Forschungsteam untersucht den Pfadfinderverband Sankt Georg.

Sexualisierte Gewalt ist im katholischen Pfadfinderverband Sankt Georg (DPSG) „ein weit verbreitetes strukturelles Problem“, sagt die Marburger Pädagogikprofessorin Sabine Maschke. Besonders gefährdet sind Kinder und Jugendliche bei Zeltlagern und Fahrten. Zu diesem Ergebnis kommt ein Forschungsteam der Marburger Philipps-Universität und der Gießener Justus-Liebig-Universität, das in den vergangenen Jahren das Vorkommen und die Hintergründe sexualisierter und spiritueller Gewalt sowie den strukturellen Umgang damit in der DPSG seit 1929 untersucht.

Beim DPSG handelt es sich um den größten deutschen Pfadfinderverband, der bundesweit 84.000 aktive Mitglieder und 1.100 Stämme hat. Sein Erkennungszeichen ist die Kreuzlilie, die für Frieden, Verbundenheit und den christlichen Glauben steht. In Marburg gibt es 130 Mitglieder im „Stamm St. Michael“, die sich in der Oberstadt und in Cappel treffen. Allerdings hat die Studie die Frage der sexuellen Gewalt im katholischen Pfadfinderverband nicht regional untersucht. Die einzelnen Fälle wurden bewusst anonymisiert, berichtet Co-Autor Prof. Ludwig Stecher. Zudem wurde sexueller Missbrauch auch in anderen Pfadfinderverbänden festgestellt – etwa beim vor allem durch die evangelische Kirche geprägten Verband christlicher Pfadfinder oder dem Bund der Pfadfinderinnen und Pfadfinder. Vergleichbar sind die Studien wegen der unterschiedlichen Methodik und der unterschiedlichen Zeiträume nicht. Wie viele junge Menschen zwischen 1929 und 2022 sexuelle Gewalt in der DPSG erlebt haben, lässt sich aus der Studie nicht ableiten.

Die nicht repräsentative, 470 Seiten starke wissenschaftliche Untersuchung basiert auf einer Vielzahl an Interviews mit Betroffenen und Fachleuten aus dem Verband, standardisierten Befragungen sowie Analysen von Ausschlussverfahren und anderen Dokumenten. Danach sind die Täter überwiegend männliche Leitende, die ihre Vertrauens- und Machtposition ausnutzen. Viele der Taten finden in ‚Beziehungen‘ statt, die geprägt sind von Machtunterschieden zwischen oft erwachsenen Leitern und weiblichen Minderjährigen. Auch sexualisierte Gewalt, die von gleichaltrigen Jugendlichen ausgeht, ist in der Studie dokumentiert. Institutionelles Wegsehen und Bagatellisieren begünstigten all diese Taten, schreiben die Autoren.

Bei einer Befragung von 400 Pfadfinderinnen und Pfadfindern während eines Pfingstlagers berichtete jede Fünfte von davon, schon einmal körperliche sexualisierte Gewalt erlebt zu haben. Viele gaben an, gegen ihren Willen begrapscht worden zu sein. In den Interviews mit Betroffenen werden auch als Spiel getarnte Übergriffe und Vergewaltigungen beschrieben. Auch Trinkrituale und Alkohol-Exzesse spielen eine wichtige Rolle.

Projektleiterin Sabine Maschke betont: „In der Gesamtschau der Ergebnisse wird ein beschädigtes Fundament sichtbar. Das Problem sexualisierter Gewalt reicht tief in die verbandlichen Strukturen der DPSG hinein. Gemeinschaft, Macht, Nähe und ein spiritueller Überbau öffnen den Raum für sexualisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen.“ Und Ludwig Stecher bekräftigt: „Hier reichen Schönheitsreparaturen an der Oberfläche nicht aus; vielmehr braucht es einen echten Umbau der Verbandskultur. Klare Regeln und Sanktionen gehören dazu sowie eine unabhängige externe Aufsicht. Betroffene müssen systematisch beteiligt werden.“

Mechanismen wie spirituelle Manipulation, die unkritische Überhöhung der Gemeinschaft sowie ein ethischer Kodex der Pflicht bereiteten den Boden für sexualisierte Gewalt. Besonders hoch ist das Risiko bei Zeltlagern. Das Forschungsteam betont, dass Rituale, Traditionen sowie Macht- und Nähe-Distanz-Verhältnisse intensiver hinterfragt werden müssen.

Der katholische Pfadfinderverband Sankt Georg, der die Studie selbst in Auftrag gegeben hat, sprach von    institutionellem Versagen und übernahm Verantwortung für das Leid, das Betroffene innerhalb des Verbandes erfahren mussten und müssen. DPSG-Bundesvorsitzende Annkathrin Meyer entschuldigte sich bei den Opfern: „Wir erkennen Euer Leid an“, sagte sie. Auch zukünftig sollen die Betroffenen im Fokus des Aufarbeitungsprozesses stehen, sagt Annika Daiker, Sprecherin des Aufarbeitungsbeirates: „Wir werden alles daransetzen, dass die Betroffenen niemals aus dem Blick verloren gehen.“

Bundesvorsitzender Sebastian Becker ergänzte: „Dieser Bericht öffnet uns die Augen – schmerzhaft, aber notwendig. Erst durch diese wichtige Arbeit wird für uns als Verband echte Aufarbeitung möglich. Sie legt dafür einen essenziellen und wichtigen Grundstein.“ Der Verband dürfe nicht länger ein Ort des Schweigens sein. Ziel sei es, bestehende Strukturen grundlegend zu überdenken und zukünftig einen sichereren Ort für ihre Mitglieder zu schaffen. Der Bundeskurat Maximilian Strozyk sagt hierzu: „In Zukunft müssen und wollen wir gewaltbegünstigende Strukturen besser erkennen, benennen und konsequenter verhindern. Bei aller Wertschätzung für die Vielfalt an Kulturen, Traditionen und Ritualen – sie dürfen niemals über der Würde von Menschen stehen.“

pe/gec

Bild mit freundlicher Genehmigung von Isabella Braun