Dienstag, 15. Juni 2021
Express Online: Thema der Woche
Express Online: Thema der Woche | 14. Oktober 2010

Kultiger Tunnel für Radler

Marburg zum Wohnen
Marburg ist eine besonders schöne Stadt zum Studieren. Der Ansturm neuer Studierender zu Semesterbeginn kann schon seit Jahren nicht aufgefangen werden. Wohnraum für Studis ist deshalb oft nicht billig. Das Bettenhaus versucht, dem als selbstverwaltetes und basisdemokratisches Wohnprojekt etwas entgegen zu setzen. Damit bietet es vor allem auch für Studierende mit Kind und ohne deutschen Pass bezahlbaren Wohnraum. Dem Land Hessen und der Uni Marburg wird dieses Projekt jedoch zu teuer – sie wollen es nicht weiter unterstützen. So entschlossen sich die Bewohnenden, das Haus völlig in eigene Regie zu übernehmen. Im Moment befinden sie sich in einer intensiven Planungsphase in der geklärt werden muss, wie die Kosten der längst überfälligen Sanierung gestemmt werden können.
Die hohe Nachfrage sowohl nach Notbetten in den letzten Jahren als auch nach Zimmern zeigt nach Ansicht der Bewohner, dass das Konzept des Bettenhauses von sozial verträglichem und solidarischem Wohnen unentbehrlich für Marburg ist. Für die Übernahme und Sanierung des Hauses hoffen die Bewohner deshalb auf Unterstützung von Privatpersonen durch Kredite. Das Modell ist erprobt durch das Miethäusersyndikat (Infos unter www.syndikat.org).
Infos zum Bettenhaus gibt es unter: www.projekt-bettenhaus.de. Wer sich selber ein Bild machen will, ist am 19.10. zu einer Führung durch das Haus willkommen.
Das Bettenhaus bietet wieder kostenlose Notunterkünfte für Studierende an, die noch kein Zimmer gefunden haben. Infos unter: notbetten[at]projekt-bettenhaus.de.
pe/kro
Marburger Studierende organisieren Selbsthilfewerkstatt und Leihfahrräder

Marburg. Ihre Zentrale ist die alte, schon lange verwaiste Unterführung vor dem Verwaltungsgebäude der Marburger Universität: Radlos und Radikate, zwei studentische Projekte zur Förderung der Marburger Radler, ziehen hier ein. Werkbänke, Sofas, Regale und alte Fahrräder vom Fundbüro sind schon da. Die offizielle Eröffnung ist für den 14. Oktober geplant.

Das ist ein total zentraler, richtig kultiger Ort für so ein unkonventionelles Projekt", sagt Asta-Umweltreferent Joschka Waas. Gemeinsam mit seinen Mitstreitern von "Radikate" will er in dem alten Tunnel eine Selbsthilfewerkstatt für Radler einrichten. Wem das Werkzeug oder die Kenntnisse fehlen, der kann mit Semesterbeginn in die Unterführung kommen, um sein Rad zu reparieren. Das vom Asta finanzierte Werkzeug gibt es umsonst. Ehrenamtliche Mitarbeiter wollen mit Rat und Tatbeiseite stehen. Durch die kostenfreie Selbsthilfe soll es auch finanziell benachteiligten Menschen mobil bleiben können, erklärt Waas: "Dann müssen die Leute nicht wegen jeder Kleinigkeit in den Fahrradladen gehen." Zudem verstehen sich die Aktiven als Treffpunkt für nachhaltiges Leben und fahrradfreundliche Verkehrsplanung.

Den ungenutzten Tunnel hat die rot-grün regierte Stadt Marburg der Gruppe zur Verfügung gestellt. Damit hilft die Kommune auch sich selbst: "Die Unterführung richtig zu verfüllen, wäre teurer geworden", erklärt Stadtsprecher Rainer Kieselbach. Stattdessen spendiert die Stadt den Radbegeisterten zwei Tore zum Verschließen des Tunnels und den Elektroanschluss. Zudem hofft das Team auf ein Schweißgerät. Radikate plant nämlich bereits Weiteres: Workshops zum Zusammenbauen von Fahrradanhängern. Vielleicht auch einmal Kaffee und Kuchen, sinniert Waas.

