Donnerstag, 4. März 2021
Express Online: Thema der Woche
Express Online: Thema der Woche | 1. April 2010

Unzumutbar

2011 sollen Hessens Hochschulen 30 Millionen Euro weniger bekommen. Gegen die Pläne der Landesregierung hagelt es von Unis und Fachhochschulen Kritik

Selten war die Wortwahl so deutlich: Er sei "entsetzt" über die Ankündigung des Landes, die Grundfinanzierung für die Hochschulen ab 2011 um 30 beziehungsweise 34 Millionen Euro pro Jahr zu senken, teilte Gießens Unipräsident Joybrato Mukherjee in einer erste Stellungnahme mit. "Diese Entscheidung gefährdet nachhaltig die Leistungskraft der Justus-Liebig-Universität in Forschung und Lehre – gerade angesichts anstehender Herausforderungen wie der Exzellenzinitiative II und steigender Studierendenzahlen", kritisierte Mukherjee. Daran änderten auch die vom hessischen Wissenschaftsministerium bei der Vorstellung der Mittelkürzungen vergangene Woche in Aussicht gestellten, aber höchst unsicheren Steigerungsmöglichkeiten in späteren Jahren nichts.

Die Sparmaßnahmen kämen nach dem vorausgegangenen mehrmonatigen Diskussionsprozess für die Universität Gießen überraschend. Die für die JLU zu erwartenden gravierenden Einschnitte seien keinesfalls durch freie Rücklagen kompensierbar, so Mukherjee.

Nicht minder deutlich hat Marburgs Unipräsidentin Katharina Krause die Vorstellungen der hessischen Landesregierung für den neuen Hochschulpakt kritisiert: "Es ist kurzsichtig, angesichts steigender Studierendenzahlen die Grundfinanzierung der Hochschulen zu kürzen. Die Landesregierung verabschiedet sich damit von dem Ziel, der Wissenschaft in Hessen Priorität zu geben."

Krause teilte mit, dass das Marburger Unipräsidium als Sofortmaßnahme wegen der Pläne des Landes eine Haushalts- und Stellenbesetzungssperre für die gesamte Universität beschlossen hat. Hintergrund: Eine vorläufige Modellrechnung, des Wissenschaftsministeriums habe für die Universität Marburg für das Jahr 2011 eine Budgetkürzung um fünf Millionen Euro gegenüber dem Jahr 2010 ergeben. Dies sei angesichts der bereits bestehenden Unterfinanzierung der Philipps-Universität unzumutbar. Die Universität verfüge auch nicht über freie Rücklagen, durch die eine solche Kürzung ausgeglichen werden könne.

Auch die Fachhochschulen machen Front gegen die Kürzung des Hochschulbudgets:

Die Konferenz hessischer Fachhochschulpräsidien (KHF) erwartet durch die Kürzungspläne der Landesregierung "ernsthafte Störungen des Lehrbetriebs".

Damit werde von dem politischen Grundsatz abgewichen, den Bildungssektor von Haushaltskürzungen auszunehmen, sagte Günther Grabatin, Präsident der FH Gießen-Friedberg und KHF-Vorsitzender. Für die Fachhochschulen bedeute dies, dass sie ihren Weg der stetigen Verbesserung der Lehre nicht wie geplant weiter gehen könnten. Einzelne Fachhochschulen sähen sich sogar in ihrer Grundsubstanz unmittelbar gefährdet. Grabatin verwies zudem auf die seit Jahren steigenden Studierendenzahlen an den anwendungsorientierten Fachhochschulen in Hessen. "Mit einem sinkenden Budget werden wir auch der großen Zahl der Studienanfänger, die wir vor allem wegen der doppelten Abiturjahrgänge in den nächsten Jahren erwarten, keine angemessenen Studienbedingungen bieten können. Wir brauchen die bestmögliche akademische Ausbildung auch deshalb, weil die deutsche Wirtschaft auf hochqualifizierte Fachkräfte angewiesen ist, wenn sie im Wettbewerb bestehen will", sagte er.

kro/pe


Express Online: Thema der Woche | 1. April 2010

Mittelhessen-Gefühl in South Dakota

Grillsaison-Verlosung
In seinem im März erschienenen Buch "Grillsaison" (ISBN: 978-3-442-12997-3) sucht Philipp Kohlhöfer das Deutschland-Gefühl. Er findet es in der Liebe, im Alkohol, einer Fahrt mit "Hitler-Travel" in Indien und einem Handtuch, das auf einer Sonnenliege liegt, in der Verklärung von Vergangenheit und dem Verhältnis eines Maschinengewehrhändlers zu David Hasselhoff. Es geht außerdem um Zeltdiscos, Krabbenpulen, die Scorpions, selbstaufgenommene Kassetten, Udo Lindenberg, Sauce Hollandaise und die politische Aussagekraft von Jogginghosen im Land der Vollkornbrote. Eine Reise durch die Höhen und Tiefen des zeitgeschichtlichen Zufalls.
Wir verlosen fünf Grillsaison-Exemplare. Wer eines davon gewinnen will, sendet bis einschließlich Dienstag, 6. April eine Mail mit dem Betreff "Grillsaison" und seiner kompletten Postanschrift an redaktion2[at]marbuch-verlag.de
Zur Person
Philipp Kohlhöfer, 1973 geboren und im idyllischen Hungen als Metzgersenkel aufgewachsen, hat Mitte bis Ende der 90er Jahre beim Gießener Magazin Express als Freier Mitarbeiter geschrieben, bevor es ihn nach Hamburg zog. Inzwischen schreibt der studierte Politologe für "Spiegel-Online"Kolumnen, seine journalistischen Beiträge erscheinen außerdem in "Neon", "Geo" (aktuelle Titelgeschichte über die "Holzmafia"), "SZ-Magazin" und "Playboy".
red
Das Deutschland-Gefühl hat er für sein Buch "Grillsaison" bei einem Maschinengewehrhändler, Nelly Furtado und auf der Malle-Sonnenliege gefunden. Im Express-Interview erzählt Autor und Heimatforscher Philipp Kohlhöfer von seinem Mittelhessen-Gefühl

