Express Online: Filmkritik | 20.1.2005

Geschichtslose Geschichte

[Filmszene] Filmnarr und Flugzeugfan: Martin Scorseses Aviator widmet sich der Lebensgeschichte des schwerreichen Howard Hughes

In diesen Wochen strahlt der Bayrische Rundfunk Martin Scorseses Zweiteiler "Meine italienische Reise" aus. Dieser Filmessay aus der Sicht eines der wohl größten Cineasten der Gegenwart verbindet die persönliche Geschichte des italienischen Einwandererkindes mit wichtigen Teilen der Filmgeschichte. "Meine italenische Reise" ist Scorseses bisher einziger Film über Film, auch wenn Elemente seines cineastischen Wissens in allen seinen Werken, insbesondere "Taxi Driver" oder "Gangs of New York" durchscheinen.

Mit "Aviator" hat Scorsese nun einen expliziten Film über Hollywood, mehr noch über das klassische Hollywood der 30er und 40er Jahre gedreht, gegen das einst er und seine Generation aufstanden und im "New Hollywood" rebellierten. Seitdem hat sich ein neues klassisches Hollywoodkino etabliert, dessen Herz die Effekte sind, die neue technische Verfahren möglich machten und das sich nach der sogenannten "digitalen Revolution" selbst als am Ende der Geschichte angekommen sieht.

Vielleicht ist dies ein Grund, warum Hollywood gegenwärtig die "true stories", die wahren Geschichten aus der Vergangenheit als Hauptstoff für seine Filme entdeckt. Die Geschichte ist es, anhand der Filme wie "Alexander" oder "Troja" den neuen digitalen Größenwahn demonstrieren und eine vergangene Zeit ist es auch, die Scorsese nun in "Aviator" mit Hilfe neuer Farbeffekte und anderer technischer Spielereien in Szene setzt.

Im Hollywood der 30er Jahre ist auch der schwerreiche Howard Hughes angekommen, gleichermaßen Filmnarr und Flugzeugfan. Zwischen diesen Polen – Pilot und Produzent – schwankt er hin und her, genauso wie zwischen dem glamourösen Leben und der Einsamkeit, dem Genie und dem Wahnsinn, der technischen Überwindung der Schwäche und der Krankheit.

Zeitbild und Biopic sollte "Aviator" werden, aber der Film ist nur der schwache Abglanz einer vergangenen Epoche, die ihr Bild selbst in zahlreichen großen Filmen der Filmgeschichte – "Scarface", "Big Sleep", "Philadelphia Story" u.a. – für die Dauer der filmischen Ewigkeit festgeschrieben hat. Genau an diesem Bild scheitert Scorsese, den in dem von Regisseur Michael Mann übernommenen Projekt wohl die existentialistischen Momente interessiert haben, die die männlichen Helden seiner Filme immer auszeichneten. Aber Leonardo Di Caprio gelingt es in der Rolle Howard Hughes nicht, diese Krisen und extremen Gemütsschwankungen glaubhaft in Szene zu setzen. Er scheitert am fiktionalisierten Bild einer historischen Persönlichkeit, das eher Scorsese selbst, als Hughes nachempfunden zu sein scheint.

Auch Cate Blanchet, die Hughes Geliebte, die große Kathrin Hepburn spielt, verliert sich in Klischee und Karikatur einer Frau, die immer beides war, Mensch und Filmgeschöpf. Blanchet weiß nicht, wen von beiden sie spielen soll und darum zeigt ihr Schauspiel nur, was "Aviator" als ganzes deutlich macht: dass das (post-) moderne, digitale Kino nicht an seine klassischen Vorläufer heranreicht.