Die Idee für das zweite mit Spenden finanzierte Projekt kommt aus Frankreich: Wer als Fußgänger in Marburg strandet, den letzten Bus verpasst hat oder einfach kein Rad besitzt, kann sich bei den "Radlos-Fahrrädern" bedienen. Fünf Exemplare mit so schönen Namen wie "Feuervogel", "Blauwal" und "Flotte Lotte" stehen bereits an festgelegten Stellplätzen – etwa an den Bahnhöfen, am Kino und am Hörsaalgebäude. Elf weitere Drahtesel werden zur Zeit aufgemöbelt. Auch ihre Reparaturzentrale sitzt in der alten Unterführung. Gut erhaltene Spendenfahrräder werden noch gesucht. "Gerade in einer Stadt wie Marburg ist es sinnvoll, die Infrastruktur für Fahrräder gut auszubauen, weil eigentlich alles nah beieinander liegt", erklärt Projektmitarbeiter Jonas Fritzsche.

Wer die sozialisierten Räder nutzen will, muss sich aber zumindest vorher auf der Homepage der Radlosen (www.radlos-marburg.de.vu) informieren. Dort gibt es nämlich den Zahlencode, mit dem Gestrandete die Schlösser der Räder öffnen können. An eine der zurzeit sechs Stellplätze zurückbringen müssen sie die Drahtesel spätestens am nächsten Tag.

Erste Erfahrungen mit den unkonventionellen Leihrädern sammelt die Gruppe schon seit Juni. "Bislang läuft es besser als gedacht", sagt Fritzsche. Diebstähle gab es bislang nicht. Um Klau zu verhindern, wurden die Räder registriert und mit auffälligen Schildern versehen. Fritzsche weiß allerdings: "Hundertprozentig sicher ist das nicht."

Ab 14. Oktober ist die Selbsthilfewerkstatt (www.radikate.org) dienstags von 12 bis 16 Uhr und donnerstags 16 bis 20 Uhr geöffnet. Beide Projekte brauchen noch Spenden und Mitarbeiter.

Gesa Coordes


Express Online: Thema der Woche | 14. Oktober 2010

"werden zwischen sein"

Programmübersicht:
Donnerstag 14. Oktober
18.00 Uhr Eröffnung des "Inverted Theatre"
19.00 Uhr Diskussionsrunde mit der kümmerei, dem Unipräsidenten Joybrato Mukherjee, der exkurs2010-AG.
21.00 Uhr NEUE UFER / INSTANT # 6 i.A. gemütlicher Umtrunk im Georg-Büchner-Saal
Freitag 15. Oktober
10.00 bis 12.00 Uhr Frühstück und "Sprechstunde für Zukunftsfragen"
12.00 Uhr Vortrag: Die Präsenz der Architektur; Improvisation: Hannah Borisch, Fanny Frohnmeyer und Inga Wagner
14.00 Uhr Stephan Günzel: Von Raum und Räumen. Kritik und Perspektiven eines Diskurses
17.00 Uhr Diskussionsrunde mit Dieter Buroch, Dirk Cieslak, Markus Heinzelmann und der exkurs2010-AG.
20.30 Uhr Konversation mit Martin Keil und der Relevanz-AG
23.00 Uhr 38 Schaugrube: ROT – Late Night Special im Georg-Büchner-Saal / Treffpunkt: 'Inverted Theatre'
Samstag 16. Oktober
10.00 bis 12.00 Uhr Frühstück und "Sprechstunde für Zukunftsfragen"
12.00 Uhr Guillaume Paoli: Die Gegenwart hat keine Zukunft
14.00 Uhr Sebastian Gießmann: What is it that makes today's swarms so appealing?
17.00 Uhr Daniel C. Henrich: Biotechnologie – Zwischen Skepsis und Fortschrittsglauben, die Frage nach künstlerischer Unschlussfähigkeit
20.30 Uhr Konversation und Diskussion mit Andreas Maier und Tobias Nanz
23.00 Uhr Party im Georg-Büchner-Saal mit Bassschickeria und Spedition Kraus und Sohn
Sonntag 17. Oktober
13.00 Uhr Brunch und Vernetzungsgespräch, danach gemeinsamer Abbau des "Inverted Theatre"
Exkurs statt Diskurs: beim diesjährigen Festival suchen Gießener Theaterwissenschaftsstudierende vom 14. bis 17. Oktober nach der Zukunft des Theaters

