Sonntag, 28. Mai 2017
Thema der Woche | 25. Mai 2017

Verkehr bleibt eine Sollbruchstelle

Marburgs neue Stadtregierung – und ein Blick zurück – Foto: Kronenberg

Marburg ist keine Stadt der großen Koalitionen. In den vergangenen 49 Jahren ist es nur zweimal passiert, dass SPD und CDU ein Bündnis geschmiedet haben. Nun haben sie es angesichts der neuen Mehrheitsverhältnisse im Stadt­parla­ment erneut gewagt. In den kommenden Jahren wird Marburg von einer Zweck­ge­mein­schaft aus SPD, CDU und "Bürgern für Marburg" regiert. Vorsichtshalber sprechen die Beteiligten nicht von einer Koalition. "Partnerschaft für Marburger Themen" heißt das Bündnis. Und sie haben vereinbart, dass sie bei kniffligen Themen auch unterschiedlich abstimmen dürfen.

Die Zurückhaltung ist berechtigt. In der Vergangenheit haben die Sozial­demo­kraten sogar einen als sicher geltenden Oberbürgermeisterposten verloren, weil sich der damalige Kandidat Gerhard Pätzold für eine Große Koalition aus­ge­spro­chen hatte. Daraufhin gaben viele Sympathisanten der Grünen weiße Stimm­zettel ab. CDU-Mann Dietrich Möller gewann die Direktwahl 1993 hauch­dünn. Und die großen Koalitionen der Vergangenheit sind immer wieder an einem Thema gescheitert, dass auch jetzt wieder Potenzial für großen Streit hat – der Verkehr. Das aktuelle Bündnis hat bereits einen Beschluss für die Erweiterung des Parkhauses am Pilgrimstein auf den Weg gebracht.

Ein Blick in die Geschichte Marburgs: Nach den Kommunalwahlen von 1974 hatte die sozialliberale Koalition unter dem damaligen Oberbürgermeister Hanno Drechsler ihre Mehrheit verloren. Gemeinsam mit der erstmals ins Stadtparlament eingezogenen DKP hätte es zwar noch für ein linkes Bündnis gereicht. Das konnte sich Drechsler, der sich nach seiner DDR-Erfahrung einen "antikommunistischen Tick" attestierte, aber gar nicht vorstellen. 1976 vereinbarte er die Koalition mit der CDU. "Abgesehen von der Verkehrspolitik lief es gut", erinnert sich der frühere Stadtsprecher und Historiker Erhard Dettmering (SPD).

Nach der nächsten Kommunalwahl versuchte die SPD, aus der großen Koalition auszubrechen und bildete die erste Ampelkoalition Hessens. Das Bündnis scheiterte aber schon nach wenigen Monaten, nachdem Grüne im Marburger Schloss eine Ausstellungseröffnung durch den SPD-Ministerpräsidenten und Startbahn-West-Befürworter Holger Börner massiv gestört hatten. Drechsler ging erneut eine große Koalition ein, die bis zum Ende der Legislaturperiode hielt.

1985 entschieden sich die Sozialdemokraten für ein rot-grünes Bündnis – das hatte damals noch Seltenheitswert. Hauptgrund war die Verkehrspolitik. Die CDU – so berichtet Dettmering – wollte Marburg so autogerecht ausbauen, dass in Höhe der Mensa eine vierspurige Brücke über die Lahn geführt hätte. Drechs­ler, dem die Stadt die vorbildliche Altstadtsanierung zu verdanken hat, konnte sich das nicht vorstellen und wagte das Experiment mit der Umweltpartei.

In einer Stadt wie Marburg ist ein Bündnis mit der CDU vor allem für die Sozialdemokraten ein Risiko. Deswegen hält Dettmering es für gut, dass ein unterschiedliches Stimmverhalten möglich ist: "Das ist ein sehr interessantes Modell", sagt der Sozialdemokrat, der an den aktuellen Gesprächen nicht beteiligt war. Zudem war die alte Ehe zwischen SPD und Grünen – sie hielt immerhin mehr als 20 Jahre – völlig zerrüttet. "Mit dieser grünen Führungs­schicht war nichts mehr zu machen", meint Dettmering: "Nach endlosen Gesprächen und Streitereien lagen die Nerven blank."

