Unwort des Jahres 2025.
Eine Jury aus Sprachexpert*innen hat an der Marburger Uni am vergangenen Montag das Unwort des Jahres 2025 bekannt gegeben. Ausgewählt hat die sechsköpfige Jury, deren Sprecherin die Marburger Germanistikprofessorin Constanze Spieß ist, „Sondervermögen“.
Der Ausdruck Sondervermögen ist seit einigen Jahren im gesellschaftlichen Diskurs präsent. Im Jahr 2025 wurde er im öffentlich-politischen Sprachgebrauch vermehrt verwendet und prägte sehr deutlich die politischen Debatten über Staatsverschuldung und Investitionsprogramme. Sondervermögen setzt sich aus den Wortteilen sonder und Vermögen zusammen.
Unter Vermögen ist eine große Menge an Eigentum (Geld, Sachwerte etc.) zu verstehen. Das Wortbildungselement sonder bedeutet, dass etwas nicht dem Üblichen entspricht, sondern außergewöhnlich ist. Im Alltagssprachgebrauch wird unter Sondervermögen eine spezielle Menge an Eigentum verstanden, die von einem Gesamtvermögen abgetrennt ist und einen eigenen Stellenwert einnimmt.
Der Ausdruck stammt ursprünglich aus der wirtschaftlichen und juristischen Fachsprache, unter anderem kommt er im Grundgesetz in Artikel 110, Absatz 1 vor. Im Fachdiskurs über den Staatshaushalt wird mit Sondervermögen ein sogenannter Nebenhaushalt bezeichnet, der zur Erfüllung bestimmter Aufgaben eingerichtet wird und mit der Aufnahme von Schulden oder einer Kreditermächtigung verbunden ist. Der Gebrauch dieses verwaltungstechnischen Ausdrucks hat sich im öffentlichen Diskurs verselbständigt. Er richtet sich in Debatten über politische Maßnahmen an alle Bürgerinnen und Bürger. Viele von ihnen sind jedoch nicht mit der administrativen Spezialbedeutung vertraut und orientieren sich an der Alltagsbedeutung. Durch diese Diskrepanz tritt die irreführende euphemistische Bedeutung des Wortes deutlich in den Vordergrund. Der Gebrauch des Technizismus in der öffentlichen Kommunikation verdeckt, was mit ihm gemeint ist: die Aufnahme von Schulden. Die Jury kritisiert diesen Gebrauch, weil durch ihn Tatsachen verschleiert werden und wegen seiner manipulativen Wirkung. Dadurch werden demokratische Debatten über die Notwendigkeit der Schuldenaufnahme unterminiert: Verständlichkeit und Aufrichtigkeit werden hinsichtlich der aufgenommenen Schulden vermieden. Wo politische Kommunikation alle Bürgerinnen und Bürger betrifft, ist das sprachkritische Einmahnen von Klarheit und Angemessenheit in der Sprache diskursethisch geboten. Außerdem kritisieren wir als Unwort auf Platz 2 im Jahr 2025: Zustrombegrenzungsgesetz: Zustrombegrenzungsgesetz ist ein Ausdruck, der Zuwanderung mit der Wassermetapher als ‚Herbeiströmen in großen Mengen‘ darstellt und Zuwanderung dadurch negativ, das heißt als Bedrohung konnotiert. Bezeichnungen aus dem Bereich der Was- sermetaphorik, die sich auf Migration beziehen, sind bereits seit den 1950er Jahren in Gebrauch (z. B. Flüchtlingsstrom, Asylantenstrom, Flüchtlingsflut, Asylantenwelle, Flutwelle, Asyltsunami etc.). Menschen, die sich auf der Flucht befinden, verschwinden hinter der Bezeichnung eines massenhaften materiellen physikalischen Prozesses („zuströmen“) und werden damit als große Menge und Gefahr vorgestellt und zugleich entmenschlicht. Das individuelle Schicksal von Migrierenden wird ausgeblendet. In der kritisierten Wortbildung wird diese Diskriminierung zudem in Form eines Gesetzes institutionalisiert.
Auch in diesem Jahr greift die Jury wieder auf die 2013 eingeführte Kategorie des persönlichen Unworts der Gäste zurück. Das persönliche Unwort des diesjährigen Jury-Gastes Ronen Steinke ist „Umsiedlung“: Mit dem Ausdruck „Umsiedlung“ warben israelische wie auch amerikanische Politiker 2025 dafür, die Bevölkerung des umkämpften Gazastreifens dauerhaft in ein anderes Land zu schicken.
Was klingt wie eine Wohltat, verschleiert ein Verbrechen. Eine „Umsiedlung“ unter vorgehaltener Waffe nennt man im Völkerrecht gemeinhin eine Vertreibung. Und wenn man Zivilistinnen und Zivilisten vor die Wahl stellt, entweder beschossen und bombardiert zu werden oder „freiwillig“ das zu tun, was man ihnen „anbietet“, dann ist das kein Angebot, sondern Zwang. Auch einige deutsche Medien übernahmen diese beschönigende Sprechweise.
Fotoausstellung zum Unwort des Jahres 2025
Seit 2004 übersetzt eine Gruppe der Darmstädter Fotografinnen und Fotografen Jens Steingässer, Stella Weiß, Nouki, Stefan Daub, Jens Mangelsen und Andreas Zierhut das jeweilige „Unwort des Jahres“ in eine facettenreiche Ausstellung, die sich bildlich mit dem gesellschaftlichen und politischen Thema auseinandersetzt.
Die Vernissage ist am Donnerstag, 12. März, in Darmstadt. Der genaue Ort und die Dauer der Ausstellung werden auf www.unwort-bilder.de bekanntgegeben.
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