Express Online: Thema der Woche | 18. September 2008

Vertraute Fremde

Zwei Länder, drei Städte: am Wochenende starten die türkisch-deutschen Kulturwochen "Literatür" in Marburg, Gießen und Wetzlar

Was wissen wir wirklich über die Kultur der Türkei, ein Land das vertraut und doch fremd ist, das zwischen Orient und Okzident, Moderne und Traditionen liegt?

Schon seit vielen Generationen leben türkische Einwanderer in Deutschland und stellen heute die größte Zuwanderergruppe dar. Die Türkei ist außerdem eines der beliebtesten Reiseziele der Deutschen, doch immer noch ist das Verhältnis zwischen Deutschen und Türken geprägt von kulturellen Missverständnissen. Obwohl in Deutschland die meisten türkischen Immigranten leben, ist hier die Skepsis gegenüber der Türkei, und ihrem geplanten EU-Beitritt am größten. Häufig allein auf Vorurteilen begründet, wird beim Thema Türkei oft nur über Islamismus, Gleichberechtigung der Geschlechter, Menschenrechtsverletzungen und Einschränkungen der Meinungsfreiheit diskutiert. Vorurteile entstehen meist durch Unwissenheit, und die Deutschen wissen eigentlich sehr wenig über das Land, aus dem viele unserer Mitbürger stammen und das kulturell so vielfältig ist.

Die Türkei ist dieses Jahr Ehrengast der Frankfurter Buchmesse und damit Anlass der türkisch-deutschen Kulturwochen "Literatür" in Mittelhessen. Dabei soll dem gemeinen Mittelhessen die türkische Kultur und insbesondere die facettenreiche türkische Literatur nahegebracht werden – und das spannende Land mit seiner multi-ethnischen und multi-religiösen Bevölkerung in all seinen Farben dargestellt werden. "Wir wollen mit den Veranstaltungen eine Brücke schlagen, eine Brücke zur türkischen Kultur und damit zur besseren Verständigung der Kulturen beitragen", sagt Alexandra Klusmann von den Mitorganisatoren Mediakontakt Laumer.

Die Türkei hat eine lange Erzähl- und Literaturtradition. Zeitgenössische Autoren, wie der Literatur-Nobelpreisträger Orhan Pamuk, reflektieren in ihren Werken den Wandel des Landes seit dem Ende des osmanischen Reichs und das Identitätsproblem der zwischen Westen und Osten hin- und hergerissenen türkischen Gesellschaft.

Mit Lesungen, Vorträgen, Seminaren, Ausstellungen, Filmen, Comedy, Musik und Theater, für Kinder und Erwachsene, sollen unterschiedliche Einblicke in die Vielfalt der türkischen Kultur ermöglicht werden. Hauptsächlich deutsch-türkische Autoren, also deutschsprachige Schriftsteller türkischer Herkunft – die ein Teil der deutschen Gegenwartsliteratur sind, werden aus ihren Werken vorlesen, aber auch rein türkischsprachige. Dann natürlich mit einer ‹bersetzung.

Rund 40 Veranstaltungen finden zwischen dem 19. September und dem 12. Dezember in Marburg, Gießen und Wetzlar statt. Die Kulturämter von Marburg und Gießen haben sich dafür mit verschiedenen Vereinen, Veranstaltungsorten, Bibliotheken und wissenschaftlichen Einrichtungen zusammengesetzt. Besonders der Gießener Turkologe Mark Kichner und Sadullah GüleÁ, Geschäftsführer der Gießener Stadtmarketing-Gesellschaft, lieferten Kontakte und Impulse zur Einladung von Autoren und Künstlern. Die Veranstaltungen in Gießen, in denen die meisten türkischen Mitbürger leben, sind eher auf Literatur ausgerichtet, während in Marburg Filme einen größeren Raum einnehmen. In Wetzlar wird die Wanderausstellung "Türkische Bibliothek" Halt machen.

Den Auftakt der Kulturwochen macht der Bestseller-Autor Feridun Zaimoglu am 19.9. in Gießen und am 20.9. in Marburg mit einer Lesung aus seinem neuen Roman "Liebesbrand". Bekannt wurde er durch sein erstes Werk "Kanak Sprak" , sein Buch "Abschaum" wurde unter dem Titel "Kanak Attack" verfilmt. Nach seinem Bestseller "Leyla" erzählt er in "Liebesbrand" eine Liebesgeschichte unserer Tage in der Tradition der deutschen Romantik, berührend und komisch zugleich. In Marburg wird am selben Tag eine Ausstellung im Rathaus eröffnet (17 Uhr), die Werke von einem der wichtigsten türkischen Karikaturisten, Turhan SelÁuk, zeigt.

Am 14.10. wird der norwegische Prof. Bernt Brendemoen einen Vortrag mit Gespräch über "Orhan Pamuks Humanismus" halten. Der Professor für türkische Sprachwissenschaften, ist ‹bersetzer und persönlicher Freund Pamuks und wird über seine Erfahrungen mit Pamuk und seinem Werk sprechen.

Im Filmkunsttheater "Palette" in Marburg wird es vom 18.9. bis 30.10. eine Werkschau von Fatih Akins Filmen geben. Seit Anfang der 90er ist er der Shootingstar des deutsch-türkischen Kinos und zählt zu den erfolgreichsten Regisseuren in Deutschland. Seine Filme sind jung und unkonventionell und drehen sich meist um türkische Zuwanderer in Deutschland und die Schnittmenge deutscher und türkischer Kultur. Fatih Akin ist zu einem Filmgespräch eingeladen. Infos & Programm unter www.literatuer-mittelhessen.de.

Simone Balser

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