Mittwoch, 25. November 2020
Thema der Woche | 19. November 2020

Die Kurve flacht ab

Prof. Harald Renz über die Corona-Lage am Uniklinikum – Foto: Coordes

In Deutschland ist die Zahl der aktiven Infektionen Anfang der Woche erstmals seit eineinhalb Monaten wieder leicht gesunken. Doch wie sieht es in den Kliniken aus, wo sich das aktuelle Infektionsgeschehen erst mit deutlicher Verzögerung auswirkt?

Prof. Harald Renz, der Ärztliche Geschäftsführer des Universitätsklinikums in Marburg berichtet im Express-Interview, wie sich die Situation in dem Krankenhaus auf den Lahnbergen in den letzten Wochen verändert hat und wie belastend die Pandemie für Mitarbeiter des Gesundheits­wesens ist.

EXPRESS: Wie ist die Lage am Universitätsklinikum?

Prof. Harald Renz: Wir haben im Universitätsklinikum in Marburg rund 20 Patienten auf Normalstation und 14 Patienten auf der Intensiv­station, wobei der überwiegende Teil der Intensiv­patienten auch beatmet werden muss.

EXPRESS: Wie hat sich die Situation in den vergangenen Wochen entwickelt?

Prof. Harald Renz: Wenn man die Infektionsverläufe der letzten Wochen rekapituliert, dann haben wir anfangs einen deutlichen Anstieg gesehen und damit auch den Anstieg der stationären Aufnahmen im Universitätsklinikum. Jetzt sehen wir eine Abflachung der Kurve, hier bei uns im Landkreis sogar einen leichten Rückgang und so würden wir das jetzt auch weiter für die stationären Fälle prognostizieren.

Dabei muss man immer bedenken, dass die stationären Aufnahmen den Infektionszahlen etwa zehn, elf Tage hinterher hinken. Wenn wir morgens im Radio hören, wie viele Infektionen von den Gesundheits­ämtern gemeldet worden sind, dann sind das alles Infektionen, die vor etwa zehn bis 14 Tage stattgefunden haben. Wenn wir jetzt nochmal zehn, elf Tage weiter rechnen, dann können wir etwa abschätzen, was das für uns, für die stationäre Aufnahme bedeutet.

EXPRESS: Das heißt, Sie sehen die Lage im Krankenhaus jetzt etwas entspannter als vor mehreren Wochen?

Prof. Harald Renz: Wir beobachten die Entwicklung natürlich mit allerhöchster Aufmerksamkeit und reagieren täglich darauf. Aber es ist bei uns in Mittel­hessen nicht so, dass wir eine dramatische Zunahme insbesondere an Intensiv­patienten in der letzten Woche erlebt hätten und dies erwarten wir auch für die nächsten Wochen nicht.

Aber das ist eine Momentaufnahme, die sich sehr schnell ändern kann, wenn wir zum Beispiel in einem Altenheim einen neuen Ausbruch haben.

EXPRESS: Wie ist die Altersstruktur ihrer Patienten? Hat sie sich seit Frühjahr verändert?

Prof. Harald Renz: Was sich verändert hat, ist die Ausbreitung des Virus in der Fläche, in der Bevölkerung und hier insbesondere im Bereich der jungen Menschen. Das können wir ja auch bundesweit beobachten und ist sicherlich darauf zurück­zu­führen, dass es seit dem Sommer lockerer zuging, Partys gefeiert wurden, etc.

Die Virus-Ausbreitung ist auch auf den Schulbeginn nach dem Sommer zurück­zu­führen und darauf, dass in den Schulen die Schutzmaßnahmen teilweise relaxt gehandhabt werden – Stichwort Maskenpflicht in Schulen, die es immer noch nicht flächendeckend für alle Altersklassen gibt. Dann sind da die fehlenden Abstandsmöglichlichkeiten, etwa in den Schulgängen oder Pausenhöfen. Dazu kommt leider das Versäumnis der Politik, geeignete Maßnahmen für den Unterricht insgesamt zu treffen.

Was wir dringend bräuchten ist eine Halbierung der Schulklassen, die dann beispielsweise im Wechsel unterrichtet werden könnten, außerdem eine Maskenpflicht und strenge Einhaltung der Abstandsgebote – und zwar durch alle Jahrgangsstufen hindurch.

Die Schule ist sicherlich eine der großen Quellen, über die sich das Virus aktuell ausbreitet, in die Familien und damit natürlich auch in die ältere Bevölkerung hinein. Da müssen wir dringend noch mehr dagegenhalten.