Tobias Ebbrecht

 Express Online-Leser/innen:

hytnylu   [ hytnylu ]
am 6.12.2010 um 0:12 Uhr:
pz7QtU abibfqvzjeno, [url

markus   [ knoblauch@fibertel.com.ar ]
am 17.2.2005 um 23:02 Uhr:
The Aviator, einer der besten Filme
ueberhaupt. Er wird in die Geschichte eingehen

Jana   [ jana117@gmx.de ]
am 31.1.2005 um 22:28 Uhr:
Also ich muss sagen, dass der Film super schlecht und zum einschlafen war...Würde ich nicht gerade weiterempfehlen

Dietmar Kesten   [ Dke3557782@aol.com ]
am 29.1.2005 um 11:07 Uhr:
AVIATOR
BLAUÄUGIGKEIT von DIETMAR KESTEN, GELSENKIRCHEN, 29. JANUAR 2005. Der Film „Aviator“ behandelt den Aufstieg des amerikanischen Tycoons Howard Hughes, der als 18-jähriger nach dem Tod seines Vaters den Hauptanteil der Firma ‚Hughes Tool Co’ erbte und zum Filmproduzenten und Flugzeugindustriellen aufstieg. 1932 gründete er die Fluglinie TWA. Im Zweiten Weltkrieg setzte er seine Investitionen fort und konstruierte u. a. die ‚Spruce Goose’. Neben seinem beruflichen Engagement bracht er auch Klassiker wie „Hell’s Angels“ (1930), „The Front Page“ (1931) „Scarface“ (1932) und „The Outlaw“ (1943) mit Jane RUSSELL auf die Leinwand. Mit Affären zu Katherine Hepburn und Ava Gardner erregte er Aufsehen. Hollywood wäre nicht Hollywood, wenn es nicht Biografien über Verstorbene und noch lebender Menschen ins Kino bringen würde. Daran gebunden sind die unzähligen Klischees. Sie waren immer Geschichten, die sich um große Märchen rankten, die von einem fliegenden Teppich stammen könnten, der sie aus fernen Ländern ins Studio bringt. Hollywood wurde so vielleicht selbst zum Film, das zu jeder Zeit die Probe der Glaubwürdigkeit zu bestehen hatte. Vom Anfang bis zum heutigen Tag zeigt uns Hollywood all seine Peinlichkeiten. Wie pubertierende Kids nahm es mal die angeberische Pose, mal die großspurige, mal die pathetische ein. Mal war es Wanderprediger, Manipulateur, Kulturbürokrat, Gleichschaltungsmaschine oder rührseliges Weinkino. Hollywood war immer eine selbstgebastelte Kanzel, von der aus Freundlichkeit, Liebe, Leidenschaften, Heldentum, Angst, Patriotismus, Güte und natürlich Macht und Reichtum gepredigt wurde. Gäbe es Hollywood nicht, dann müsste man es erfinden. Man müsste bereits schon zu Lebzeiten Biografien über diese augenfällige gesellschaftlich-kulturelle Übermacht schreiben, damit sie posthum veröffentlicht werden können. Mammut-Biografien sind so oder so schwer genießbar, sie zu lesen ist ein noch größeres und schwierigeres Unterfangen. Mit Büchern ist es wie mit Filmen: das Tempo ist atemberaubend. Sünden wie ‚Langeweile’ oder ‚Lesestopp’ kommen nur selten vor. Hollywood ist mit seinen Filmen durch eine einzigartige große Tugend gekennzeichnet: als Märchenerzähler geht es mit einer umwerfenden Naivität vor. Trotz aller Abgebrühtheit, Tricks, Finten und Kniffen. Dort stürzt die Wirklichkeit auf alles herunter „wie ein herabfallender Sandsack“ schrieb Frank CAPRA einst in seiner Autobiografie über Hollywood. Martin SCORSESE (“Alice lebt hier nicht mehr”, 1974, „Taxi Driver“, 1975, „The Band - The Last Waltz”, 1978, “Wie ein wilder Stier”, 1979, „Die Zeit nach Mitternacht“, 1985, „Die Farbe des Geldes“, 1986, „Die letzte Versuchung Christi“, 1988, „Good Fellas“, 1989, „Kap der Angst“, 1991, „Zeit der Unschuld“, 1993, „Casino“, 1995, „Kundun“, 1998, „Bringing Out The Dead“, 1999, “Gangs of New York”, 2003) war immer jemand, der Zeit seines Lebens am eigenen Mythos strickte. Eigentlich hatte er alle seine Helden zu dramatischen Menschen mit Selbstironie gestalten können. Seine Filme waren Dramen, die