Bürgerwissenschaftsprojekt hilft dabei, Insektenarten zu dokumentieren.
In einem Projekt für Nachtfalter können sich Bürgerinnen und Bürger aktiv gegen das Insektensterben engagieren. Dazu hat der Fachbereich Biologie der Marburger Philipps-Universität ein sogenanntes Citizen-Science-Projekt für Nachtfalter gestartet. Gesucht werden dafür Freiwillige, die bei der Dokumentation und der Bestimmung der Insekten helfen. Ziel ist es, Verbreitung, Vielfalt und Bestandsveränderungen dieser häufig unterschätzten Insektengruppe systematisch zu erfassen.
Die Nachtfalter spielen eine zentrale Rolle in unserem Ökosystem. Die eher unauffälligen Tiere machen mit insgesamt 3600 heimischen Arten den Löwenanteil der Schmetterlinge in Deutschland aus. Sie sind wichtige Bestäuber, dienen zahlreichen Vogel- und Fledermausarten als Nahrungsquelle und gelten als sensible Indikatoren für Umweltveränderungen. In Deutschland sind mehr als 1.100 Arten nachtaktiver Großschmetterlinge bekannt – und dazu kommen noch mehr als 2.500 Arten nachtaktiver Kleinschmetterlinge, die oft übersehen werden. Viele Arten sind zunehmend unter Druck. Intensive Landwirtschaft, Flächenversiegelung, Lichtverschmutzung, Verlust von Lebensräumen sowie der generelle Rückgang geeigneter Futterpflanzen tragen zur Gefährdung bei. Weltweit gilt die Entwicklung der Insektenbestände insgesamt als alarmierend.
Dennoch ist über ihre genauen Bestandsveränderungen weit weniger bekannt als über Tagfalter. Das mit 1,8 Millionen Euro vom Bundesforschungsministerium geförderte Verbundprojekt namens „Lepmon“, an dem auch die Universität Jena und das Leibniz-Institut zur Analyse des Biodiversitätswandels beteiligt sind, schließt diese Lücke. Dabei nutzt die Philipps-Universität automatisierte Kamerafallen und künstliche Intelligenz, um die Artenvielfalt von Nachtfaltern deutschlandweit systematisch zu erfassen. Der Marburger Fachbereich Biologie hat bereits fünf professionelle Lichtfallen im Stadtzentrum, am Stadtrand und in einem Mischwald bei Marburg aufgestellt. Die wissenschaftlichen Rekorder fangen die Tiere nicht, sondern locken sie mit einer UV-Lampe auf einen weißen Schirm, wo sie alle zwei Minuten vollautomatisch und berührungslos fotografiert werden. Auf diese Weise wurden bereits mehr als eine Million Aufnahmen in Marburg gesammelt. Bis zum Ende der dreijährigen Projektlaufzeit werden es weit über fünf Millionen Bilder sein. Die gewonnenen Bilddaten werden mithilfe künstlicher Intelligenz ausgewertet und kontinuierlich verbessert.
Der Marburger Projektteil setzt aber auch auf Citizen Science, also Bürgerwissenschaftlerinnen und Bürgerwissenschaftler, die die Forschung unterstützen. Die Freiwilligen können an ihren Wohn- oder Arbeitsorten Kameras aufstellen. Besonders geeignet sind Wälder, Grünland, Äcker sowie Stadt- oder Dorfgärten. Die technische Ausstattung stellt das Projektteam, das die Bürgerwissenschaftler auch anleitet und betreut. Im Sommerhalbjahr (bis Oktober) laden die Teilnehmenden die erfassten Bilddaten alle zwei Wochen in einem Online-Portal hoch.
Gleichzeitig sind Freiwillige ohne eigene Kamera für das Training der künstlichen Intelligenz unverzichtbar. Die Bürgerwissenschaftler sichten die bereits erfassten Fotos und helfen bei der Artbestimmung. Je mehr Menschen sich beteiligen, desto präziser wird der Algorithmus bei der automatischen Erkennung der Falter.
Vorkenntnisse sind für beide Beteiligungsformen nicht erforderlich. „Egal ob Anfänger oder erfahrene Nachtfalter-Experten – jedes hochgeladene Bild und jeder identifizierte Nachtfalter bringt uns einen Schritt näher an das Ziel, die Entwicklung der Nachtfalterpopulationen in Deutschland umfassender zu verstehen“, sagt Julie Koch Sheard von der Philipps-Universität Marburg, die das Citizen-Science-Projekt leitet.
Durch die Verbindung von Citizen Science und KI-gestützter Bildauswertung entsteht eine neuartige Datengrundlage zur Bewertung von Biodiversitätsveränderungen in Deutschland. Das Projekt trägt damit auch dazu bei, den Rückgang von Bestäubern bis 2030 zu stoppen und umzukehren. Gleichzeitig verfolgt es den Aufbau einer langfristigen Forschungs- und Wissensgemeinschaft rund um nachtaktive Insekten und deren Schutz. „Über die reine Datenerhebung hinaus möchte Lepmon eine lebendige Gemeinschaft von Nachtfalter-Begeisterten aufbauen. Gemeinsam können wir voneinander lernen, uns austauschen und eine starke Stimme für den Schutz dieser faszinierenden Tiere bilden“, sagt Koch Sheard.
Projektstart und Teilnahme
Die Beteiligungsmöglichkeiten zur Mitwirkung sind bereits angelaufen: Interessierte Freiwillige können sich auf https://lepmon.de/burgerwissenschaft/ informieren und auf https://lepmon.de/annot8/ registrieren und dabei helfen, Bilder auszuwerten. Die Anfrage für ein ARNI-Kamerasystem kann über das Kontaktformular auf der Website gestellt werden (Dropdown-Menü „Citizen Science“).
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