Express Online: Thema der Woche | 27. November 2008

"Durchbrechen der Ausgrenzung"

"Gemeinsam – Gegen AIDS" lautet das Motto des diesjährigen Welt-Aids-Tages (1. Dezember). Fragen an Conny Schlerf und Mario Ferranti von der Marburger Aidshilfe.

Express: Reicht ein Tag im Jahr, um das Thema HIV/Aids in die öffentliche Wahrnehmung zu bringen?
Mario Ferranti: Nein, das Thema HIV/Aids sollte ganzjährig erinnert werden. Sowohl die dramatischen Folgen in manchen Teilen der Erde als auch die in Deutschland bestehende Ansteckungsgefahr mit HIV verlangt nach wie vor eine hoheAufmerksamkeit aber auch eine stärkere Differenzierung unterschiedlicher Aspekte im Umgang mit dem Thema.

Express: Wie bewertet Ihr z.B. die Ursachen für die weltweit unterschiedliche Ausbreitung von HIV?
Mario Ferranti: Die großen Unterschiede in der globalen Verbreitung von HIV liegen zum einen in den sehr unterschiedlichen Lebenswirklichkeiten von Menschen und natürlich in den bereits bestehenden Infektionsdynamiken begründet. Das Leben in einer Region mit zweistelliger Infektionsrate geht eben auch mit einem höheren Ansteckungsrisiko einher, das in ärmeren Ländern schon bei der Geburt überproportional hoch ist und sich durch Armut und einen schlechteren Zugang zu medizinischer Versorgung potenziert.

Express: Was bedeutet das für die einzelnen Menschen?
Conny Schlerf: Menschen, die bereits andere Infektionen haben, deren sexuell übertragbare Krankheiten unbehandelt sind oder die an Mangelernährung leiden, sind anfälliger für eine HIV-Infektion. Dazu kommen Aspekte wie die medizinische Versorgung, Vertriebswege für Medikamente, Hygienebedingungen, die Finanzierung von HIV-Tests aber auch das Ausmaß der Tabuisierung von Aids innerhalb von Gesellschaften und Gruppen.

Express: Es gibt Regierungen, die haben das Thema HIV/Aids lange Zeit sogar geleugnet. Wie sieht es mit der Tabuisierung und Ausgrenzung des Themas HIV/Aids bei uns aus?
Conny Schlerf: Die Gefahr, nach einer Infektion mit HIV vom eigenen Lebensumfeld verstoßen zu werden, sehen wir in Deutschland nicht wirklich. Wir erleben zwar, dass Menschen mit HIV ihre Infektion geheim halten und machen immer wieder die Erfahrung, dass andere Menschen auf Abstand gehen oder sich abwertend über Menschen mit HIV äußern.Oft erleben wir aber auch das Durchbrechen der Ausgrenzung und Etikettierung von durch HIV/Aids betroffenen Menschen, die wir vorher so nicht erwartet haben. Wir ermutigen zu einem offenen Umgang nach und nach.

Express: Was ist von den Meldungen zu halten, dass durch die Therapie mit antiretroviralen Medikamenten auch das Infektionsrisiko sinkt?
Conny Schlerf: In Ländern mit hoher Infektionsrate würde das vermutlich die Ausbreitung zumindest verlangsamen. Leider haben nur wenige Menschen Zugang zu HIV-Medikamenten. In Subsahara – Afrika sind es ca. nur 20 Prozent der mit dem HI-Virus infizierten und an Aids erkrankten Menschen, die einen oft auch nur sehr brüchigen und unregelmäßigen Zugang zu antiretroviralen Medikamenten haben. Das liegt nicht nur an den hohen Kosten dieser Medikamente und einer oft fehlenden Infrastruktur ihres Einsatzes, sondern auch an den politischen und weltwirtschaftlichen Voraussetzungen, die eben nicht den einzelnen durch HIV/Aids mit dem Tod bedrohten Menschen im Blick haben. Egal, wo auf der Erde es passiert, das Vorenthalten antiretroviraler Medikamente verursacht den Verlust von Lebenszeit einzelner Menschen und das ist ein Skandal.

