Am Marburger Pharmastandort verlieren 1000 Menschen ihren Arbeitsplatz.

„Es ist ein Kahlschlag“, sagt der Betriebsratsvorsitzende von CSL Innovation, Sascha Ludwig. Ein Kahlschlag, wie es ihn in den vergangenen 50 Jahren bei den ehemaligen Behringwerken noch nie gegeben habe. Am Marburger Pharmastandort verlieren rund 1000 Menschen ihren Arbeitsplatz: 500 sind es allein bei CSL, 315 bei Biontech, 85 bei Nexelis sowie weitere Mitarbeiter bei den Zulieferern.

Aus für das brandneue Forschungszentrum

Der Betriebsrat von CSL hat sein Büro nach der im Sommer vergangenen Jahres verkündeten Schließung des Forschungsstandorts im sechsten Stock des hochmodernen Forschungsgebäudes von CSL Innovation aufschlagen. „Philadelphia“ heißt der Meetingraum, in dem sich bislang Forschergruppen aus dem ganzen Haus trafen, um ihre neuesten Projekte rund um Blutplasma zu besprechen. Jetzt interessiert sich niemand mehr für den schönen Blick aus den bodentiefen Fenstern. Jeden Tag berät der Betriebsrat hier Dutzende von Arbeitnehmern, die nach neuen Wegen für ihre Zukunft suchen.

Fast jeder hier spricht fließend englisch. Schließlich handelt es sich um einen der größten Forschungsstandorte des Biopharmaunternehmens CSL, das seinen Sitz in Australien hat. Die Mitarbeiter stammen aus rund 40 Nationen. Sie sind so hoch motiviert, dass der Krankenstand noch nicht einmal nach den Hiobsbotschaften hochging. Sie arbeiten mit dem Plasma von Blut und gentechnisch veränderten Zellkulturen, um daraus in zahlreichen Projekten noch bessere Blutplasma-Produkte und Gerinnungs-Präparate zu entwickeln. Davon profitieren vor allem Bluter. „Für ganz viele hier ist das nicht nur ein Beruf, sondern eine Berufung“, sagt Ludwig. Doch im Sommer kündigte das Biopharmaunternehmen an, die Forschungs- und Entwicklungsabteilung in Marburg zu schließen und die Stellen der 500 Beschäftigten zu streichen. „Dass man hier komplett dicht macht, das kam völlig unerwartet“, sagt Betriebsrat Sascha Ludwig.

Verstehen kann das in Marburg niemand. Das 150 Millionen Euro teure Forschungszentrum war nämlich erst drei Jahre zuvor eröffnet worden – damals das weltweit größte Forschungs- und Entwicklungszentrum von CSL. Allerdings habe der australische Mutterkonzern auch andere Forschungsstandorte auf der Welt dicht gemacht, berichtet Ludwig. Dennoch: „So wirklich logisch nachvollziehen können wir alle nicht, warum es Marburg getroffen hat.“ Mit einer Standortschließung für die Forschung habe niemand gerechnet.

Bevorstehender Leerstand

Das sechsstöckige Gebäude, das den schmucklosen Namen M 600 trägt, soll sich im Laufe des Jahres komplett leeren. Die Räume heißen nach den weltweiten Standorten des Mutterkonzern. Ein weites Atrium mit gläsernem Aufzug, Comics an den Wänden, einem Tischkicker im Erdgeschoss und Sitznischen auf allen Ebenen laden zu einem kreativen Austausch ein. Dazu gibt es 7000 Quadratmeter für Labore sowie einen Eisspeicher und Wärmepumpen für eine CO2-neutrale Energieversorgung.

Was in Zukunft mit dem Gebäude passieren soll, darüber berät eine „Task Force“, in der neben der Geschäftsleitung, Aufsichtsrat und Betriebsrat auch die Stadt und die Universität Marburg sowie das Land Hessen vertreten sind. „Es gibt verschiedene Konzepte und Interessenten, die sich vorstellen können, sich hier anzusiedeln“, sagt der Betriebsrat vorsichtig. Schließlich wollen alle Beteiligten, dass sich „M600“ in Zukunft wieder füllt.

Betriebsratsvorsitzender Sascha Ludwig vor dem CSL-Forschungszentrum, das sich im Laufe des Jahres komplett leeren wird.

Kündigungen: „Hier standen Leute im Büro und haben geweint“

Doch derzeit geht es vor allem um die Mitarbeiter, die sich nun neue Jobs suchen müssen. „Wir haben Leute mit mittlerer Reife und langer Berufserfahrung und promovierte Wissenschaftler“, sagt Ludwig. Deswegen sind auch die Reaktionen sehr unterschiedlich. Besonders schwierig sei es für die Beschäftigten in der Lebensmitte, die Familie haben und fest in der Region verwurzelt sind. Um passende neue Jobs zu finden, müssen sie in der Regel nach Frankfurt, Darmstadt, Mainz oder gleich nach Bern wechseln: „Hier standen Leute im Büro und haben geweint“, sagt der Betriebsrat.

Ende Januar erhalten sie alle ihre Kündigung. Wie lange sie noch arbeiten, hängt von noch laufenden Projekten und individuellen Kündigungsfristen ab. Nach dem Sozialplan können die Beschäftigten mit einer Abfindung ausscheiden oder in eine Transfer-Gesellschaft wechseln, in der sie mit Weiterbildungen, Umschulungen und Bewerbungen unterstützt werden. Einige haben neue Jobs gefunden, manche fangen noch einmal ein Studium an, erzählt Ludwig. Besonders schwer haben es diejenigen, die Häuser abbezahlen und deren Kinder in der Region zur Schule oder in den Kindergarten gehen.

Sascha Ludwig selbst hat vor 20 Jahren als Lehrling im Unternehmen gestartet. Schon seine Großmutter hat bei den Behringwerken gearbeitet, ebenso wie seine Mutter. Selbst 2005, als er begann, war klar: „Wer einen Auszubildenden-Vertrag bei den Behringwerken hat, kann dort auch in Rente gehen.“ Das galt auch noch, nachdem die Behringwerke in den 90er Jahren aufgegliedert wurden. Wenn eine Sparte kriselte, konnten die Beschäftigten zu einem anderen Anbieter wechseln. Aber jetzt sieht es in der gesamten Branche – wenngleich aus unterschiedlichen Gründen – nicht rosig aus.

gec

Bild mit freundlicher Genehmigung von Gesa Coordes