Geistermasken, Altäre und eine Mumie.
Die altägyptische Mumie, die einst ein Pastor nach Deutschland brachte, ist vor allem für das Publikum faszinierend. Erst in den 1980er Jahren stellten Forschende bei umfangreichen Untersuchungen fest, dass sich unter den goldbeschichteten Leinengebinden der Leichnam eines etwa 40-jährigen Mannes verbirgt. Heute steht die knapp 2000 Jahre alte „Marburger Mumie“ in der Ethnographischen Sammlung, die seit 2014 in der ehemaligen Uni-Wäscherei in der Rudolf-Bultmann-Straße zu finden ist.
Vor 101 Jahren wurde die Kollektion unter dem früheren Namen „Völkerkundliche Sammlung“ gegründet. Schließlich war Marburg eine der ersten Universitäten, die völkerkundliche Seminare anbot. Und die Professoren kamen zu dem Ergebnis: „Ohne Museum geht es nicht“. Heute umfasst die Sammlung, die eine größere Offenheit für fremde Lebensformen wecken möchte, rund 6000 ethnographische Alltags- und Kunstgegenstände aus allen Teilen der Welt sowie etwa 12.000 Fotos und Dias. Die meisten Exponate kommen aus Lateinamerika, zugleich der Schwerpunkt des Faches in Marburg.
„Unsere Objekte sind Zeitzeugen“, sagt die Kuratorin der Ethnographischen Sammlung, Dagmar Schweitzer de Palacios, die selbst jahrelang als Feldforscherin im Andenraum gearbeitet hat. Ihr geht es darum, über die Exponate die Geschichte der Menschen in den Mittelpunkt zu stellen. So hat der frühere Marburger Ethnologieprofessor Marc Münzel den Genozid an den Aché dokumentiert, einer indigenen Gruppe aus dem Osten Paraguays, die verjagt und verfolgt wurde. Äxte zur Honigernte, Körbe, Töpfe und ungewöhnliche Werkzeuge, um Tiere zu zerlegen, zeugen von der Kultur der „gejagten Jäger“.

Von den Canela erzählt eine wertvolle Sammlung mit 600 Exponaten und Malereien sowie einem umfangreichen Foto-, Ton- und Filmarchiv. Dazu gehören farbenprächtiger Federschmuck, Kalebassen und lebensgroße Körpermasken aus Bast. Heute leben noch rund 2000 Menschen dieser indigenen Gruppe in zwei Dörfern zwischen dem amazonischen Tropenwald und dem ostbrasilianischen Hochland. Die Masken, die bei rituellen Tänzen getragen wurden, erinnern an eine freundliche Begegnung mit dem Wassergeist Kokrit. Bemerkenswert sind auch die Wettkämpfe der Canela, bei denen sie bis zu 120 Kilo schwere Baumstämme schultern.
Viele Exponate sind moderner als auf den ersten Blick erkennbar. Dazu zählen die beeindruckenden Keramiken aus Westmexiko, die zu einem wichtigen Erwerbszweig der Purhepecha geworden sind. Auch die strahlenden Wollbilder der Huichol, die im Hochland der Sierra Madre in Nordmexiko leben, werden erst seit rund 80 Jahren produziert. Dabei handelt es sich um mit Bienenwachs bestrichene Holzplatten, in die Figuren und Symbole mit leuchtend bunter Wolle eingedrückt werden. Wichtige Elemente sind der Hirsch als heiliges Tier, die Sonne und der Peyote-Kaktus.
Über die Wiesbadener Sammlung Nassauischer Altertümer kamen in den 1960er Jahren auch einige Gegenstände aus den ehemaligen deutschen Kolonien nach Marburg. In einem Projekt gemeinsam mit dem Oberhessischen Museum Gießen forschte Dagmar Schweitzer de Palacios systematisch nach der Herkunft von Exponaten aus der Kolonialzeit. Dabei entdeckte sie mindestens 80 Kolonialobjekte. Forschende aus Tansania und Kamerun reisten deshalb eigens nach Marburg. Es stellte sich jedoch heraus, dass die Marburger keine spektakulären Objekte aus den ehemaligen Kolonien haben, weshalb sie in der Sammlung blieben.
In den Schauräumen an der Rudolph-Bultmann-Straße stehen auch mehrere Altäre – Thema eines gemeinsamen Forschungsprojekts mit Religionswissenschaftlern und Medizinhistorikern. Darunter ist etwa ein Santeria-Altar aus Kuba. Dabei handelt es sich um einen Ritualraum mit Geistern, die mit Wasser versorgt werden müssen, sowie Gottheiten, die sich in Töpfen verbergen. Ein Foto des Revolutionärs Che Guevara gehört auch dazu.
Führungen durch die Ethnographische Sammlung werden auf Anfrage von der Kuatorin (schweitd@staff.uni-marburg.de) angeboten. Weitere Informationen unter: www.uni-marburg.de/de/fb03/ivk
Gesa Coordes

