400 Kinder und Erwachsene demonstrierten Montag, dem 22. Juni gegen Kürzungen.

Selbst komponierte Kinderlieder, gellende Trillerpfeifen und Sprechchöre mit neuem Text: „Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns Erzieher klaut“ schallte es am Montagnachmittag über Straßen und Plätze. Rund 400 Kinder, Eltern sowie Erzieherinnen und Erzieher zogen in brütender Hitze vom Georg-Gaßmann-Stadion bis vors Marburger Rathaus. Sie demonstrierten gegen die geplanten Kürzungen in den Marburger Kindertagesstätten. 

Der Hintergrund: Ende Mai hat der Magistrat der Stadt beschlossen, auch bei den bislang gut ausgestatteten Kindertagesstätten Personal einzusparen. In der Vergangenheit galt in der Universitätsstadt  ein besonders hohes Qualitätsniveau mit mehr Erzieherinnen als andernorts – der sogenannte „Marburger Standard“. Dieser soll nun auf das gesetzlich vorgeschriebene Maß gesenkt werden. Damit werden zugleich Stellen abgebaut. Dagegen haben die freien Träger Marburgs bereits einen Protestbrief verfasst. Organisator der Demo war nun der Elternbeirat der evangelischen Kindertagesstätte Ockershausen, die vor den Folgen der Kürzungen warnt. 

„Kitas sind keine Sparposten“, „Kinder sind die Zukunft“ und „Erhalt des Marburger Standards“ stand auf Plakaten und Fahnen, die an Kinderwagen und Buggys befestigt waren. Kindergartenvater Otako Rogerwilliams Mpaaka aus dem Waldtal hatte eigens ein Lied für die Erzieherinnen und Erzieher verfasst, das im Wechsel mit Ohrwürmern wie Rolf Zuckowskis „Im Kindergarten“ und Herbert Grönemeyers „Kinder an die Macht“ gespielt wurde. „Gute Bildung braucht Menschen, die man unterstützt“, sangen sie. 

Redner Daniel Schäfer wird voraussichtlich zu den Erziehern gehören, die in Zukunft keinen Job mehr haben, weil er einen befristeten Vertrag hat: „Wenn wir den Marburger Standard umsetzen, hat das sofort Konsequenzen“, warnte er. Ausflüge müssten gestrichen werden, Kitas müssten früher schließen: „Notdienste und verkürzte Öffnungszeiten werden in Zukunft zur Normalität werden“, sagte er: „Dann wird aus der Begleitung der Kinder nur noch ein Aufpassen.“ 

An die Seite der Eltern stellte sich Friedhelm Nonne, der für die Marburger Grünen sprach: „Wir setzen uns dafür ein, dass der Magistratsbeschluss revidiert wird. Sie haben unser Wort: An diesem Punkt werden wir hart verhandeln“, sagte er. Schließlich zeige auch der nationale Bildungsbericht, dass mehr für die frühkindliche Bildung getan werden müsse: „Für die Stadt Marburg ist es ein großer Gewinn gewesen, dass die Kita-Betreuung hier besser als anderswo gewesen ist“, so Nonne: „Wir waren immer froh, dass Marburg eine rühmliche Ausnahme war.“ 

Damit das so bleibt, hat der Elternbeirat der Kita Ockershausen eine Online-Petition gestartet, die inzwischen von mehr als 2000 Menschen unterschrieben wurde: Jede gestrichene Stelle bedeute weniger Zeit für jedes einzelne Kind, mehr Belastung für die verbleibenden Fachkräfte und eine weitere Verschlechterung der Betreuungsqualität, schreiben sie. Zudem beträfen die Folgen auch Eltern, die mit eingeschränkten Betreuungszeiten rechnen müssten.

gec

Bild mit freundlicher Genehmigung von Gesa Coordes