Marburgs Nahverkehr landet in den oberen 20 Prozent vergleichbarer Städte.

Der Marburger Nahverkehr ist nach einer bundesweiten Untersuchung des Thinktanks Agora Verkehrswende „ziemlich gut“ aufgestellt. Nach Schulnoten erreicht die Universitätsstadt eine 2,7. Unter 106 zentralen Städten in ländlichen Regionen Deutschlands kommt sie auf Platz 21, also ins obere Fünftel. Der Landkreis Marburg-Biedenkopf hat zwar nur eine 3,9. Damit bietet der Kreis aber dennoch ein besseres Angebot als die meisten anderen Regionen. Marburg-Biedenkopf landet auf Platz 27 von 96 „ländlichen Landkreisen mit Verdichtungsansätzen“, also im oberen Drittel. Walter Gruber von der Marburger Bürgerinitiative Verkehrswende sieht das dennoch kritischer: „Die guten Werte hängen möglicherweise damit zusammen, dass die anderen noch schlechter sind.“

Für die bundesweite Analyse hat die Denkfabrik die aktuellen Fahrplan- und Bevölkerungsdaten aller Gemeinden und Kreise in Deutschland ausgewertet. Analysiert wurde dabei, wie weit Menschen von einer Haltestelle entfernt wohnen und welche Verkehrsmittel dort in welcher Taktdichte abfahren. Dabei stützt sich Agora Verkehrswende auf eine Methodik aus der Schweiz, wo der öffentliche Nahverkehr von staatlichen Behörden verglichen wird. Zugverbindungen und Schnellbusse werden besser bewertet. Pünktlichkeit spielte in der Untersuchung keine Rolle.

Für Deutschland zeigt sich, dass gut ein Drittel der Bevölkerung sehr gut oder gut mit Bus und Bahn versorgt ist – das trifft allerdings vor allem auf Großstätte wie Spitzenreiter Frankfurt sowie Stuttgart, München und Düsseldorf, aber auch auf Darmstadt zu. „Je ländlicher und kleinstädtischer es wird, desto schwieriger wird es“, sagt Philipp Prein, Sprecher von Agora Verkehrswende. Marburg sei für eine Mittelstadt in ländlicher Umgebung daher „schon sehr gut aufgestellt“, wenngleich es natürlich immer Luft nach oben gebe, findet Projektleiter Philipp Kosok.

Immer noch im oberen Drittel liegt auch der Landkreis Marburg-Biedenkopf, wenngleich es große Unterschiede innerhalb der Region gibt. Während die meisten Städte und Gemeinden, die nah an der Universitätsstadt oder an einer der Bahnlinien liegen, ordentliche Werte erreichen, wird es in Gemeinden wie Steffenberg, Ebsdorfergrund, Wetter, Breidenbach und Dautphetal kritisch. Diese Kommunen bekommen die Schulnote fünf. Aber auch in Bad Endbach, Amöneburg, Münchhausen, Wohratal, Neustadt sowie in Lohra und Stadtallendorf sind viele Menschen abhängig vom eigenen Auto.

9000 Menschen ohne Anbindung

Insgesamt zählt die Studie im Landkreis Marburg-Biedenkopf 9000 Menschen (unter 240.000 Einwohnern), die vom öffentlichen Nahverkehr quasi ausgeschlossen sind. Das bedeutet, dass es für die Betroffenen noch nicht einmal ein Grundangebot an Bussen und Bahnen gibt.

In ländlichen Gemeinden sei es besonders aufwändig und kostspielig, einen guten Nahverkehr anzubieten, weiß auch Projektleiter Kosok. Zudem sei der öffentliche Nahverkehr insgesamt in einer Finanzierungskrise. Auf dem Land rät er den Kommunalverwaltungen daher zu On-Demand-Angeboten, etwa den weit verbreiteten Anruf-Sammel-Taxis: „Das ist in diesen ländlichen Kommunen oft das Richtige“, sagt Kosok. Auch die Marburger Stadtwerke prüfen derzeit eine Ausweitung des Ast-Verkehrs für die ländlichen Ortsteile der Universitätsstadt. Die Anruf-Sammel-Taxis sind – weil sie nicht bundesweit erfasst werden – allerdings nicht in die Untersuchung eingeflossen.

Dass sich beim Nahverkehr auch im Landkreis Marburg-Biedenkopf in den vergangenen Jahren einiges getan hat, findet auch Andrea Tobelander vom Verkehrsclub VCD, der sich für nachhaltige Mobilität in der Region einsetzt. „Vorteilhaft“ seien etwa die X-Busse, die deutlich schneller als die normalen Busse unterwegs sind. Das Rückgrat der Region sei jedoch die Main-Weser-Bahn. Und da liege einiges im Argen. So fahre die Regionalbahn 41 derzeit bei jeder zweiten Fahrt nur noch bis Kirchhain (statt bis Treysa). Das erfordert Umstiege, wobei die Anschlusszüge oft verpasst werden. Auch insgesamt habe sich das Angebot seit dem letzten Fahrplanwechsel verschlechtert – sowohl für die Regionalexpresszüge RE 98 und RE 30 als auch am Bahnhof Stadtallendorf, wo sich nun auch Menschen mit Kinderwagen und Rollifahrer oft auf ein Behelfsgleis quälen müssen.

„Manchmal gibt es aber auch überraschend gut funktionierende Verbindungen“, weiß die Sprecherin der VCD-Regionalgruppe. So wollte sie kürzlich von Bürgeln nach Wittelsberg fahren und fand – entgegen ihrer Annahme – eine ordentliche Verbindung mit Zug und Bus. Tobelander: „Es lohnt sich immer, erst einmal nachzuschauen, bevor man über den öffentlichen Nahverkehr schimpft.“

Gesa Coordes

Bild mit freundlicher Genehmigung von Gesa Coordes