Montag, 30. Mai 2016
Thema der Woche | 26. Mai 2016

Gesundheit!

Startschuss für das Programm "Gesunde Stadt" mit Dr. Ellis Huber – Foto: Sabine Preisler, Stadt Marburg

Gesundes Leben in Marburg ganz oben auf die Agenda setzen ist das Ziel: Mit einem Vortrag des renommierten Arztes und langjährigen ehemaligen Präsidenten der Berliner Ärztekammer, Dr. Ellis Huber, gab Oberbürgermeister Thomas Spies den Startschuss für das von ihm auf den Weg gebrachte Programm "Gesunde Stadt".

"Arme Menschen leben in diesem Land 14 Jahre kürzer als reiche", kritisierte der OB. Dies dürfe nicht sein. In Schweden liege der Unterschied dagegen bei nur zwei Jahren. Ellis Huber schilderte eindrücklich wie Städte und Gemeinden gesundheitsförderliche Lebensbedingungen schaffen können. Der Arzt ist ein ausgewiesener Kenner regionaler und kommunaler Gesundheitspolitik und gilt als medizinischer Querdenker. Für die Universitätsstadt sei die Aufgabe angesichts von Marburgs Rolle in der Medizingeschichte und den zahlreichen Studierenden natürlich eine besonders passende Herausforderung, erklärte er.

Vorab rechnete Huber vor, wie viel Geld im deutschen Gesundheitssystem steckt: Jedes Jahr nehmen die gesetzlichen Krankenkassen mehr als 200 Milliarden Euro ein. Pro Bürger stehen damit durchschnittlich 2800 Euro zur Verfügung. Umgerechnet auf Marburg beträgt die Höhe des Kassenbudgets damit 210 Millionen Euro, was in etwa dem Budget des Marburger Haushalts entspricht.

Ellis Huber plädierte für eine ganzheitliche Medizin, die auf die psychosoziale Gesundheit der Menschen achtet. "Der Weg von der Krankheit zur Gesundheit ist der Weg vom Ich zum Wir", hob er wie Spies und in Übereinstimmung mit der Weltgesundheitsorganisation den sozialen Aspekt hervor. Schließlich verursachten Burnout, Depressionen, Angststörungen und andere psychische Erkrankungen die meisten Krankheitstage. Auch Rückenschmerzen hätten oft psychische Ursachen. Man müsse aufhören, das Heil von Tabletten und Wunderheilern zu erwarten: "Ich kann Schmerzen mit Aspirin oder mit einer Veränderung des individuellen Lebens bekämpfen", erläuterte er. Die Arztpraxis sei deshalb ein Seismograph für "gesellschaftliche Widersprüche und soziales Fieber".

Ausgehend von der sogenannten Ottawa-Charta der Welt­gesund­heits­organisation solle "Gesundheit für alle" zur treibenden Kraft in Städten und Dörfern werden. Huber stellte ein Beispiel aus dem Kinzigtal vor, wo sich 73 Ärzte, drei Krankenhäuser und andere Dienstleister zu einer integrierten Versorgung zusammengeschlossen haben, die sich vor allem die soziale Prävention auf die Fahnen geschrieben hat. Bereits nach neun Jahren zeigte sich, dass die Versicherten durchschnittlich 1,4 Jahre länger leben als Menschen aus einer vergleichbaren Kontrollgruppe. Zudem ist das Konzept preiswerter für die Kassen, die deshalb zu Kooperationen mit den Kommunen bereit sein.

Ein Beispiel für eine Erfolgsgeschichte ist auch die kommunale Gesundheits­förderung im baden-württembergischen Michelfeld, wo Kitas, Schulen, Kirchen und Vereine mitarbeiten. Nach zehn Jahren leben dort mehr Kinder und mehr Einwohner. Die Folge sind höhere Steuereinnahmen und mehr Betriebs­ansiedlungen.

Auch in Marburg gab es bereits ein vorbildliches Modellprojekt für gesunde Kinder und Erwachsene in benachteiligten Stadtteilen, auf das Huber lobend Bezug nahm: Mit knapp 50 Netzwerkpartnern erreichte "Marburg mittendrin" rund 1100 Kinder und ihre Eltern in den Stadtteilen Richtsberg, Stadtwald und Waldtal. Das vom Bundesernährungsministerium geförderte Projekt lief 2011 aus.

Insgesamt gebe es viele kreative Ideen, wie man kommunale Gesundheits­förderung voranbringen könne, so Huber. Er träume davon, das Gesundheits­förderpläne in den Städten so intensiv diskutiert werden wie Bebauungspläne.

Gesundheit in den Fokus zu stellen, sei auch in Zeiten knapper Kassen möglich, betonte OB Spies. Der Oberbürgermeister, der selbst Mediziner ist, will dafür unter anderem das neue Präventionsgesetz nutzen, dessen genaue Ausführungen in den nächsten Wochen veröffentlicht werden sollen.

pe/kro

Tipp des Tages

Ein Mann namens Ove

Seit dem Tod seiner geliebten Frau versucht Rentner Ove, seinem ihm nun sinnlos er­schein­en­den Leben ein Ende zu setzen, doch immer kommt irgendetwas dazwischen. Film von Hannes Holm.
Mo 30.5. | 20.30 Uhr | Gießen | Kino-Center; 21.35 Uhr | Marburg | Kammer
 
Tipp der Woche

Stefanie Sargnagel

In Österreich sorgte Stefanie Sargnagels Erstling Binge Living bei seinem Erscheinen Ende 2013 bereits für Furore. Nun erscheint also der Zweitling Fitness, und das Prinzip ist dasselbe: Facebook-Statements, irrwitzige Reportagen und Illustrationen (Sargnagel studiert Malerei bei Daniel Richter an der Akademie der bildenden Künste) werden zu einem gewaltige Sogkraft entwickelnden Stream of Consciousness verdichtet, der mit schonungslosem Stakkato entlarvt, was in Steffis Augen verlogen, fake, unzulänglich oder einfach auch nur saukomisch ist. Die Autorin liest am
Di 31.5. | 19 Uhr | Gießen | MuK
 
Live – Kommende Highlights

Erwin-Piscator-Haus

Marburgs neues kulturelles Herzstück wird nach rund drei Jahren Umbau am 4. Juni wiedereröffnet. Höhepunkt des großen Eröffnungsprogramms ist am Samstagabend im großen Saal eine festliche Eröffnungsshow, für die der Kabarettist und Conférencier Lars Reichow gewonnen werden konnte. Er führt durch ein vieseitiges Überraschungsprogramm, bei dem unter anderem das Hessische Landestheater Marburg für musikalische Höhepunkte sorgt. Eine Tanzperformance verspricht spannende Eindrücke und Thomas Kreymeyer verblüfft mit seinem Stehgreif-Entertainment.
Sa 4.6. | 20 Uhr | Marburg | Erwin-Piscator-Haus
Freikartenverlosung: Fr 27.5. | 16 Uhr | Tel. 06421/684443
 

Backtrack & Wolf Down

Es darf gemosht, gebangt und gegrölt werden, wenn Backtrack ihrem Publikum ihren Oldschool NYHC Sound mit unglaublicher Energie entgegenschleudern und Wolf Down die volle Breitseite von wuchtigem metallischem Hardcore zeigen.
Fr 24.6. | 20 Uhr | Marburg | KFZ
Freikartenverlosung: Fr 10.6. | 16 Uhr | Tel. 06421/684443
 
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