Express Online: Thema der Woche | 12. Mai 2005

"Rettet die Klinika"

Für eine Fusion, aber gegen die Privatisierung der mittelhessischen Universitätsklinken setzt sich die BI "Rettet die Klinika" ein. Mitte April hat die Bürgerinitiative ein Alternativkonzept zur Privatisierung vorgelegt.

Die Bürgerinitiative (BI) "Rettet die Klinika" hat sich vor allem eines vorgenommen: Sie will den von der hessischen Landesregierung geplanten Verkauf der Universitätskliniken in Gießen und Marburg an einen privaten, "überwiegend an Gewinnmaximierung orientierten" Klinikkonzern verhindern. Seit Gründung der BI im Februar haben ihre Mitglieder Infostände gemacht, Unterschriften gesammelt und an einem Alternativkonzept zum Verkauf gearbeitet. Mitte April war das Konzept fertig und wurde auf einer Kabinettssitzung in Rauischholzhausen an die hessische Landesregierung übergeben. 50 Einzelpersonen sowie verschiedene Gruppen aus Marburg und Gießen arbeiten in der BI mit: Politiker, Kirchen-, Gewerkschafts- und Patientenvertreter, Studierende, Globalisierungskritiker, aber auch Klinikspezialisten wie die beiden ehemaligen Ärztlichen Direktoren der Unikliniken in Gießen und Marburg.

Die Mitglieder der BI befürchten, dass eine Privatisierung und ein Verkauf der Kliniken Nachteile für die Mitarbeiter, aber auch für die Versorgung der Patienten und die Freiheit von Forschung und Lehre bringen würde. "Man kann davon ausgehen, dass ein Drittel des Personals abgebaut wird", sagt BI-Initiatorin Marita Kruckewitt. Die Landesregierung hat zwar versprochen, betriebsbedingte Kündigungen bis 2010 auszuschließen. Für Kruckewitt ist zwei Monate vor der geplanten Fusion aber immer noch unklar, wie es für die Beschäftigten konkret weitergehen wird. Offen sei vor allem, zu welchen Bedingungen die bisher Landesbeschäftigten beim fusionierten Klinikum angestellt würden. Darüber hinaus laufe das Uniklinikumsgesetz Ende diesen Jahres aus und damit auch die Bindung an den Bundesangestelltentarif (BAT).

Heinrich Löwer, Stadtverordnetenvorsteher in Marburg und ebenfalls Mitinitiator, befürchtet, dass sich die Einsparungen privater Klinikumsbetreiber beim Personal auch negativ auf die Patientenversorgung auswirken werden. Er verweist auf eine Studie aus Kanada, die ergeben habe, dass gewinnorientierte private Krankenhäuser eine höhere Sterblichkeitsrate aufwiesen. Löwer glaubt außerdem, dass private Betreiber die Forschung in Richtung vermehrt wirtschaftlicher Aspekte beeinflussen werden. Von der Pharmaindustrie, so der Stadtverordnetenvorsteher, würden schließlich auch nur solche Medikamente entwickelt, mit denen sich Geld verdienen lasse.

Die BI lehnt die Privatisierung der Kliniken nicht nur ab, sondern will mit ihrem Konzept auch Alternativen aufzeigen. Während die hessische Landesregierung im Verkauf an private Betreiber das einzige Mittel sieht, um kurzfristig 200 Millionen Euro für die dringend sanierungsbedürftigen Gießener Klinikumsgebäude zu bekommen, schlägt die BI vor, diese Gelder mit Hilfe eines Immobilienfonds zu akquirieren. An dem Fonds sollen sich neben privaten Investoren und Banken auch Privatpersonen, etwa Beschäftigte der Kliniken, beteiligen. Kontakte zu Institutionen und Banken gebe es bereits, sagt Löwer.

Außerdem schlägt die BI vor, ein regionales Konzept zu entwickeln, in dem geregelt wird, welche Arbeits- und Aufgabenteilung es künftig zwischen Krankenhäusern und anderen Gesundheitseinrichtungen der Region geben soll. Während die Landesregierung versucht, die Zusammenarbeit und Schwerpunktbildung zwischen den Universitätskliniken in Frankfurt, Gießen und Marburg zu regeln, möchte die BI in ein Regionalkonzept auch kleinere Krankenhäuser und Gesundheitseinrichtungen einbeziehen.

Hintergrund für diese Vorschläge, aber auch für die gesamte Idee der Fusion der Universitätskliniken, sind weitreichende Umstrukturierungen im Gesundheitswesen. Zum einen wird die Bevölkerungszahl in den kommenden Jahren weiter sinken, zum anderen sollen Patienten in Zukunft weniger stationär im Krankenhaus untergebracht werden. Stattdessen soll es mehr ambulante Behandlungen geben. Die Zahl der Krankenhäuser wird daher abnehmen. Neu ist dieser Prozess nicht: Zwischen 1990 und 2004 wurden bundesweit 247 Krankenhäuser geschlossen. Bernhard Maisch, Dekan des Fachbereiches Medizin der Marburger Universität schätzt, dass in den kommenden fünf Jahren in Hessen bis zu 10.000 Betten abgebaut werden müssen. Auch von den bisher 35 Unikliniken könnten in ein paar Jahren nur noch 26 übrig sein. Die Fusion der mittelhessischen Klinika sei unter diesen Gesichtpunkten "sinnvoll, möglicherweise sogar ohne Alternative", so Maisch. Das sehen auch die Vertreter/innen der BI so.