Express: Wie sieht es in Deutschland aus?
Mario Ferranti: Wer von seiner Infektion weiß, teilt das entweder mit oder sorgt zumindest für einen ausreichenden Schutz. Das gelingt nicht immer und es gibt sicher auch Ausnahmen, aber das Verantwortungsbewusstsein ist sehr hoch. Neuinfektionen geschehen dagegen häufig, wenn die Infektion des Partners selbst erst kurze Zeit zurückliegt, ein klärender HIV-Test noch nicht durchgeführt ist bzw. die Infektion noch nicht anzeigen kann.Die sogenannte Viruslast und das damit zusammenhängende Ansteckungsrisiko sind in dieser Phase sehr hoch. Wir raten Menschen dazu, sich zu schützen, auch wenn der neue Partner sagt, er sei negativ.

Express: Vor allem Männer, die Sex mit Männern haben, Ihr nennt sie MSM, sind vom Anstieg der HIV-Neuinfektionen in den vergangenen Jahren besonders betroffen.
Mario Ferranti: Ungefähr 2/3 aller Menschen mit HIV in Deutschland gehören allein zu dieser Gruppe, auch bei den Neudiagnosen. Für den Anstieg gibt es verschiedene Erklärungen, eine große Rolle spielt auf jeden Fall, dass auch die Syphilis in den letzten Jahren stark zugenommen hat.

Express: Insgesamt oder in nur in dieser Gruppe?
Mario Ferranti: Letzteres, also am stärksten bei den MSM. Die ‹bertragung von HIV ist um einen hohen Faktor wahrscheinlicher, wenn einer der Partner bereits eine andere sexuell übertragbare Infektion hat. Schon bei sichtbaren Veränderungen an den Genitalien am besten gleich zum Arzt gehen. Eine Syphilis zu verschleppen ist auch so schon gefährlich. Der Anstieg von HIV-Neudiagnosen hängt aber auch damit zusammen, dass sich heute mehr Menschen testen lassen und dabei auch länger zurückliegende Infektionen erkannt werden.

Express: Ratet Ihr zum Test?
Conny Schlerf: Bei MSM wird z.B. jede vierte Infektion erst sehr spät entdeckt. Dadurch gehen wichtige Therapieoptionen verloren. Das sollte nicht sein.

Veranstaltungen zum Welt-Aids-Tag

28.11. 12.00 Uhr: Tagesseminar zu HIV/ Aids in derAids-Hilfe Marburg, ab 18.30 Uhr: Aids-Hilfe-Infostand in der Barfüßerstraße
29.11. ab 11 Uhr: "richtig kicken"-Fußballturnier der FS Medizin, Uni-Sporthalle und ab 21 Uhr: "richtig ficken Party" im Unix.
30.11. ab 15.30 Uhr: Adventskaffee für Menschen mit HIV und Aids in der Aids-Hilfe-MR, 18 Uhr: Gottesdienst in der Unikirche
1.12. "Adventskalender" – Aktionsstart für MSM unter www.iwwit.de. Film- und Infoangebote Gesundheitsamt Marburg (Infos: www.marburg-biedenkopf.de/Gesundheit)
1. – 3.12. jeweils 20.15 Uhr "Zero Patience" – Film der Queer-Filmreihe / AStA Marburg im Capitol
Infos: www.aids-hilfe-marburg.de

Interview: Thomas Gebauer


Express Online: Thema der Woche | 27. November 2008

Der andere Sohn

Die Geschichte einer Pflegschaft, die nicht einfach war: Vor knapp 20 Jahren hat die Malerin und Werbefachfrau Hilde Kuhn den sechsjährigen David angenommen, jetzt hat sie ein Buch über ihn geschrieben

"Es war das reinste Chaos mit diesem Kind", sagt Hilde Kuhn über ihren Pflegesohn David. Und doch würde sie es heute wieder so machen. Vor knapp 20 Jahren hat die Gießener Malerin und Werbefachfrau den damals sechsjährigen David angenommen. Völlig naiv und im guten Glauben, mit einem großen Herzen ließen sich fast alle Konflikte regeln. Jetzt hat die gelernte Erzieherin ein Buch über ihn geschrieben. Unter dem Titel "Mein anderer Sohn" erzählt sie die Geschichte einer Pflegschaft, die nicht einfach war.

