andi Stiglmayr beobachtet in seinem Dokumentarfilm Der bayerische Rebell den Liedermacher Hans Söllner – vor, hinter und natürlich auf der Bühne.

[Filmszene]Man hört ihn nie im Radio, sieht ihn nie im Fernsehen – und doch gehört Hans Söllner zu den erfolgreichsten Liedermachern in Deutschland. Er nimmt kein Blatt vor den Mund, redet – und singt natürlich – offen über Themen, die gemeinhin als "unbequem" gerne unter den Teppich gekehrt werden. Sein Kampf für die Legalisierung von Cannabis ist nur das populärste Beispiel der Aktionen des "bayerischen Rebells".

In seinem gleichnamigen Dokumentarfilm erzählt Regisseur Andi Stiglmayr aus dem Alltag Söllners – von Konzerten, Polizeikontrollen und Anklageschriften wegen "Ehrverletzung", allen voran gegen den bayerischen Innenminister Beckstein – da er ihn einst mit "Krähen-Kot" verglich. Stiglmayr versucht darüber hinaus, die Verbindung zu Söllners künstlerischer Arbeit zu schaffen. Warum kämpft er so rastlos gegen diesen Staat? Warum wird er von seinen Gegnern gehasst, gleichsam von seinem Fans dermaßen geliebt?

Wahrscheinlich weil Söllner es schaffte, über seine jahrzehntelange Schaffenszeit hinweg zu einem Sprachrohr zu werden. Nicht nur gleichgesinnte Veteranen kaufen Karten für seine Konzerte, der Film zeigt auch die "Nachwachsenden": junge Menschen, die Söllner für sich entdecken. Mitunter glaubt der Künstler aber gerade bei seinem jüngeren Publikum eine gewisse Wirkungslosigkeit seiner Worte zu erkennen. Die Aktionsfreude ließ im Gegensatz zu früher wohl einfach nach – er hofft auf kommende Generationen, die dem Staat "einfach mal den Stecker ziehen".

Mein Job ist es, dass ich Angeklagter bin, so wie der andere halt Richter ist", erklärt Söllner einem Journalisten des ORF nach einer Gerichtsverhandlung vor laufender Kamera. Diesmal wegen des Besitzes von rund 1,2 Kilogramm Industriehanf. Im überfüllten Sitzungssaal fordert der Staatsanwalt 45.000 Mark Strafe – der Richter urteilt milde, 6.000 Mark muss Söllner zahlen. Die Show ist gelungen. Ein Journalist fragt den Liedermacher, welche Auftritte ihm besser gefallen: "Die auf der Bühne oder die im Gerichtssaal?"

Regisseur Andreas Stiglmayr kann, das ist ihm wichtig, "außer Abitur und diversen Führerscheinen" keine Abschlüsse aufweisen – und ist stolz, seinen Weg "fernab von allen Filmhochschulen selbst gebahnt zu haben." Dem Film tut das gut. Er ist Low-Budget – keine Frage. Genau darum wahrscheinlich auch so authentisch. Wie es dem Ausnahmecharakter eines Hans Söllner anders auch gar nicht stehen würde.

Christian Schulze Wenning

 Express Online-Leser/innen:

Express Online
am 27.5.2004 um 00:01 Uhr:
Bisher keine Meinungen von Express Online-Leser/innen

 Ihre Meinung:
Name:

Email-Adresse:

Meine Meinung:


[ Zurück zum Kinoprogramm ]

Copyright © 2004 by Marbuch Verlag GmbH