Von Stellplätzen, Radwegen, Seilbahnen und Move 35
Der Verkehr ist das Marburger Aufregerthema schlechthin. In den Wahlprogrammen vieler Parteien könnte man jedoch den Eindruck bekommen, als seien die Kommunalpolitikerinnen und Kommunalpolitiker nicht an der Spaltung beteiligt. SPD, Grüne und CDU schildern ihre Verkehrspolitik so, als würden sie Auto, öffentlichen Nahverkehr, Fahrrad und Fußgänger gleichermaßen fördern. Die CDU will eine Verkehrspolitik, die „nicht trennt, sondern verbindet – Stadt und Stadtteile, Rad und Auto, Bus und Fußweg“. Die SPD betont: „Mobilität muss für alle funktionieren. Deswegen lassen wir es nicht zu, dass die unterschiedlichen Verkehrsträger gegeneinander ausgespielt werden.“ Und die Grünen schreiben: „In Marburg sollen die Wege und Mobilitätsbedürfnisse aller Menschen berücksichtigt werden.“ Dennoch gibt es natürlich große Unterschiede. Bei den einzelnen Verkehrsthemen haben wir die bisher nicht im Parlament vertretene Parteien nur am Rande berücksichtigt:
Move 35: Das umstrittene Verkehrskonzept, mit dem der Pkw-Verkehr in Marburg halbiert werden sollte, wurde 2024 mit knapper Mehrheit bei einem Bürgerentscheid abgelehnt. Hinter der Ablehnung standen CDU und FDP, die darin Verkehrsexperimente, radikale Pkw-Verbote und Sperrungs-Fantasien sahen. Dem hat sich die AfD angeschlossen. Die SPD schreibt in ihrem Programm ausdrücklich, dass sie das Ergebnis des Bürgerentscheids respektiere. Unstrittige Maßnahmen wie den klimafreundlichen öffentlichen Nahverkehr, mehr Radwege und breitere Bürgersteige wollten sie aber weiterhin verwirklichen. Die Grünen, deren Spitzenpersonal bereits während der Diskussion um Move 35 teilweise auf Tauchstation ging, erwähnen das Verkehrskonzept gar nicht. Die Klimaliste sieht darin nach wie vor eine „tragfähige Grundlage für die Verkehrswende“. Das Wahlbündnis „Ja zu Move 35“ hat die Verwirklichung des Konzepts zu ihrem Kommunalwahlprogramm gemacht. Auch die Linke sieht in dem starken Minderheitenvotum für Move 35 den Auftrag, sich „konsequent für eine menschenfreundlichere Verkehrspolitik einzusetzen“.
Straßen: Fast alle Parteien sprechen sich dafür aus, Straßen zügig zu reparieren oder zu erneuern. CDU, FDP und SPD betonen dies allerdings stärker. Dagegen erklärt die Klimaliste, dass weniger Fahrzeuge auch für diejenigen Vorteile bieten, die auf das Auto angewiesen sind, weil sie seltener im Stau stehen.
Tempo 30: Die Geschwindigkeitsbegrenzung auf der Innenstadtachse vom Schulviertel bis zur Deutschhausstraße wurde von der SPD unter Oberbürgermeister Thomas Spies eingeführt. Dies findet bei den Linken und den grünen Gruppierungen Unterstützung. Damit sollen vor allem Schulkinder geschützt werden. Von CDU und FDP wurde dies scharf kritisiert. Die AfD möchte sogar alle Tempo-30-Zonen abschaffen. Dagegen wünschen sich rote und grüne Parteien weitere Straßen mit Tempolimits.
Parkplätze: Für weniger Parkplätze in der City plädieren Klimaliste und Liste Move35. Mehr Parkplätze in der Innenstadt wünschen sich CDU, FPD und AfD. Die FDP möchte kleine Parkhäuser am Barfüßer Tor und auf dem Sparkassen-Parkplatz bauen. Mehrere Parteien (SPD, Grüne, Klimaliste) möchten das Parken mehr auf (Quartiers)-Parkhäuser konzentrieren.
Leopold-Lucas-Straße: Die Straße im Schulviertel wurde im vergangenen Sommer zur Fahrradstraße, um den Weg für die rund 3000 Kinder auf dem Weg zum Unterricht sicherer zu machen. Dies zählt vor allem die Klimaliste zu ihren Erfolgen. Dagegen betont die CDU, dass die Leopold-Lucas-Straße nur durch ihre Intervention für Autos zumindest befahrbar blieb und nennt sie ein „teures Experiment“. Noch weiter geht die FDP: „Der chaotische Umbau der Leopold-Lucas-Straße muss rückabgewickelt werden“, schreibt sie in ihrem Programm. Für Elterntaxis, die mehr als ein Kind an den Schulen absetzen, möchte sie sogar eigens eingerichtete Haltezonen.
Radverkehr: Alle Parteien wollen den Radverkehr fördern und die Radwege sicherer gestalten. Allerdings schenken die Klimaliste mit zahlreichen Ideen, die Linken („massiver Ausbau“) und die Grünen („Radverkehr mit Nachdruck fördern“) dem Thema deutlich mehr Aufmerksamkeit als etwa die CDU, die dem Rad unter dem Stichwort „Radverkehr realistisch fördern“ nur einen Satz zubilligt. Die FDP möchte den Lahnradweg durch die City doppelt so breit machen, um eine zentrale Achse mit weniger Konflikten zwischen Fuß- und Radverkehr zu schaffen.
Fußwege: Die Wege der Fußgängerinnen und Fußgänger sollen – so schreiben es fast alle – breiter und sicherer werden.
Öffentlicher Nahverkehr: Am weitesten gehen die Forderungen der linken Fraktionen, die einen Nulltarif für alle Marburgerinnen und Marburger beziehungsweise zunächst für Stadtpass-Inhaber und am Wochenende (Die Linke) oder einen Flatrate-ÖPNV (Marburger Linke) wollen. Die Grünen wünschen sich einen Verkehrsversuch zum kostenlosen Busfahren von den Bahnhöfen zur Altstadt. Fast alle Parteien möchten eine bessere Anbindung und dichtere Taktungen für die Außenstadtteile.
Seilbahnen: Die Grünen möchten dies prüfen. Die Klimaliste wünscht sich eine Seilbahn, die den Pharmastandort und die Lahnberge verbindet. Alle anderen sehen darin keine Perspektive.
Behringtunnel: Der seit mehr als 30 Jahren diskutierte Tunnel soll von Marburgs Norden zum Pharmastandort Görzhausen führen. Ziel ist es, die Nordstadt und die Marbach zu entlasten. Die FDP wünscht sich „endlich ein klares Votum“ für den Tunnel, den selbst die CDU für nicht mehr finanzierbar hält. Zudem kritisieren rote und grüne Parteien und Gruppierungen, dass der Bau Jahrzehnte dauern und viel Natur zerstören würde.
Stadtteile: Alle Parteien sprechen sich ausdrücklich für eine bessere Anbindung der Stadtteile aus (s. Nahverkehr). Viele wünschen sich mehr Radwege in die Stadtteile – vor allem zum Pharmastandort. Bislang war dies an komplizierten Zuständigkeiten gescheitert.
Gesa Coordes

