Samstag, 8. Mai 2021
Express Online: Thema der Woche 41/2004
Express Online: Thema der Woche | 7. Oktober 2004

Kopf und Bauch

Halbzeit beim 6. Marburger Kabarettherbst (3.9. bis 3.12.): große Namen, aber auch unspektakuläre Highlights wie "Ironiemus" vergangenen Samstag im Szenario

Schwer zu definieren, was Kabarett sein soll. Sicherlich amüsant, aber doch auf eine Art, die das Lachen mitunter im Halse stecken bleiben lässt. Oder zumindest verbunden mit einer Irritation, die dem Kopf Futter zum Nachdenken gibt, während der Bauch sich vor Lachen schüttelt. Kopf und Bauch – will man es einmal auf diese Formel bringen, so lotet der Marburger Kabarettherbst das Verhältnis zwischen den beiden Polen wieder einmal in vielfältiger Variation aus.

Federführend bei der sechsten Ausgabe dieses Kleinkunst-Events, wie gehabt, der Kulturladen KFZ in der Schulstraße. Mit im Boot das Konzertbüro Emmert (die organisieren die Tour von Harald Schmidt), die Buchhandlung Lesezeichen und natürlich die Kneipe Auflauf am Steinweg. Und in deren Kunstkeller Szenario tat sich Erstaunliches am vergangenen Samstag: Das Duo Ironiemus präsentierte, taktgenau begleitet von Peter Ströher am Klavier, Texte und Chansons von Wedekind bis Tucholsky, von Brecht bis Kästner, was ja zunächst nicht allzu aufgregend klingt. Denn wer will denn noch die ollen Kamellen der zwanziger und dreißiger Jahre hören?

Doch weit gefehlt: In dem Programm "Der Triebwagen" – eine "heiter-ironische Spritztour in Sachen Liebe und andere Triebkräfte" – erweckten Elke Büchner und Matthias Herold nicht einfach nur Kaiserreich und Weimarer Republik humorvoll-leichtfüßig zu neuem Leben. Sondern sie entfalten ein Panoptikum der Frivolität, das wir mit so viel Witz und Hintersinn in der gegenwärtigen Populärkultur vergeblich suchen würden. Heute wird zwar beim Singen gern nackte Haut gezeigt, aber die Texte sind von bleierner Prüderie geprägt und ohne jegliche Pointe. Die ungemein wandlungsfähigen Künstler Büchner und Herold aber entlarvten Doppelmoral und erstarrte gesellschaftliche Hierarchien mitunter auf eine Weise, dass man die Motive aus der Gegenwart gegriffen wähnte.

Ironiemus mag als Beleg dafür dienen, dass beim Kabarettherbst auch die vermeintlich weniger gewichtigen Programmpunkte mit viel Umsicht ausgewählt sind. Ein Drittel der Veranstaltungsreihe, die am 3. Dezember endet, ist schon vorüber. Und mit Auftritten wie von Thomas Freitag, einem der besten deutschen Polit-Kabarettisten, oder auch den Lokalmatadoren Harvey & Steven ließ sich das Festival gut an.

Einer der größten Hochkaräter der zwei noch ausstehenden Drittel ist bereits ausverkauft: Der bajuwarische Obergrantler Gerhard Polt und die Biermösl Blosn – das KFZ hat jahrelang darauf hingearbeitet – beehren am 22. November die Stadthalle Marburg. Karten gibt es hingegen noch für das, neben Polt, bekannteste Gesicht des Kabarettherbstes: Marlene Jaschke, die bekanntlich immer etwas zu schnattern hat, aber in der Stadthalle (28.10., 20 Uhr) vor allem singen will. "Auf dem Weg zu Dir!" heißt ihr aktuelles Pogramm.

Ein anderer Höhepunkt, der bei Redaktionsschluss schon fast ausverkauft war, ist sicherlich der Auftritt Jürgen Beckers im KFZ (12.11., 20 Uhr). In "Da wissen Sie mehr als Ich!" lüftet er das Mysterium des Rheinischen Kapitalismus.