Obwohl ihr Alternativkonzept den Beschäftigten einen stärkeren Schutz bieten und den öffentlichen Einfluss auf die medizinische Versorgung sowie auf Forschung und Lehre erhalten soll, werden aufgrund des Kostendrucks langfristig auch Alternativkonzepte nicht ohne Personalabbau auskommen. "Es wäre unredlich zu sagen, es ginge ohne", sagt Heinrich Löwer. Die Frage sei jedoch, wo und wieviel eingespart werde. "Das Grundprinzip der BI ist es", so Löwer, "Regelungen zu finden, bei denen man das Allgemeininteresse nicht völlig ignoriert."

Etwa 22.000 Unterschriften gegen eine Privatisierung der Kliniken haben Personalräte und BI in den letzten Monaten gesammelt. Vor der Anhörung zum Gesetzentwurf über die "Errichtung des Universitätsklinikums Gießen und Marburg" am 17. Mai sollen diese der Landesregierung übergeben werden. Bevor der Entwurf Anfang Juni in die zweite Lesung geht, will die BI nochmal Druck von unten machen: Für den 20. Mai ruft sie unter dem Motto "Gesundheit ist kein Wirtschaftsgut" zu einer Großdemonstration gegen die Privatisierung der Kliniken auf.

Petra Schmittner

Express Online: Thema der Woche | 12. Mai 2005

Provinztheater?

Das Stadttheater stellte sein Programm für 2005/2006 vor, und es bleibt spannend: Das Motto der kommenden Spielzeit lautet "Provinz"

Die laufende Theaterspielzeit geht dem Ende entgegen. Wieder ist es Intendantin Cathérine Miville und ihrem Team gelungen, die Besucherzahlen im Stadttheater Gießen zu steigern und somit auch für einen Besuch in der kommenden Spielzeit zu werben, denn die beste Werbung fčr die nèchste Saison ist sicherlich eine erfolgreiche abgelaufene Spielzeit.

Der Ort für die Präsentation des neuen Spielplanes konnte nicht besser gewählt sein: Der Malersaal des Stadttheaters mit seiner farblichen Vielfalt. Hier ein Klecks, da ein Farbtopf – so bunt wie das neue Programm.

Über dem Ganzen steht das gewählte Motto: Provinz. Provinz ? Das klingt nach Abwertung. Ist das jetzt Understatement, Provokation oder Selbstbewusstsein, wenn sich ein Stadttheater selbst als provinziell bezeichnet? Gerade erst vom populären Fachjournal Die Deutsche Bčhne zum besten Theater "abseits der großen Zentren" gewählt – übrigens eine gelungene, aber wenig mutige Umschreibung für Provinz -, geht das Stadttheater Gießen sehr selbstbewusst noch einen Schritt weiter und nennt sich selbst Provinztheater.

Theater in der Provinz und für die Provinz. "Auch eine kleine Hommage an die vielen Besucher aus dem Kreisgebiet", wie Intendantin Miville erkärt. Sicher auch ein kleiner Wink in Richtung der Stimmen, die den Kreiszuschuss zum Gießener Haus angesichts des defizitären Haushaltes gerne gekürzt hätten.

Zur neuen Spielzeit: Eröffnet wird die neue Saison mit dem Büchner-Schauspiel Dantons Tod am 10. September in einer Inszenierung von Titus Georgi, der in der ablaufenden Spielzeit mit Schillers Don Carlos sehr erfolgreich war. Was in der Folge die Besucher aus der Provinz erwartet, Stèdter sind selbstverstèndlich auch gerne gesehen, dazu gibt die diesmal in grau/rot gehaltene und von der Theatergrafikerin Karin Schlosser in gewohnt ansprechender Form gestaltete SpielplančbersichtAuskunft. Das informative Heft liegt an zahlreichen Orten zur Mitnahme aus, kann aber auch beim Stadttheater angefordert werden.

Als neue Operndirektorin ist Frau Dominique Caron für die Auswahl des Musiktheaters verantwortlich, die anderen Sparten bleiben in den bewährten Händen. Ein Novum offenbart der Spielplan für den Mai 2006: Die Menotti-Oper Der Konsulwird in einer Inszenierung von Intendantin CathÄrine Miville Premiere haben. Sozusagen eine doppelte Premiere.

Insgesamt verspricht die getroffene Auswahl aus Klassik und Gegenwartsstücken eine unterhaltsame und spannende Theatersaison mit einem gewohnt spielfreudigen Ensemble. Bedauerlich ist allenfalls, dass keine Aufführungen an Außenspielplätzen vorgesehen sind – so etwa vor den Toren der Stadt. Aber das wäre dann ja vielleicht ein bisschen zu viel Provinz ...

ulish



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