Nach der Sanierung ist die „versteckte Kamera“ wieder geöffnet.
Neustart für die Camera Obscura: Nach einer Reparatur der ungewöhnlichen Touristenattraktion vor dem Marburger Schloss werden wieder jedes Wochenende Führungen angeboten.
„Fantastisch“ sagt der Besucher aus dem fernen London. Wie die meisten Gäste hat er noch nie eine Camera Obscura live erlebt. Jetzt schaut er fasziniert auf den runden Projektionstisch, der die gesamte Umgebung spiegelt: Spaziergänger schlendern über das Pflaster zum Schloss hinauf, Liebespärchen umarmen sich, der Stadtbus rollt auf den Vorplatz, Fenster des Collegiums Philippinum öffnen sich, Falken fliegen zum schiefen Turm der Lutherischen Pfarrkirche. Und selbst das Rathaus und die Stadtautobahn spiegeln sich. Allerdings können die Besucher Menschen und Tiere quasi unerkannt beobachten. Sie stehen im Dunkel des sechseckigen Holzhäuschens vor dem Landgrafenschloss, wo die „versteckte Kamera“ quasi aus dem Dach herausschaut. Fotograf Andreas Maria Schäfer gehört zu den sechs Freiwilligen, die jedes Wochenende Führungen anbieten. „Das ist wie eine Reise in die Geschichte der Fotografie“, sagt der Gründer der „Fotocommunity Marburg“.
Er ist sehr froh, dass die Camera Obscura nach ihrer rund neun Monate langen Schließung wieder geöffnet ist. Der Turmaufbau und das Gestänge der „Dunklen Kammer“ waren nämlich brüchig geworden, Spiegel und Linse in die Jahre gekommen. Nun wurde die Technik in der feinmechanischen Werkstatt des Uni-Fachbereichs Physik repariert. Einen neuen Spiegel hat die private Wissenschaftsstiftung Heusler finanziert. Noch ausgetauscht werden muss die Linse, für die nach einem Hersteller gesucht wird. Physik-Dekan Prof. Florian Gebhard führt selbst jeden Besuch in die Camera Obscura: „Das bereitet den Menschen Freude und ist eine gute Reklame für den Fachbereich Physik“, sagt er.
Tatsächlich ist die Marburger Einrichtung ist einzige begehbare Camera Obscura in Hessen. Zu verdanken hat die Stadt dies dem verstorbenen Leiter der Arbeitsgruppe Didaktik am Fachbereich Physik, Dr. Hans Herrmann Behr. Um Schülern physikalische Theorie und Praxis nahezubringen, konstruierte einer seiner Diplomanden die Camera Obscura, die dann von Handwerkern der Universität gebaut wurde. Errichtet wurde das Häuschen mit seiner Technik dann als Beitrag des Fachbereichs zur 475-Jahr-Feier der Universität in 2002.
Eigentlich sollte die damals von Studierenden und Hilfskräften aus der Physik betreute Hütte nur ein Jahr lang stehen bleiben. Doch sie konnte bleiben, weil sich ein ehrenamtliches Team von Freiwilligen bildete. Heute sind drei Fotografen, ein Physiklehrer, ein gelernter Maschinenbauer und eine Studentin – die Enkelin von Behr – dabei. Aber jeder der Freiwilligen, die samstags und sonntags Einblicke gewähren, hat einen anderen Schwerpunkt.
Alle sind fasziniert von der Technik dieses Vorläufers aller Fotoapparate. Der lichtdichte Kasten der Camera Obscura funktioniert nach dem Prinzip der Lochkamera. Durch eine kleine Öffnung fällt das Licht, das auf der Rückwand der Kammer seitenverkehrt abgebildet wird – allerdings farbig und live. Der eigenwillige Aufsatz auf dem Dach der sechseckigen Holzhütte verbirgt den Kern der Camera – den jetzt erneuerten Oberflächenspiegel mit der noch zu ersetzenden Linse darunter. Der Spiegel überträgt die Bilder aus der gesamten Umgebung auf den runden Projektionstisch in der Hütte.
Bewegt wird der Spiegel mit einem Seilzug, der sich seit der Reparatur viel leichter bedienen lässt. „Das ist eine große Verbesserung“, freut sich Andreas Maria Schäfer, der die Bilder durch das Drehen des Projektionstisches scharf stellt. Schon Aristoteles habe das Phänomen der Camera Obscura zufällig bei einer partiellen Sonnenfinsternis entdeckt, erzählt der Fotograf. Maler nutzten sie dann Jahrhunderte lang als Zeichenhilfe. Deshalb hängt ein Bild des Alten Markts von Dresden an der Wand, das um 1750 gemalt wurde. Und weil der italienische Maler Canaletto dabei eine Camera Obscura benutzte, sind die alten Gebäude so detailliert und exakt dargestellt, dass davon architektonische Zeichnungen für den Wiederaufbau der Stadt nach dem Zweiten Weltkrieg angefertigt wurden. Dass so eine simple Apparatur dies alles ermöglicht, erstaune die Besucher*innen bis heute, erzählt Schäfer.
Kleine Tricks gehören zu den Vorführungen dazu: Auf der Stadtautobahn lässt Schäfer die Autos über eine steile „Brücke“ fahren. Mit gewelltem Kunststoff imitiert er ein Erdbeben in der City.
Öffnungszeiten & Infos
Der Besuch der Camera Obscura ist kostenlos. Doch mit den (erwünschten) Spenden konnte die Hütte 2019 mit einem künstlerischen Graffitti verschönert werden. Seitdem sieht man der dunklen Kammer auch äußerlich an, dass sie einen ungewöhnlichen Blick auf die Welt erlaubt.
Die Camera Obscura ist bei gutem Wetter bis Ende Oktober jedes Wochenende sowie an Feiertagen von 14 bis 16 Uhr geöffnet. Die Führungen dauern in der Regel 20 Minuten. Für den 21. September ist ein Besuch der „Camera Minutera“ geplant. In der Zeit von 12 bis 16 Uhr wird der Fotograf Marc Kaieres nach diesem Prinzip Porträtaufnahmen anfertigen. Für Schulklassen, Geburtstage, Hochzeitsgesellschaften und Firmen gibt es Termine nach Vereinbarung (fotograph1956@web.de, Tel. 0160-99645333).
Gesa Coordes