Eine große Koalition bilde man nur, "wenn es nicht anders geht", sagt Friedrich Bohl (CDU), der ehemalige Kanzleramtsminister unter Helmut Kohl, der Jahr­zehnte die Marburger Region im Bundestag vertreten hat: "Das ist eine Ver­nunft­gemeinschaft in einer verworrenen Lage." 2001 hat der einstige Politprofi die erste Jamaika-Koalition Deutschlands ausgehandelt – ein Bündnis zwischen CDU, FDP, FWG und Grünen im Kreis Marburg-Biedenkopf, das mit Varianten bis 2014 hielt: "Das ging deshalb, weil wir uns menschlich gut verstanden haben", erläutert Bohl: "Das ist der Kitt einer jeden Koalition." Wie gut sich SPD, CDU und BfM in Marburg in Zukunft verstehen, muss sich erst erweisen. Der Verkehr sei aber sicherlich "eine Sollbruchstelle", sagt Bohl: "Da muss man aufpassen."

Gesa Coordes

Tipp des Tages

Foto: KFZ
LyraDanz

Streichpsalter? Eher aus der retro-mittelalterlichen Musik für betuliche Melodien bekannt, erscheint er unter den Händen von Caterina Sangineto förmlich zu explodieren. Aber es wäre wirklich schade, die Band LyraDanz auf diese eine Sache zu reduzieren. Da ist zum Beispiel das ungewöhnlich dynamisch und rhythmische Harfenspiel von Adriano Sangineto. Er hat gleich zwei Harfen dabei, um immer die passende Klangfarbe wählen zu können. Der Gitarrist Jacopo Ventura bringt seine Rumba-, Flamenco-, Manouche- und Jazz-Erfahrungen ein – Vielfalt ist ein wesentliches Element dieser Bal Folk Combo. Insgesamt eine vielfältige, unkonventionelle Band, die ungewöhnliche Klänge ins Neo-Trad-Genre bringt.
So 28.5. | 20 Uhr | Marburg | KFZ
 
Tipp der Woche

Foto: Sebastian
Niehoff
Bodo Wartke

Der Gentleman-Entertainer am Flügel meldet sich zurück!: Mit seinem fünften Klavier­kabarett­programm "Was, wenn doch?" bezeugt Bodo Wartke, dass es möglich ist, seiner Bühnen­kunst treu zu bleiben und zugleich für neue Begegnungen und Einflüsse offen zu sein. Das bedeutet mitreißendes Klavier­kabarett in Reimkultur ebenso wie verblüffende Denkanstöße beim augenzwinkernden Blick auf unser alltägliches Miteinander. Bodo Wartke scheut sich nicht, einfache, existenzielle Fragen zu stellen: Was treibt uns an? Wieso fällt es uns schwer, Wandel als Chance anzunehmen? Warum handeln wir aus Angst anstatt aus Liebe? Was, wenn doch? ist ein poetisches Spiel mit den Möglichkeiten, nachdenklich und unterhaltsam zugleich.
Do 1.6. | 20 Uhr | Marburg | Erwin-Piscator-Haus
 
Live – Kommende Highlights

Foto: Christin Büttner
Jamaram

Reggae, Ska und Dub allererster Güte, dazu bounciger Oldschool-Hip-Hop neben R'n'B und Latin: Der Münchner Wanderzirkus in Sachen Reggae & Rock'n'Roll Jamaram, seit Jahren auf den Bühnen Europas, Afrikas und Südamerikas mit rund 2000 Liveauftritten zuhause, fährt auf der Genre-Achterbahn, ohne je beliebig zu werden – hochenergetisch und bunt, dabei eigenständig und massentauglich zugleich. Den Support macht Mellow Mark.
Do 1.6. | 20.30 Uhr | Marburg | KFZ
 

Foto: Waggon-
halle
Les Brünettes

Es ist ein Fest, zu erleben, wie Les Brünettes ihre stimmlichen Möglichkeiten in den Dienst der zeitlosen Beatles-Songs stellen. In ihren Arrangements lassen sich die vier von den Pilzköpfen zu kreativen, spielerischen, manchmal frechen Höhenflügen inspirieren. Sie entstauben die vielgehörten großen Hits, entdecken eher unbekanntere Songs und überraschen mit Querverbindungen zwischen den Stücken. In ihren eigenen Liedern umschreiben Les Brünettes außerdem als Songwriterinnen das, was sie selbst an den Geschichten der Beatles berührt – sie lesen zwischen den Zeilen, hinterfragen und legen sie neu aus und lassen sogar Yoko Ono zu Wort kommen.
Do 22.6. | 20 Uhr | Marburg | Waggonhalle
Freikartenverlosung: Fr 9.6. | 16 Uhr | Tel. 06421/684443
 
Aktuelles Heft
Zum Anschauen und Blättern klicken Sie bitte auf den Hefttitel.
 
Kulturtipps 2017
Zum Anschauen und Blättern klicken Sie bitte auf den Hefttitel.
 
Ausgehen & Einkaufen
Zum Anschauen und Blättern klicken Sie bitte auf den Hefttitel.