Express: Für dein Buch hast du dich auf die Suche nach dem Deutschland-Gefühl gemacht. Wie sieht dein Mittelhessen-Gefühl als Hungener Metzgersenkel aus?
Kohlhöfer: Wahrscheinlich nicht anders als für einen Pohlheimer Metzgersenkel. Egal wohin ich komme, ich vergleiche Wurst und Fleisch mit den Produkten von zu Hause. Im Ernst: Ein Mittelhessengefühl gibt es so nicht, weil Mittelhessen ja immer "Eltern", "aufgewachsen sein" und "Kindheitserinnerungen" für mich bedeutet, deswegen wird Mittelhessen immer konkurrenzlos sein. So ähnlich wie der Oscar für das Lebenswerk.

Express: Wann ist dein Mittelhessen-Gefühl am größten?
Kohlhöfer: Generell gilt: Das Heimatgefühl ist stark, wenn ich weg bin, was ich meistens bin. Das Heimatgefühl ist hingegen deutlich schwächer, wenn ich da bin. Das ist so ähnlich wie bei der Vergangenheit, sie sich verklärt. Ferne verklärt auch. Wenn man dann da ist, fällt auf, das es so glamourös nicht ist. Das größte Mittelhessen-Gefühl hatte ich aber mal in South Dakota. Da war ich mit einem Kerl namens Miles auf der Jagd. Der war mal in Rammstein als Soldat stationiert und der so fest davon überzeugt war, dass das in der Mitte Hessens liege, dass er mich auch gerne an Stelle des Wildtieres erschießen könne, wenn ich nicht Ruhe gebe. Wir haben dann am Abend auf Rammstein in Hessen einen Toast ausgesprochen.

Express: Wenn jemand was von deiner alten Heimat, von der Gegend in der du aufgewachsen bist, wissen will – was erzählst du ihm?
Kohlhöfer: Viel Wald, hässliche Kreisstadt, wohl die hässlichste der Welt, aber gut um Tiermedizin zu studieren, Til Schweiger kommt von da, gibt kein vernünftiges Kino und schön wenn man es gerne einsam hat. Bestes Stadtmagazin der Welt. Zu Marburg fällt mir leider nie was ein. Ich verfluchter Ignorant. Ist Lena Gercke nicht da geboren?

Express: Wenn du sagst, du kommst aus Mittelhessen – wissen die Leute wirklich, welche Region, welcher Städte gemeint sind?ÿ Den Begriff Mittelhessen gibt's ja als Verwaltungskonstrukt erst seit Anfang der 1980er.
Kohlhöfer: Ehrlich? Das wusste ich nicht. Das Tolle am Begriff "Mittelhessen" ist ja, das es so schön schwabbelig klingt- wie der Fettzusatz in einer Blutwurst. Braucht niemand, ist aber trotzdem da. Das kann alles sein und nix. Ich handhabe das so: 1. Entweder ich sage, dass ich aus Hamburg komme. Dann erübrigen sich alle Fragen. Stimmt ja auch. 2. Ich sage ich bin Hesse. Dann muss ich erklären, warum Apfelwein schmeckt wie es eben schmeckt. 3. Ich sage ich komme aus Mittelhessen. Werfe dann geheimnisvollen Blick in die Runde. Und gehe woanders hin bevor Nachfragen kommen. "Mittelhessen" in diesem Zusammenhang klingt dann so im besten Fall so spektakulär wie Atlantis und im schlechteren so wenig sexy wie Paderborn. Das hängt von der Blickintensität ab.

Express: Du beschreibst dich im Buch als "Durchschnittsdeutschen" der kaum rebelliert, unauffällig istÿ und versucht, möglichst alles von der Steuer abzusetzen. Sind das typisch mittelhessische Tugenden?
Kohlhöfer: Nee. Auf der ganzen Welt trifft man immer irgendwen aus Hessen. Ich war mal in einem Dorf in Nordkanada, lauter Indianer, ein Supermarkt, und der Besitzer kam aus Darmstadt. Zugeben Südhessen, nicht Mittelhessen, aber trotzdem Hessen. Ein Abenteuervolk also die Hessen.

Express: Wo lebt es sich für einen Ex-Mittelhessen am schönsten?
Kohlhöfer: Egal. Nur bei Frau und Kind.

red

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