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Express Online: Thema der Woche
Express Online: Thema der Woche | 25. November 2004

Bigamist und Bauernschreck

Landgraf Philipp, geboren vor 500 Jahren, stellte Hessen ins "Zentrum der Reformation". Mehr als 15.000 Menschen sahen die Landesausstellung im Marburger Schloss. Am Wochenende bietet sich dazu die letzte Gelegenheit. Auch in Gießen erinnerte man sich an den Landesfürsten

Es ist eine der erfolgreichsten Ausstellungen in der Geschichte Marburgs: "Landgraf Philipp der Großmütige, 1504 – 1564. Hessen im Zentrum der Reformation", so der vollständige Titel, lockte weit über 15.000 Interessierte ins Landgrafenschloss. Wo sonst auch hätte die Schau des Landes Hessen in Verbindung mit der Philippsuniversität ihren rechten Ort, wenn nicht sozusagen am Originalschauplatz. Am 13. November wurde Philipp im Schloss zu Marburg an der Lahn geboren.

Dieser 500. Jahrestag wurde in zahlreichen hessischen Städten in unterschiedlicher Form begangen. So war zum Beispiel eine weitere Ausstellung zum Thema – "Landgraf Philipp – Mit dem Glauben Staat machen" kürzlich in der evangelischen Kirche von Buseck-Beuern zu sehen, und Dr. Margret Lemberg informierte auf Einladung des Oberhessischen Geschichtsvereins in Gießen über "Hof und Geselligkeit bei Philipp dem Großmütigen". In Marburg fand unter anderem ein Schlossfest mit Mittelalter-Markt im September (wir berichteten), jüngst auch ein Historikerkongress statt. Doch im Zentrum des vielfältigen Geschehens steht die Landesausstellung mit ihren rund 300 Exponaten auf 1.000 Quadratmetern.

Ein herausragendes Ausstellungsstück – sinnlich eindrucksvoll auch für den historischen Laien – ist der Prunkharnisch, den sich Philipp für den Württembergischen Feldzug anfertigen ließ. Die schimmernde Rüstung, die stattliche 1,87 Meter misst, legt nahe, dass sich die Ritterfilme aus Hollywood bei der Kampfmontur tatsächlich an den originalen Vorbildern orientierten. Aber auch eine Kinderrüstung ist ausgestellt – eine solche brauchte der kleine Philipp, um schon mal für die späteren Kriege zu üben

Zum Beispiel für den Bauernkrieg (1524/26) mit all seinen Grausamkeiten. Bei der Niederschlagung der aufständischen Landbevölkerung, die unter anderem gegen die steigenden wirtschaftlichen Belastungen durch die hohen Herren und gegen die Leibeigenschaft protestierte, half auch Philipp mit (siegreich in der Schlacht von Frankenhausen). Dabei konnte sich der Landgraf durchaus auf den von ihm geförderten Martin Luther berufen: "Wider die räuberischen und mörderischen Rotten der Bauern", hatte dieser gefordert. Ein anderer Reformprediger, Thomas Müntzer, hatte da bekanntlich weit mehr Verständnis für die bäuerlichen Nöte.

Doch Philipp hielt es, wie gesagt, mit Luther – und von den Begegnungen der beiden geben Gemälde in der Ausstellung ein anschauliches (wenn auch natürlich stilisiertes) Bild. Dokumentiert wird in diesem Kontext, wie Philipp zum großen Wegbereiter der Reformation wurde und dadurch wiederum zum zeitweise wichtigsten Gegenspieler des Kaisers. Um den neuen Status auch theologisch-intellektuell abzusichern, gründete Philipp 1527 in Marburg die erste protestantische Universität der Welt.

Reformation und Universität – mit diesen Stichworten lässt sich begründen, warum man sich noch nach 500 Jahren an "den Großmütigen" erinnert. Noch wirkungsmächtiger bis heute wäre sein Erbe womöglich gewesen, wenn er sich mit seiner ursprünglichen Ehefrau zufrieden gegeben hätte. Durch seine Zweit- oder Nebenehe nämlich schwächte er seine politisch-moralische Position ganz maßgeblich und musste dem Kaiser anderweitig Konzessionen machen.

Leitete die Bigamie bereits den Machtverlust Hessens ein, verfestigte sich dieser durch Philipps unglückliches Testament: Nach seinem Tod (1567 in Kassel) sollten die vier Söhne ihren Erbteil bekommen, so dass das Land gevierteilt wurde und im Konzert der Mächte fortan keine Rolle mehr spielte.

Landgraf Philipp. Hessen im Zentrum der Reformation" ist bis einschließlich 28.11. im Marburger Landgrafenschloss zu sehen, jeweils von 10 bis 18 Uhr. Infos auch unter www.uni-marburg.de/landgraf-philipp

Daniel Hajdarovic



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