Theatergrößen wie Robert Wilson, Heiner Müller oder George Tabori haben einst in Gießen gelehrt. Nur, so renommiert das Institut für Angewandten Theaterwissenschaft an der Gießener Uni überregional auch sein mag und so angesehen Institutsleiter Heiner Goebbels auch ist, so wenig nehmen die Gießener normalerweise Notiz von dem Ideenzentrum des modernen Theaters mit der eigenen kleinen Probebühne im Philosophikum II. Auch beim alljährlichen von Studierenden organisierten Diskurs-Festival, bleiben die Theatermacher meist unter sich.

Das könnte dieses Mal etwas anders werden. Denn mit ihrem temporärem Theaterbau auf der Grünfläche Ecke Bismarckstraße / Stephanstraße ist den diesjährigen Machern des Festivals ein Coup gelungen: Die auffällige Holzbaracke macht seit geraumer Zeit neugierig auf das Festivalprogramm und sorgt auch für kontroverse Diskussionen – weil sie die von den Anwohnern lieb gewonnene Liege- und Spielwiese seit August okkupiert.

exkurs 2010 – werden zwischen sein" ist der diesjährige Festivaltitel. Nachdem sich der diskurs 2009 zu seinem 25-jährigen Jubiläum auf seine Wurzeln zurückbesonnen hat, will der exkurs 2010 in einer Mischung aus Festival und Symposium in die Zukunft blicken: Unter dem Motto 'werden zwischen sein' stellen sich die angehenden Wissenschaftler und Kulturschaffenden gemeinsam mit ihren Gästen den Herausforderungen des aktuellen Kulturbetriebs. Sie fragen: "Wie könnte ein "Theater in Zukunft" aussehen? Welche Möglichkeiten bietet der leere Raum in der Mitte des Theaterbaus?"

Ein breit angelegtes Programm lotet ihn von seinen Grenzen her aus: Neben dem Hausphilosophen des Leipziger Theaters Guillaume Paoli, dem Raumtheoretiker Stephan Günzel, dem Autor Andreas Meyer sowie dem Intendanten des Franfurter Mousonturm Dieter Buroch kommen ein Kulturtheoretiker, ein Bioethiker, ein Architekturtheoretiker und das Leipziger Performancekollektiv Reinigungsgesellschaft.

Dass Architekturtheoretiker im Theater der Zukunft ihren Platz haben, belegt übrigens das ungewöhnliche Konzept der Theaterbaracke: Die 30 Theaterlogen, die die Außenwände bilden, wurden an zentrale Orten in der Stadt aufgestellt und dort von Künstlern und Gießener Bürgern nach ihren Vorstellungen umgestaltet. Eine Besonderheit der Logen ist zudem, dass sie nicht nach innen, sondern nach außen gerichtet sind. Dadurch soll der Stadtraum zur Bühne und die Zuschauer zu Akteuren werden.

Entworfen wurde das "Inverted Theatre" von den Architekten der Stuttgarter SuperWonderGroup. Gebaut wurde die Holzbaracke in Kooperation mit dem Fachbereich Bauwesen der Fachhochschule Gießen-Friedberg. Direkt nach dem Festival wird der Theaterbau wieder abgebaut. Dann haben auch die Anwohner erstmal wieder ihre Ruhe vor den Theaterwissenschaftlern.

Georg Kronenberg

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