EXPRESS: Für welche weiteren Maßnahmen zur Viruseindämmung sprechen Sie sich aus?

Prof. Harald Renz: Ich glaube, dass wir mit der Reduzierung von öffentlichen Veranstaltungen, leider auch von Kulturveranstaltungen, Kino, Theater, etc. richtig liegen im Moment. Das wird man aber wahrscheinlich nicht den ganzen Winter durchhalten können.

Wofür ich dringend plädiere ist mehr Verlässlichkeit bei den Maßnahmen. Wir dürfen nich in eine Jojo-Situation kommen, dass wir vier Wochen Lockdown haben, danach zwei Monate alles wieder normal läuft und wir danach in den nächsten Lockdown gehen. Das werden wir so nicht durchhalten können.

EXPRESS: Einige Krankenhäuser haben bereits planbare Operationen wegen der stark gestiegenen Zahl an Covid-Patienten verschoben. Ist das Universitätsklinikum in Marburg auch schon so weit?

Prof. Harald Renz: Dieses Verschieben macht man, um Kapazitäten für Covid-Patienten freizuschaufeln. Wir fahren im Moment hier im Haus eigentlich noch im Normalbetrieb bei den Covid-Patienten. Wir liegen von der Kapazitätsauslastung etwa bei 90 Prozent, was die stationären Behandlungen betrifft. Deshalb brauchen wir das noch nicht. Aber das kann lokal in anderen Krankenhäusern ganz anders sein.

EXPRESS: Es heißt, das größte Problem sei nicht die Anzahl der Intensiv-Betten, sondern dass Pflegekräfte für die Intensiv­stationen fehlen, weil die Betreuung von Covid-Patienten so personal­intensiv ist. Wie sieht die Personalsituation am Klinikum aus?

Prof. Harald Renz: Wir können natürlich nur so viele Betten bereitstellen, wie wir Pflegekräfte haben. Und in der Tat ist es so, dass wir einen Mangel an Kräften haben, auch in Mittel­hessen, auch in Marburg, auch im Bereich der Intensiv­medizin und im Bereich unserer OP-Kräfte. Und weil wir wegen Corona zusätzliche Kapazitäten brauchen, ist die Situation besonders prekär. Das heißt, wir müssen hier im Krankenhaus ganz exakt navigieren, immer genau schauen, an welcher Stelle eine Pflegekraft am wichtigsten gebraucht wird.

Wir fragen gerade unsere Pflegekräfte auf den normalen Stationen, ob jemand Interesse hat, zumindest zeitweise im Intensiv­bereich zu arbeiten. Da haben wir bislang positive Resonanzen erhalten. Das Problem ist natürlich, dass uns dann Kräfte auf den normalen Stationen fehlen.

EXPRESS: Wie angespannt ist insgesamt die Situation im Klinikum? Wie belastet sind die Mitarbeiter?

Prof. Harald Renz: Was die Versorgung der Patienten anbelangt sind wir im grün-gelben Bereich.

Was die Stimmung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, quer durch alle Berufsgruppen anbelangt, müssen wir feststellen, dass alle sehr angespannt sind.

Das ist sicherlich zum einen der Allgemeinsituation durch Corona geschuldet, die sich stark auf das gesellschaftliche und private Leben auswirkt und zum anderen der besonderen Herausforderung, die die Pandemie für die Ge­sund­heits­berufe bringt. Es ist enorm, was alle Menschen, die im Gesundheits­wesen arbeiten, aktuell leisten müssen und das geht manchmal an die Grenze der Belastbarkeit.

EXPRESS: Durch die Zunahme der Neuinfektionen im Herbst wird wieder stärker über die Triage diskutiert: dass in einem überlasteten Gesundheits­system Ärzte entscheiden müssen, wen sie zuerst behandeln. Wie groß sehen Sie die Gefahr, dass der Fall in Deutschland eintritt?

Prof. Harald Renz: Die Triage ist das Horrorszenario. Dass man als Arzt nur ein Beatmungsgerät zur Verfügung hat, aber drei Patienten, die es benötigen und entscheiden muss, wer von den dreien beatmet wird. Da sind wir Gott sei Dank bei uns noch meilenweit davon entfernt.

Betrachtet man allerdings die aktuellen Zahlen in Österreich, wo die Virus-Inzidenz landesweit ungefähr dreifach so hoch ist, wir hier im Landkreis Marburg-Biedenkopf, dann sieht das schon ganz anders aus.

Die Zahl der Patienten im Uniklinikum bezieht sich auf den Redaktionsschluss Dienstagmittag, 17.11.2020

Interview: Georg Kronenberg

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