Steffenbergs Brunnen reichen nicht – Stauseen laufen leer.

Steffenberg im äußersten Westen des Landkreises Marburg-Biedenkopf hätte in diesem Sommer fast auf dem Trockenen gesessen. Bis heute wird die von Perf und Hörle durchflossene Gemeinde ergänzend mit Wassercontainern aus Dautphetal versorgt. Im August pendelten die Feuerwehrleute täglich bis zu zehn Mal nach Dautphetal, um die Hochbehälter in den Steffenberger Ortsteilen Nieder- und Obereisenhausen aufzufüllen. Sonst – so hatten es sich die Wasserfachleute der Gemeinde ausgerechnet – wäre nach einer Woche kein Tropfen mehr aus Duschen und Hähnen geflossen. Inzwischen müssen nicht mehr 440 Kubikmeter, sondern nur noch 180 Kubikmeter Wasser pro Woche herbeigekarrt werden, doch der Zustand wird noch mindestens bis Anfang Oktober anhalten. Die Steffenberger schmecken es am Chlor, das – eine Auflage des Gesundheitsamtes – derzeit zugesetzt werden muss.

Kaum besser in den Nachbargemeinden Biedenkopf und Breidenbach. Auch dort gibt es so massive Engpässe, dass die Menschen schon seit Wochen weder den Rasen sprengen noch Blumengärten bewässern, Pools füllen oder Autos waschen dürfen. Die beiden Kommunen im Marburger Hinterland hängen nämlich an der Obernautalsperre im nahegelegenen Siegen-Wittgenstein. Und deren Pegel war bereits im August so niedrig, dass Biedenkopf und Breidenbach eine Allgemeinverfügung zum Wassersparen erließen. Wer dagegen verstößt, dem droht ein Bußgeld von bis zu 1000 Euro. Damals war die Obernautalsperre zu etwa 46 Prozent gefüllt – normal wären 77 Prozent gewesen. Seitdem ist der Füllstand noch weiter auf rund 43 Prozent gesunken – obwohl es inzwischen einige Male geregnet hat. Doch „die ganzen Niederschläge werden jetzt zuerst von den Böden und den Pflanzen aufgesogen“, erläutert Ann Kathrin Müsse vom Wasserverband Siegen-Wittgenstein. Dass sich die Talsperre erst im Winterhalbjahr füllt, sei normal. Allerdings sinkt der Pegel normalerweise auch erst im Oktober oder November auf den Stand, der in diesem Jahr schon im August erreicht wurde – nach der extremen Trocken- und Hitzephase.

Dagegen hatten die anderen Städte und Gemeinden an Lahn, Ohm, Wetschaft und Salzböde deutlich mehr Glück. Sie werden nämlich größtenteils von den Wasserwerken in Stadtallendorf und Kirchhain versorgt. Und die setzen auf Grundwasser. Mit mehr als 20 Brunnen holen sie das kostbare Nass zum Teil aus einer Tiefe von mehr als 100 Metern, erklärt der Geschäftsführer des Zweckverbands Mittelhessische Wasserwerke, Thomas Brunner: „Deswegen sind wir nicht so anfällig, wenn der Regen länger ausfällt.“ Auch die Stadt Marburg bezieht etwa die Hälfte ihres Wassers vom Zweckverband. Die andere Hälfte stammt aus regionalen Tiefbrunnen und Quellen, die im neuen Wasserwerk in Wehrda aufbereitet wird.

Auch im Extremsommer 2026 habe die Wasserversorgung funktioniert, sagt Brunner: „Wir waren in der glücklichen Lage, dass wir eine angespannte, aber keine kritische Situation hatten.“ Es habe nur einzelne Tage gegeben, in denen die Versorgung an technische Grenzen gekommen sei, weil der Wasserverbrauch in den Haushalten und Betrieben besonders hoch war. Dass die Wasserwerke in Stadtallendorf und Kirchhain weite Teile Mittelhessens und sogar noch Teile des Rhein-Main-Gebiets versorgen, liegt übrigens nicht nur daran, dass die Region wasserreich ist. Das große Werk in Stadtallendorf wurde während der NS-Zeit gebaut, um den Wasserbedarf für die Sprengstoffproduktion zu decken.

Allerdings ist auch Steffenberg an den Ausläufern des Rothaargebirges mit vielen Quellen und Bächen gesegnet: „Wir hatten früher so viel Wasser, dass wir sogar noch andere Gemeinden hätten beliefern können“, berichtet Bürgermeister Gernot Wege. Das gehört zu den historischen Gründen, warum die Gemeinde bei der Wasserversorgung bislang autark ist. „Doch inzwischen müssen wir registrieren, dass wir weniger Zulauf in den Brunnen haben als vor zehn Jahren“, so Wege.

Die Steffenberger haben aber noch ein weiteres Problem. Bereits 2023 wurde klar, dass etwa ein Fünftel ihres Wassers im Netz versickert. Seitdem wurden zahlreiche Schäden behoben, Leitungen ausgetauscht sowie defekte Schieber und Hydranten repariert, berichtet Bürgermeister Gernot Wege. Dadurch sei der Wasserverlust auf neun Prozent gesenkt worden, soll aber noch weiter fallen. So wird der Brunnen von Steinperf in dieser Woche saniert – deshalb muss kurzfristig viermal so viel Wasser aus Dautphetal herangeschafft werden. Noch im Herbst soll die Salzbachquelle in Steinperf wieder ans Netz gehen und weitere Vorkommen erschlossen werden. Diskutiert wird auch über eine Verbundleitung nach Dautphetal.

Erst einmal ist der Bürgermeister aber froh, dass Steffenberg nicht auf dem Trockenen gelandet ist. Schließlich erinnern sich Ältere noch gut an den Zusammenbruch der Wasserversorgung im Hörletal vor mehr als 40 Jahren. Damals mussten sich die Menschen in Nieder- und Obereisenhausen das Wasser in Kanistern, Kannen und Eimern bei Tanklastwagen holen. Wegen zerbrochener Leitungen war das Rohrnetz zusammengebrochen.

Und was ist mit Wassersparen? Kommentar von Thomas Brunner vom Zweckverband: „Wer in einem heißen Sommer wie diesem nicht gemerkt hat, dass jeder Tropfen Wasser gespart werden muss, der merkt es nimmer mehr.“

Gesa Coordes

Bild mit freundlicher Genehmigung von Georg Kronenberg