Mit einem großen Aktionswochenende öffnet das Freilichtmuseum.

Germanische Reitkunst, Knochenschnitzen und Feuermachen wie in der Steinzeit: Am kommenden Wochenende wird die Zeiteninsel in Argenstein südlich von Marburg offiziell eröffnet. Ab dann können Besucherinnen und Besucher auch abseits von Aktionstagen und Führungen erleben, wie die Menschen damals Werkzeuge hergestellt, sich gekleidet und gegessen  haben.

„Das wird Archäologiebegeisterte aus ganz Deutschland locken“, sagt Cornelia Dörr, die Geschäftsführerin des Marburg Stadt und Land Tourismus. Denn die Ausgrabungsstätte ist nach Überzeugung des Archäologen Andreas Thiedmann so bedeutend wie die Keltenwelt am Glauberg oder das Römerkastell Saalburg: „Aber bei unseren Funden geht es nicht nur um die Eliten oder das Militär, sondern um die Menschen in ihrem Alltag. Das ist in dieser Fülle an nur einer Fundstätte ziemlich einmalig in Hessen“, sagt Thiedmann. 

Der langjährige Bezirksarchäologe ist der Kopf des Projekts, das in den 1990er Jahren begann. Damals stießen die Archäologinnen und Archäologen auf Spuren der prähistorischen Siedlungen in unmittelbarer Nähe der heutigen Zeiteninsel. Mitten zwischen Rapsfeldern, Kieswerk, Baggersee, Bundesstraße und Bahnlinie entdeckten sie mehr als 100 Häusergrundrisse aus mehr als 9000 Jahren Geschichte. Von den Jägern und Sammlern bis zur römischen Kaiserzeit rekonstruierten sie Lagerplätze, Gehöfte, Weiler und Siedlungen. Darunter waren auch ein Langhaus aus der Rössener Kultur (um 4500 vor Christus) und drei Wohnstallhäuser der frühen Germanen (um Christi Geburt). Offenbar befand sich an dieser Stelle einst ein sanft gewölbter, fruchtbarer Landrücken, der die Menschen immer wieder dazu einlud, sich zwischen Allna und Lahn niederzulassen. 

Andreas Thiedmann entwickelte die Idee für ein archäologisches Freilichtmuseum, das zeigt, wie die Menschen damals gelebt haben. Mit Vorführungen und durch eigenes Ausprobieren antiker Arbeitsweisen sollen die Besucherinnen und Besucher möglichst plastische Vorstellungen vom Wohnen, Wirtschaften und Leben ihrer Vorfahren erhalten: „Diese Art der lebendigen Geschichtsvermittlung begeistert mich“, sagt er. 

Er überzeugte Bürgermeister, Landräte und Ministerien. Dennoch vergingen fast 30 Jahre vom ersten Konzept bis heute. Inzwischen ist Thiedmann im Ruhestand. Die „Zeiteninsel“ beschäftigt ihn noch immer wie ein Full-Time-Job. 

Den entscheidenden Schub brachte die neue Bundesstraße 3. Weil eine ökologische Ausgleichsmaßnahme nötig war, konnte das archäologische Freilichtmuseum am Rande eines Naturschutzprojekts entstehen, das als Rast- und Brutplatz für Vögel wie den Flussregenpfeiffer dient. Das Gelände liegt einige hundert Meter südlich von den Ausgrabungsstätten entfernt – sehr verkehrsgünstig direkt am Lahnradweg. 

Zeiteninsel heißt das Gelände, weil die Aue komplett von der Allna umflossen wird, einem kleinen Nebenfluss der Lahn. Seit 2014 bieten hier neben dem hauptamtlichen Museumsteam vor allem Ehrenamtliche spannende Führungen und Workshops an. Zu ihnen gehört etwa Patrick Rust, der die eisenzeitliche Schmiede betreut. Mit Woll-Tunika und Bundschuhen bekleidet, hat er viele Male gezeigt, wie damals das Eisen bearbeitet wurde. Sein Kollege, der Bio- und Sportlehrer Dennis Moch, ist fasziniert von den Techniken der Steinzeit: Gerne demonstriert er, wie einst Feuer gemacht, Steine geschlagen und Reusen gebaut wurden. 

