Erleichterung in den Stadtteilläden, Lücke in der Ketzerbach.
Beim Einkaufen von Lebensmitteln stehen die Marburgerinnen und Marburger vor großen Veränderungen: Besonders hart trifft es die Bewohner der Nordstadt, die bislang bei Tegut in der Ketzerbach eingekauft haben. Erleichtert sind die Kundinnen und Kunden der Stadtteilläden in Michelbach und im Stadtwald, die von „Tante Enso“ übernommen werden. Und alle müssen sich auf ein neues Sortiment einstellen. „Ich werde jedes Mal ganz traurig, wenn ich jetzt einkaufe“, sagt eine Kundin. Sie fürchtet vor allem um das bislang große Angebot von Bio-Produkten zu überschaubaren Preisen.
Doch für die Menschen, die bislang im Tegut-Markt in der Ketzerbach eingekauft haben, geht es um Grundsätzlicheres. Während die Beschäftigten vor Ort bereits von einer Schließung zum Jahresende sprechen, kämpfen Anwohner und Kommunalpolitiker noch um eine Zukunft für die beliebte Einkaufsmöglichkeit in der Nordstadt. Hintergrund für das drohende Aus ist der Verkauf der Märkte durch den Tegut-Mutterkonzern Migros (wir berichteten). Für die vier Supermärkte sowie die beiden Kleinstläden in Marburg gibt es zwar Interessenten, doch das Bundeskartellamt muss den Deals zustimmen. Inzwischen ist klar, dass der Lebensmittelmarkt in Wehrda an Edeka geht, die Supermärkte in der Universitätsstraße und in Cappel an Rewe.
Zu starke Marktposition von Rewe
Aber ausgerechnet bei dem relativ kleinen Tegut-Markt in der Ketzerbach legte das Bundeskartellamt ein Veto ein. Auch für diesen Markt hatte Rewe Interesse angemeldet. Die Aufsichtsbehörde entschied jedoch, dass die Übernahme den Wettbewerb „erheblich beeinträchtigt“ hätte: „Rewe hätte dadurch seine bereits bestehende starke Marktposition weiter ausgebaut. Gleichzeitig wäre die Konzentration auf wenige große Handelsunternehmen gestiegen“, so das Kartellamt. Daher hat sich Rewe verpflichtet, den Markt innerhalb der nächsten vier Jahre nicht zu übernehmen.
Verstehen kann das vor Ort kaum jemand. Vor allem, weil die Entscheidung ausgerechnet einen kleinen Lebensmittelmarkt trifft, nicht etwa den großen Markt in der Universitätsstraße. Und die Entscheidung stellt die Menschen im Stadtviertel auch auf mehr Probleme als in der City. Es gibt nämlich keinen weiteren Markt in der Nähe, der gut zu Fuß erreichbar wäre. Ohne das Lebensmittelgeschäft müsse man bis zum Erlenring laufen, bedauert SPD-Fraktionsvorsitzender Liban Farah, der im Stadtviertel wohnt. Besonders tragisch sei dies für die Jugendlichen aus der Blindenstudienanstalt. Die SPD hat deshalb eine Anfrage an den Magistrat gestellt: „Wir wollen, dass die Menschen auch künftig mit kurzen Wegen zu lokalen Geschäften und Einkaufsmöglichkeiten kommen“, so Farah.
Unterdessen hat Anwohner Hartmut Möller im Namen zahlreicher Anwohner einen Brief an den Präsidenten des Bundeskartellamts, Andreas Mundt, geschrieben: „Dieser Supermarkt ist weit mehr als eine Einkaufsstätte“, formuliert er. Hier kaufen Studierende, ältere Menschen sowie die sehbehinderten Schülerinnen und Schüler der Blindenstudienanstalt, auf die sich der Markt eingestellt hat: „Wir brauchen einen Supermarkt, den wir zu Fuß erreichen können. Wir möchten weiterhin frische Lebensmittel an einer Fleisch- und Käsetheke kaufen und auf ein Sortiment mit einem guten Anteil hochwertiger Bio-Produkte zurückgreifen“, schreibt Möller. Wenn dieser Markt schließe und kein Nachfolger komme, entstehe nicht mehr Wettbewerb, sondern eine Versorgungslücke.