David kannte nicht einmal eine Zahnbürste, als er im Alter von sechs Jahren zu Hilde Kuhn, ihrem damaligen Ehemann und ihrem damals neunjährigen leiblichen Sohn Constantin kam. Sein Vater lebte in den USA, seine Mutter war völlig überfordert mit der Erziehung von ihm und seinen beiden Geschwistern. "Er war ein liebes Kind, ganz ängstlich, höflich und angepasst", sagt Hilde Kuhn über die ersten Monate. Dass er missbraucht worden war, stellte sich erst Jahre später heraus. Zunächst litt er nachts unter schrecklichen Panikattacken. Doch nach einem sehr schwierigen ersten Jahr schien er sich gut eingelebt zu haben, kam in der Schule zurecht und verstand sich gut mit seinem Bruder. "Ich war eine glückliche Mutter mit zwei Kindern", erzählt die Künstlerin, die damals in einem kleinen Dorf in der Wetterau lebte.

Doch in Kuhns Ehe kriselte es. David war 13, als sich die Pflegeeltern trennten. Dass er schon damals anfing zu kiffen, wurde Hilde Kuhn erst viel später klar. Ihr leiblicher Sohn Constantin kam zum Vater. Sie selbst ging mit David nach Berlin, wo sie in der Werbung arbeitete. Zunächst half ihm der Ortswechsel. Doch dann stellte Hilde Kuhn fest, dass Wertgegenstände aus der Wohnung und Geld aus ihrem Portemonnaie verschwanden. Der Junge kiffte nicht nur gelegentlich, sondern fast rund um die Uhr. Er ging zeitweise nicht mehr zur Schule und aß Unmengen von Süßigkeiten. Ein Psychologe, zu dem David geschickt wurde, erkannte das Drogenproblem nicht. Das Jugendamt war wenig hilfreich. Heute weiß die Pflegemutter, dass der Schüler sogar Kokain nahm. Hilde Kuhn zog mit David und ihrem heutigen Mann nach Gießen.

Davids Drogenkarriere schildert sie wie eine Achterbahnfahrt. Mit viel Mühe gelingt es ihm, eine kaufmännische Lehre abzuschließen. Doch danach – er ist längst von zu Hause ausgezogen – verschärft sich die Situation: Er nimmt immer mehr Drogen, verwahrlost, macht große Schulden und verliert schließlich die Wohnung. Die Pflegeeltern helfen ihm wieder auf die Beine. Doch den neuen Job am Frankfurter Flughafen verliert er schon nach zweieinhalb Monaten wieder. Völlig abgemagert mit faulen Zähnen geht er schließlich in den Entzug in der Drogenhilfeeinrichtung Fleckenbühl.

Das ist der Moment, in dem Hilde Kuhn damit begann, das Buch zu schreiben. Inzwischen ist David 25 und seit neun Monaten wieder clean. Nach dem Jahr bei der Suchthilfe lebte er ein Jahr ohne Drogen, dann sackte er erneut ab. Ausgerechnet in einem Obdachlosenwohnheim gelang ihm ein erneuter Entzug. Zur Zeit arbeitet er als Importkaufmann.

Bei Lesungen vor anderen Pflegeeltern hat Hilde Kuhn festgestellt, dass solche Probleme nicht so selten sind. Auch die Schwester von David, die in einer anderen Pflegefamilie aufwuchs, wurde drogenabhängig. "Es läuft oft nicht glücklich", weiß die gelernte Erzieherin. Trotzdem rät sie anderen Pflegeeltern zum Durchhalten.

Hilde Kuhn: Mein anderer Sohn. Fredebold und Fischer. ISBN 978-3-939674-20-7. 320 Seiten, 15,95 Euro.

Gesa Coordes

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