Sorgfältig nach den archäologischen Befunden rekonstruiert wurden die sogenannten Zeitstationen, die mit Brückchen und Pfaden zu einem Rundweg verbunden sind: Zeltartige Behausungen zeigen die Lebensweise der Jäger und Sammler, die nach der letzten Eiszeit um 9000 vor Christus durch Mitteleuropa reisten. Größere Familien mit ihren Tieren lebten in dem mehr als 30 Meter langen Langhaus der mittleren Jungsteinzeit (4500 vor Chr.). Aus der Bronzezeit (um 1000 v. Chr.) stammt die Hofsiedlung, die zugleich die Werkstatt eines Bronzegießers zeigt. Mehrere kleine Häuser bilden einen Weiler der Eisenzeit (um 500 v. Chr.), zu dem Vorratsgruben und ein Eisenschmelzofen gehören. Aus der frühen Römischen Kaiserzeit um Christi Geburt stammt das germanische Gehöft. Passend zur jeweiligen Zeit wurden Bäume und Sträucher gepflanzt, Gärten und Beete angelegt sowie alte Getreidesorten wie Emmer und Einkorn angebaut. Dazu können die Gäste in Zukunft in Einbäumen über den See schippern. 

Die Besucherinnen und Besucher starten ihren Rundgang im „Insel-Zentrum“. Das außergewöhnliche Gebäude in Holzoptik, das Kasse, Shop, Caféteria und Verwaltungsräume beherbergt, ist in Anlehnung an das Thema Zeiten wie die Zeiger einer Uhr angelegt. 

Dort wird in Zukunft auch das Symbol der Zeiteninsel ausgestellt: ein Angelhaken aus der Bronzezeit, der tatsächlich direkt auf dem Museumsgelände ausgegraben wurde. Es handelt sich um Hessens ältesten Angelhaken.

Das Eröffnungswochenende

Fünf Zeitstationen und 22 Mitmachangebote, Vorführungen und Vorträge erwarten die Besucher*innen während des Eröffnungswochenendes am 18. und 19. Juli auf der Zeiteninsel. Jeweils um 11, um 13 und um 15 Uhr finden Führungen statt. In Modenschauen können die Gäste erleben, wie sich unsere Vorfahren kleideten. Es gibt zahlreiche Mitmachangebote – sowohl für Kinder als auch für Erwachsene. Das reicht von „Brot & Spielen“ über Wolle zupfen und Salzproduktion bis zu steinzeitlichen Schmuckanhängern. Es wird eine Keramikwerkstatt für Kinder geben. Und mit dem eisenzeitlichen „Fingerloop“ werden Armbänder geflochten. 

Zwei Schmiede treten auf. Bronzezeitliche Musikinstrumente sind zu sehen. Die Glasperlenherstellung wird ebenso gezeigt wie das Weben vor Tausenden von Jahren. Joachim Schween spielt auf einer Lure. Die fürstliche Küche ist das Thema eines Teams aus dem Museum Glauberg. Der Archäotechniker Frank Trommer demonstriert die bronzezeitliche Holzbearbeitung. Wulf Hein zeigt steinzeitliches Knochenschnitzen – sogar eine Knochenflöte gab es. Wie Feuerstein einst bearbeitet wurde, führt Steinschläger Andreas Benke vor. Berufsfischer Jörg Nadler präsentiert historische Fischereitechniken sowie die „Schamanin von Bad Dürrenberg“. Ihr Grab gilt als die spektakulärste Bestattung der Mittelsteinzeit. Ein Höhepunkt ist der Auftritt eines germanischen Reiters mit seinem Pferd. Dazu können die Gäste in das Lagerleben der Mittelsteinzeit eintauchen. 

Die Zeiteninsel ist von Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt kostet neun Euro für Erwachsene, 4,50 Euro für Kinder und Jugendliche. Die Familienkarte kostet 18 Euro. Weitere Informationen und Details zum Programm finden sich unter www.zeiteninsel.de  

Gesa Coordes

Bild mit freundlicher Genehmigung von Georg Kronenberg