Aber der Kabarettherbst hat noch Einiges mehr zu bieten: Ganz aktuell z. B. nach Erscheinen dieser Express-Ausgabe am Freitag, 8.10., das vielfach erprobte Typenkabarett von Helmut Schleich (20 Uhr, KFZ), der keck behauptet: "Das Auge isst man mit". Ein Wiedersehen gibt es mit "Badesalz", die für ihr Programm "Das Baby mit dem Goldzahn" noch ein paar Freunde mit in die Stadthalle bringen (31.10., 20 Uhr). Und der sympathisch-bissige Martin Lüker haut am 11.11., 20 Uhr, im Szenario in die Tasten, wofür der Auflauf sich mit dem Verein Kultur & Leben zusammengetan hat. Und das ist immer noch nicht alles. Unter anderem gehören zum Gesamtprogramm auch wieder Veranstaltungen für Kinder – beispielsweise das Märchen "Hase und Igel" vom Theater Firlefanz für Kids ab vier Jahren (7.11., 15 Uhr, KFZ).

Der Kabarettherbst endet übrigens so, wie er begonnen hat: Damit, dass Michi Herl, den die meisten aus der Late Lounge des hessischen Fernsehens kennen, "zwei bis fünf komische Gestalten moderiert", was den Vorteil hat, dass man außer Herl auch ein paar große Nachwuchstalente der Branche kennenlernt. Dabei handelt es sich um eine Koproduktion zwischen dem KFZ und dem Frankfurter Stalburg Theater, von der noch zwei Variationen zu sehen sind (5.11. und 3.12. jeweils ab 21 Uhr im KFZ).

Weitere Infos beim KFZ unter Tel. 06421/13898. Das gesamte Programm findet sich auch unter www.marburger-kabarettherbst.de

Daniel Hajdarovic


Express Online: Thema der Woche | 7. Oktober 2004

In Revision!

Rund drei Monate nach dem Urteil vor dem Gießener Verwaltungsgerichtshof liegt den Stadtverordneten nun die ausführliche Urteilsbegründung zur am 22. Juni ungültig erklärten Oberbürgermeisterwahl in Gießen vor

Kaum liegt die ausführliche Begründung des Verwaltungsgerichts Gießen zur Ende Juni ungültig erklärten Oberbürgermeisterwahl vor, beschließen die Stadtverordneten sogleich den Gang nach Kassel. Ohne die Revisionsklage vorm Hessischen Verwaltungsgerichtshof müsste in Gießen alsbald ein neuer OB gewählt werden.

In der ausführlichen Begründung heißt es wörtlich, "dass nach der im Kommunalwahlgesetz getroffenen Regelung die Wiederholung einer Wahl angeordnet werden müsse, wenn beim Wahlverfahren Unregelmäßigkeiten vorgekommen seien." Dies sei nach Auffassung des Gerichts erwiesen, da im Vorfeld der Wahlen im Sommer vergangenen Jahres eine in der Presse veröffentlichte polemische Erklärung Haumanns gegenüber dem SPD-OB-Kandidaten Gerhard Merz unter dem Briefkopf "Magistratsmitteilungen" verteilt wurde.

Somit habe sich Haumann in seinem Amt als Bürgermeister in der Presseinformation "herabsetzend über seinen Konkurrenten bei der Oberbürgermeisterwahl geäußert." Weiter heißt es, "die in der Presseerklärung enthaltenen (...) Formulierungen überschritten den Rahmen einer zulässigen amtlichen Öffentlichkeitsarbeit. (...) Ein Bürgermeister dürfe sich nach der Rechtssprechung nicht in amtlicher Eigenschaft negativ über andere Wahlbewerber äußern oder zu deren Lasten polemische Aussagen machen." Damals bezeichnete Haumann die Politik seines Mitstreiters "so farblos wie seine Schwarz-Weiß-Plakate".

Besonders erheblich sei dies nach Auffassung der Rechtssprechung, da in Anbetracht des äußerst knappen Ausgangs der Stichwahl – Gerhard Merz und Heinz-Peter Haumann lagen dereinst gerade mal 158 Stimmen auseinander – eine "wahlentscheidene Veränderung des Wählerwillens" nicht ausgeschlossen werden könne. "Hätte daher bezogen auf die abgegebenen Wählerstimmen der Mitbewerber Gerhard Merz lediglich 80 Stimmen mehr und der Beigeladene (Haumann) diese Stimmen weniger auf sich vereinigt, wäre nicht der Beigeladene, sondern sein Konkurrent gewählt worden", stellt der Vorsitzende Richter Reinhard Ruthsatz fest.

Christian Schulze Wenning



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