Volles Haus im Cineplex: „Silent Friend“ feierte äußerst erfolgreich Hessen-Premiere in Marburg.
Der größte Saal im Marburger Cineplex, der „Ultimate 4“ mit 453 Plätzen, war restlos ausverkauft zur Hessen-Premiere des Films „Silent Friend“. Kein Wunder: Regisseurin Ildikó Enyedi sowie die beiden Darsteller*innen Luna Wedler und Enzo Brumm waren für ein Q&A angekündigt. Die Hauptdarstellerin des Films konnte leider nicht im Kino anwesend sein, sie dürfte den meisten Marburger*innen aber schon vertraut sein: Der große Ginkgo-Baum im Alten Botanischen Garten nimmt eine zentrale Rolle im Film ein. Durch die „Augen“ des Baums, in dessen Zeitrechnung die Jahrzehnte nur ein Wimpernschlag sind, laufen drei Marburger Schicksale in den Jahren 1908, 1972 und 2020 ab.
Für die drei Hauptcharaktere nimmt der Botanische Garten eine zentrale Rolle ein, die bei der Premiere anwesenden Marburger*innen freuten sich über viele Ansichten der bekannten Orte. Nicht selten wurde sich im Publikum begeistert angestoßen, wenn vertraute Blickwinkel im Garten erkannt wurden. Der Blick auf die neue Unibibliothek, die Enten am Teich, der Weg über die Brücke. Auch einige Ansichten aus der Marburger Oberstadt sind zu sehen und nicht nur der krähende Rathaus-Hahn bekommt einen Gastauftritt, sondern auch ein Marburger Uhu (ob es allerdings einer der Elisabethkirchen-Uhus war, bleibt offen…).

Man kann sich jedoch vorstellen, dass das Filmteam insbesondere bei den Aufnahmen der früheren Zeitebenen auch auf Hürden gestoßen sind, ist es doch denkbar schwer, um die erst 2018 neu eröffnete Zentralbibliothek herumzufilmen. Der Film findet dafür unter anderem die Lösung, auf intimere Nahaufnahmen zurückzugreifen und die Pflanzen des Botanischen Gartens zu zentrieren, die als stille Beobachterinnen oft die Darsteller*innen rahmen. In der 2020er-Zeitebene, in der Tony Leung Chiu-wai einen durch die Corona-Pandemie auf dem Campus einsam gestrandeten Uniprofessor spielt, kann Bildgestalter Gergely Pálos dann auch auf Panorama-Aufnahmen setzen, bei denen die Natur einen Großteil des Bildes einnimmt. Langsam und unaufgeregt laufen die Szenen ab, wie Vignetten, die, unterstützt durch die verschiedene farbliche Gestaltung der drei Zeitebenen, eine träumerische Qualität annehmen.
Immer wieder begegnen der Zuschauerin im Film auch intensive Pflanzenaufnahmen – ein Wurzelgeflecht, ein knospender Samen, Blattstrukturen auf mikroskopischer Ebene – unterlegt von einem sehr wirkungsvollen Sounddesign, das wie Wachstumsbewegungen oder auch Kommunikationsanteile von Planzen anmutet. Dass Pflanzen durchaus kommunizieren, und auf welche Weise sie das tun, ist auch Thema des Films, was nicht überrascht. So war doch Regisseurin Ildikó Enyedi, als ihr Mann in den 1970ern in Marburg studierte und sie sich auch oft in der Universitätsstadt aufhielt, begeistert von der damaligen Welle der Forschungsversuche, die das Empfinden von Pflanzen sichtbar machten. Ihre Erfahrungen spiegeln sich im Charakter Hannes wieder, der im 1972er-Erzählstrang des Films die Reaktionen einer Geranie auf das Gießen, aber auch beispielsweise auf laute Schreie misst.
Vielleicht motiviert der Film die eine oder andere Zuschauerin, sich den Pflanzen in Wohnung, Garten und Wald auch wieder auf andere Weise zuzuwenden. Luna Wedler, die für ihre Darstellung der Studentin Greta in der 1908-Erzählebene den Preis als beste Nachwuchs-Schauspielerin bei den Internationalen Filmfestspielen Venedig gewann, verriet jedenfalls im Q&A, dass sie für die Vorbereitung auf ihre Rolle viel in der Natur unterwegs war und auch anfing, mit Pflanzen zu sprechen. Mindestens aber sollte dieser einfühlsame und einzigartige Film besonders Marburger*innen dazu motivieren, auch mal wieder ins Kino zu gehen. Denn für Filme wie diesen ist das Kino gemacht.
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