unter die Haut gingen, wenn etwa an das Meisterwerk mit Robert DE NIRO „Wie ein wilder Stier“ oder „Zeit der Unschuld“ mit Geraldine CHAPLIN, Daniel DAY-LEWIS und Michelle PFEIFFER gedacht wird. Die große Ehre war ihm verwehrt. Trotz der Tatsache, dass er als Regisseur in der Filmbranche eine Sonderrolle einnahm, fiel er nie sonderlich auf. Ihn zeichnete seine Liebe zum Detail aus, der Blick für das Einzelne. In „The Last Waltz“ war es das Bild der Musiker der Begleitband von Bob DYLAN, das seine Genauigkeit verdeutlichte. In „Kap der Angst“ war es einmal mehr Robert DE NIRO der zum Amokläufer wurde, und den SCORSESE als einziges Bündel von Widersprüchen bestens in Szene zu setzen verstand. Seine ‚großen Geburten’ „Taxi Driver“, „Die Farbe des Geldes“ oder „Good Fellas“ waren Inseln, die sich vom Meer des Popcorn-Kinos deutlich abhoben. Doch auch die Flops gehörten zu ihm wie die Ironie des Künstlers, der glaubt, ein Problem mit Untertönen darstellen zu müssen. „Die letzte Versuchung Christi“, „Kundun“ und vor allem „Gangs of New York“ gehören unstrittig zu seinen Tiefpunkten, während er in „Casino“, wo er den Aufstieg- und Fall eines Casinobesitzers verfilmte, womöglich versucht, seinen eigenen Weg, den er gekommen ist, noch einmal zurückzulegen; denn er hängt an sozialen Zusammenhängen mit aufgetragenen Sentimentalitäten. Selbst sein Lieblingsschauspieler Robert DE NIRO, der allein in 5 seiner Filme die Hauptrolle spielte und 1979 für seine Rolle in „Wie ein wilder Stier“ sogar einen Oscar bekam, musste in der Zwischenzeit den Hügel hinabsteigen. Er wurde ersetzt durch Leonardo DI CAPRIO, der sich schon in „Gangs of New York“ nach vorne spielte. Nun hat SCORSESE sein Herz für diesen Jüngling und Frauenheld entdeckt, der allerdings schauspielerisch bisher nicht überzeugen konnte und eher zu den mittelmäßigen Akteuren gehört. Selbst in „Titanic“ (1997) an der Seite von Kate WINSLET agierte er mehr zweckgebunden und durchschaubar und nicht mitreißend. Nun soll in Filmen nicht der Blick dem Individuum gelten, sondern der Kunst des Regisseurs, der sich über andere erhebt und mit großen Filmen Geschichte zu machen gedenkt. Man denkt sofort wiederum an CAPRA, der den Hollywoodfilm mit den Worten kritisiere: „Meine Filme werden das Herz nicht mit Logik, sondern mit Mitgefühl ergründen.“ Sollte das richtig sein, dann sieht man in diesen den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr. Das Märchenhafte und das Mitgefühl setzt sich scheinbar durch. Der Film als solcher droht trotz seiner Opulenz schmalzig und ranzig zu werden. Sollte das bei „Aviator“, einem Film der „Spitzenklasse“ verspricht, anders sein? Was sollte man von Howard Hughes lernen können oder lernen wollen, sollte man die alten Bilder der Vergangenheit beschwören, seine Exzentrik? Sollte man sich an den Nebenhandlungen des Filmes festsaugen wollen, die Cate BLANCHETT als Katharine Hepburn und Kate BECKINSALE als Ava Gardner einführen? Manche ersticken auf diesem Weg. Stimme, Gestus und Diktion bieten zwar eine Überraschung, doch die zerschlissenen Spitzentücher sind nur eine ausgedünnte Hülle dieser Melodramatik. In raschen Überblendungen, erst langsam, dann immer hastiger spielt der ganze Film. Er wird gespielt mit einer handvoll Stoff. Das ist Kunst, ohne Zweifel. SCORSESE lässt seine Protagonisten in einen Taumel der Sehnsucht hineinfallen. Sie gewinnen für uns ein Abbild längst vergangener Zeiten, Ordnungen und Rituale einer scheinbar verschwundenen Zeit. Doch je mehr sie sich verselbständigen, werden sie uns ähnlich. Die