Oberbürgermeister hört 2027 auf / „Frischer Wind tut der Stadt gut“

Der Marburger Oberbürgermeister Thomas Spies (SPD) wird nicht erneut bei der Oberbürgermeisterwahl in einem Jahr kandidieren: „Man soll gehen, solange die Menschen noch winken und Platz für neue Gesichter mit neuen Ideen machen“, erklärte Spies, der seine Partei in den vergangenen Tagen informierte. Die Entscheidung sei ihm nicht leicht gefallen und lange in ihm gereift, schrieb er in seiner Stellungnahme: „Jetzt, wo sich eine politische Mehrheit und damit Stabilität anbahnt, ist der Zeitpunkt, diese Entscheidung auch öffentlich zu machen.“ Derzeit verhandeln Grüne, SPD, Linke, Volt und Klimaliste über die Bildung einer Linkskoalition. Spies selbst hatte angesichts der Finanznöte und der nötigen Sparmaßnahmen in Marburg die Koalitionsgespräche mit CDU und Grünen fortsetzen wollen. Nun schreibt er: „Frischer Wind und Veränderung tun der Stadt gut.“

Der 64-Jährige ist seit elf Jahren Oberbürgermeister Marburgs und noch bis November 2027 gewählt. Er sei sehr gerne OB seiner Heimatstadt, sagt er. Sozialdemokraten hätten Marburg zu dem gemacht, was die Stadt heute ist. Diese „wunderbare Aufgabe“ werde er bis zum letzten Tag „mit ganzer Kraft und Leidenschaft“ ausfüllen. Marburg sei in der Vergangenheit gut durch die Krisen gekommen: „Nun werden wir auch die nächste Herausforderung, die Konsolidierung, gemeinsam auf einen guten Weg bringen und den Pharmastandort für die nächsten Jahrzehnte zukunftssicher aufstellen“, so Spies.

Anerkennung zollt ihm sogar die CDU. Trotz deutlicher politischer Unterschiede sei Thomas Spies in der Zusammenarbeit stets verlässlich gewesen und habe sich an Vereinbarungen gehalten: „Absprachen hatten Bestand. Gerade in schwierigen Zeiten ist das ein wichtiger Bestandteil einer funktionierenden politischen Kultur“, sagt Fraktionsvorsitzender Jens Seipp. Nach seinem Eindruck ist der Oberbürgermeister „von den eigenen Leuten sturmreif geschossen worden“. Und FDP-Stadtverordneter Christoph Ditschler ergänzt, dass die SPD ihn „aufs politische Abstellgleis“ gezwungen habe. In der SPD gäben zunehmend diejenigen den Ton an, die veränderte politische Mehrheiten und notwendige Haushaltskonsolidierung ausblendeten, kritisiert die CDU/FDP-Fraktion. Versöhnlich klingt dagegen das Statement von Stadtverordnetenvorsteherin Andrea Suntheim-Pichler (CDU/FDP-Fraktion): „Selbstredend wird Thomas Spies bis zum Ende seiner Amtszeit das gute Miteinander in der Stadtverordnetenversammlung wie gewohnt konsensual aufrechterhalten und leben.“

Auch SPD-Vorsitzender Thorsten Büchner betont, dass die Sozialdemokraten in den nächsten Monaten weiter „engagiert zusammenstehen“, um die „die großen Herausforderungen zu schultern und die besten Lösungen für Marburg zu suchen“. Spies habe in den vergangenen Jahren viele zukunftsweisende Projekte initiiert und vorangebracht – darunter den Klimaaktionsplan, die Bürgerbeteiligung, das Bildungsbauprogramm, die Schaffung von Wohnraum, das Corona-Hilfsprogramm sowie der Kampf für Menschenwürde und Demokratie. Dabei habe er es „immer geschafft, dass alle demokratischen Kräfte bei den wichtigen Herausforderungen an einem Strang ziehen.“ Zudem habe er gemeinsam mit dem Team der Stadtverwaltung Krisen bewältigt und das Schiff „Marburg“ verlässlich durch die Pandemie und die Energiekrise gesteuert. Nun arbeite er intensiv daran, fraktionsübergreifend die Haushaltskonsolidierung auf den Weg zu bringen. „Thomas Spies übernimmt die Verantwortung, auch wenn Entscheidungen getroffen werden müssen, die schmerzen. Für dieses Rückgrat bin ich sehr dankbar“, so Büchner.

Thomas Spies will sich auch nach seiner Amtszeit weiter politisch engagieren. Im September 2025 wurde er zum SPD-Bezirksvorsitzenden Hessen-Nord und im April dieses Jahres zum stellvertretenden Landesvorsitzenden gewählt. Dort wolle er weiter seine Herzensthemen vorantreiben. Dazu zählen Gesundheitsversorgung und Bürgerversicherung – Spies ist ausgebildeter Arzt und war vor seinem Amtsantritt SPD-Landtagsabgeordneter.

Wer ihm als SPD-Kandidat bei der Oberbürgermeister-Wahl im kommenden Jahr nachfolgen wird, ist bislang unklar. In der Diskussion sind Stadträtin Kirsten Dinnebier und der SPD-Vorsitzende Thorsten Büchner.

Gesa Coordes

Bild mit freundlicher Genehmigung von Patricia Grähling