Die Aufsichtsbehörde zeigt sich davon allerdings wenig beeindruckt. Das Bundeskartellamt entscheide nicht darüber, ob einzelne Lebensmittelgeschäfte weiterbetrieben oder geschlossen werden, sondern über die gesetzlichen Wettbewerbsregeln, schreibt es: „Nach unserer Einschätzung hätten die verbleibenden Wettbewerber weniger Anreiz gehabt, den Wettbewerbsdruck auf Rewe aufrechtzuerhalten.“
Dass der ausgerechnet der kleinste Markt aus Wettbewerbsgründen nicht übernommen werden darf, findet allerdings auch die Stadt Marburg „sehr bedauerlich und kaum nachvollziehbar.“ Dabei gibt es für den Markt in der Ketzerbach derzeit wohl auch keine konkreten Gespräche mit möglichen weiteren Anbietern. Da die Entscheidung des Bundeskartellamtes aber erst wenige Tage alt ist, hofft die Stadt, dass „zeitnah doch noch eine gute Lösung für die Nachnutzung gefunden werden kann“. Die Wirtschaftsförderung bietet an, die Gespräche zu unterstützen.
Stadtwald-Lädchen wird zu „Tante Enso“
Unterdessen haben die Beschäftigten des Stadtwald-Lädchens in Ockershausen Grund zum Feiern. Nach der zweiten Verlängerung gelang es dem Stadtviertel, die von „Tante Enso“ geforderten 500 Anteilseigner zu finden, die einen Anteil von mindestens 100 Euro zeichnen mussten. Damit können die Teilhaber zugleich Geld sparen und außerhalb der Servicezeiten einkaufen. Seit wenigen Tagen gehört die Mini-Filiale in der Jakob-Kaiser-Straße zur genossenschaftlich geführten Tante-Enso-Gruppe: „Wir sind sehr erleichtert“, sagt Markt-Leiterin Patricia Dörr. Zugleich wurden nämlich alle acht Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter übernommen. Zu ihnen gehören vier Beschäftigte mit einer Behinderung. Übernommen wurden auch Bäcker, Metzger, heiße Theke und belegte Brötchen. Patricia Dörr hofft allerdings auch auf geduldige Kunden, weil die Kasse zwar schon auf das neue System umgestellt wurde, der Umbau aber erst im Frühjahr folgen wird. Erst dann wird es auch möglich sein, mit einer Service-Karte rund um die Uhr einzukaufen. Derzeit kann man nur an den Kassenbons erkennen, dass Tegut nicht mehr der Betreiber ist. Dafür hat das Lädchen wieder täglich von 8 bis 19 Uhr geöffnet.

Michelbacher „total glücklich“
Auch der Dorfladen Michelbach wird zum „Tante-Enso-Laden“. Dort gelang es den Anwohnern – im Gegensatz zum Stadtwald – mit Leichtigkeit, die geforderten 600 Anteilseigner zu gewinnen. Es wurden mehr als 800. Das belohnt der neue Betreiber mit zwei 500-Euro-Gutscheinen für Projekte im Dorf. „Wir sind total glücklich, dass es weitergeführt wird“, sagt Ortsvorsteher Max Noe: „Das ist aus unserer Sicht die beste Lösung.“ Derzeit werden noch Gespräche zur Ausgestaltung des zukünftigen Dorfladens geführt, der auch eine Post, Produkte örtlicher Landwirte, eines Bäckers und eines Metzgers anbietet. Zudem können die Anteilseigner angeben, welche Waren ihnen besonders wichtig seien, berichtet Noe. Die technische Umstellung ist für Mitte November geplant. Der Umbau mit dem 24-Stunden-Service soll dann im neuen Jahr folgen.
Gesa Coordes