Handlung ermüdet und das alte Epochenporträts versprüht keinen Glanz mehr. Es ist wie in „Gangs of New York“. Die Kamera wird zum Magnet, die nur noch Details festhält. DI CAPRIO wirkt nur noch wie ein zufälliger Solist. Hier hat er wieder keinen Biss, ist zu penibel und introvertiert. Hughes Geschichte wird von ihm mit gebremsten Pathos erzählt. Dieses Filmmenü läuft eindeutig auf dicke Preise hinaus. Oscars sind angesagt. Da gilt die Devise: nicht kleckern, sondern klotzen. Man wundert sich, wie das Leben des Pioniers filmisch zusammengesetzt wird. Aufstieg und Fall eines Mannes zu schildern, der als Prototyp des amerikanischen Kapitalismus gelten könnten, ist zwar kein Skandal, aber auch kein wunderbares Stilleben der Gefühle; denn diese Erfolgsstory mit Akkumulation und Perfektion ist nichts außergewöhnliches im Land der ‚unbegrenzten Möglichkeiten’. Es verdichtet sich der Eindruck, dass das Leben eines neurotischen Menschen mit Macht, Geld und gehörigem Selbstbewusstsein in ein gigantisches Bilderfeuerwerk einmünden soll, auf das Hollywood scheinbar so gewartet hat. Flugzeugbau, Karambolage in den Straßen von Beverly Hills, der Traum von der interkontinentalen Fluglinie in Washington und seine Liebschaften- so huldigt man ihm am besten. Der Stoff aus dem die Träume sind und die Karrieren gemacht werden: das ist keine Botschaft der Aufmunterung , sondern kapitalistisches Sendungsbewusstsein. Solche Märchen sind nichts anderes als ein Triumph des Geldes. Es sind die Lappalien des Immergleichen. Neben dem Aufstieg steht der Fall. Hughes erntet Mitgefühl, wenn er vor Verhören in Washington erscheint, finanzielle Desaster erleidet, sich einsam zurückzieht. „Ich habe meine eigenen Kriterien im Kopf“, sagte SCORSESE einmal. Deshalb mag die ‚echte’ Geschichte von Hughes nur von einem Philosophen erzählt werden können. SCORSESE scheitert bei dem Versuch, seine Aura zu beschreiben. DI CAPRIO ist Hughes auf einer sympathische Weise deshalb völlig unähnlich. Vorbei ist die Zeit der persönlichen Helden. Sie sind gegenstandslos geworden und können heute noch nicht einmal mehr als Karikatur herhalten. Aus der postmodernen Filmkunst insgesamt ist die Sozialkritik verschwunden. Die Moral der Macht ist kein ‚Schurke’ mehr, der sich von einer Person in eine Idee, in einen Geisteszustand oder eine Lebensbedingung zu verwandeln gedenkt. Die Bilder von SCORSESE wirken stumpf, wie schon in „Gangs of New York“. Seine Bilder schließen nichts mehr auf. Der Kitsch Hollywoods hat den Meister eingeholt. Der Glaube an das persönliche Gut im kapitalistischen Menschen verkommt hier endgültig zur Lächerlichkeit. Wenn Hollywood langweilige und bloße Genrebilder oder Biografien abzuliefern gedenkt, dann ist es an der Zeit die wirklichen Masken dieses Spiels zu durchschauen. Der Versuch, Kino und Historie als Einheit zu interpretieren, ist gescheitert. SCORSESE hat nur Nostalgie übernommen. Kampf und Drama interessiert nicht mehr. „Aviator“ ist ein Film, der wie ein Klassiker aussieht, aber keiner werden wird. Fazit: Die letzten Worte Robert de Niros aus „Casino“ lauteten: „Wenn sie dich anschauen, sehen sie, was sie sein möchten. Wenn sie mich anschauen, sehen sie, was sie wirklich sind.“ Vielleicht hätte sich der Meister daran erinnern sollen! Wenn man es genau nimmt, dann möchte man mit Scorsese durchs Spielkasino wandeln, aber nicht durch Biografien von Männern der amerikanischen Geschichte.

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am 20.1.2005 um 00:01 Uhr:
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