Dienstag, 22. Oktober 2019
Thema der Woche | 17. Oktober 2019

Kaum Feinstaub beim "3TM"-Feuerwerk

Stadtfest-Sterne verursachen keine messbaren Belastungen
Foto: Georg Kronenberg

Aus für das Feuerwerk während des Marburger Stadtfestes "3 Tage Marburg"? Darüber wird angesichts des Klimanotstandes in der Universitätsstadt dis­ku­tiert. "Wir werden mit allen Beteiligten darüber sprechen, ob beispiels­weise eine Lichtshow eine genauso attraktive, spannende und beeindruckende Alternative sein kann, die den Nachthimmel über Marburg in ein schillerndes Lichtermeer verwandelt", sagt Oberbürgermeister Thomas Spies zu den Forderungen.

Mit Zahlen untermauern lässt sich die Kritik am Stadtfest-Feuerwerk allerdings kaum: Während und nach dem Höhenfeuerwerk am 12. Juli stiegen die Fein­staub­kon­zen­trationen in Marburg in diesem Jahr nicht an.

"An beiden Messstationen in Marburg kann man nicht erkennen, dass ein Feuerwerk stattgefunden hat. Ich hätte gesagt, da ist nichts", sagt der De­zer­nent für Luftreinhaltung des Hessischen Landesamts für Naturschutz, Umwelt und Geologie, Stefan Jacobi. Dabei misst das Landesamt an seiner Messstation in der Universitätsstraße im Stundentakt. Doch die Feinstaubwerte bewegen sich zwischen 22 und 24 Uhr – das Feuerwerk stieg um 23 Uhr – praktisch nicht. Sie schwanken zwischen 7,8 Mikrogramm pro Kubikmeter (22 Uhr) und 6,9 Mikrogramm (24 Uhr). Dass sie damit sogar unter dem Marburger Jahres­mittel­wert von 20 Mikrogramm liegen, deckt sich mit der Entwicklung an den Messstationen anderer hessischer Städte an diesem Tag. Es hatte tagsüber geregnet, womit Feinstaub gebunden wird – allerdings nicht während des Feuerwerks.

Dass die Auswirkungen so gering sind, hat wahrscheinlich mehrere Gründe. Zum einen ist das Lichtspektakel während des Stadtfestes sehr kurz. Je nach Länge des dazu gehörigen Musikstücks dauert es zwischen sechs und neun Minuten. In diesem Jahr zauberte das Phoenixx Feuertheater 7,5 Minuten lang bunte Bilder in den Nachthimmel. Zum anderen wird es professionell gemanagt. Nach den Berechnungen von Walter Scharenberg vom Phoenixx Feuertheater verursacht es etwa 80 Gramm Feinstaub.

Dagegen hat die private Böllerei an Silvester völlig andere Dimensionen. Und dies lässt sich auch an den Marburger Messstationen ablesen. Zur Jahreswende erreichen die Feinstaubbelastungen zwischen 0 und 0.30 Uhr Spitzenwerte von 250 bis 380 Mikrogramm Feinstaub pro Kubikmeter. "Das sind typische Kon­zen­trationen für die Silvesternacht", erläutert Stefan Jacobi vom Landesamt. Sie liegen auch weit über den Grenzwerten von 50 Mikrogramm. Allerdings sanken sie im Laufe des 1. Januars wieder deutlich, so dass der Tagesmittelwert nur noch bei 33 Mikrogramm lag.

Nach Angaben des Umweltbundesamtes schießen die Deutschen in jeder Silvesternacht 5000 Tonnen Feinstaub mit Feuerwerkskörpern in die Luft. Das entspricht laut Umwelthilfe etwa 17 Prozent der jährlich im Straßenverkehr entstehenden Feinstaubmenge. Rechnet man dies auf die Einwohnerzahl Marburgs hoch, so sorgen die böllernden Universitätsstädter für fünf Tonnen Feinstaub zum Jahreswechsel. Weil die verschmutzte Luft vor allem die Atem­wege von Kindern, Senioren und Lungenkranken stark belastet, empfiehlt die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie, den Gebrauch von Feuerwerkskörpern an Silvester zu reduzieren oder ganz darauf zu verzichten.

Die Stadt Marburg hat allerdings keine rechtliche Handhabe, um das Silvester-Feuerwerk zu verbieten. Nur in den engen Altstadtgassen der Oberstadt darf wegen der Fachwerkhäuser seit 2009 nicht geböllert werden. Dies geht auf das bundesweit geltende Sprengstoffrecht zurück. Dieses verbietet seit 2009, Raketen und Böller in der Nähe von Krankenhäusern, Kirchen, Kinder- und Altenheimen sowie Fachwerkhäusern zu zünden.

Die Deutsche Umwelthilfe hat besonders belastete Städte dazu aufgerufen, zentral veranstaltete Feuerwerke mit professioneller Pyrotechnik außerhalb der hochbelasteten Innenstädte zu organisieren. In Hessen sind dies Frankfurt, Darmstadt, Limburg und Offenbach. "Ein öffentliches Feuerwerk mit pro­fes­sio­neller Pyro-Show ist sicherer. Es belastet die Umwelt weniger, weil die Feuer­werks­körper hochwertiger sind und deshalb mit weniger Emissionen verbrannt werden", erläutert Dorothee Saar, Expertin für Verkehr und Luftreinhaltung bei der Deutschen Umwelthilfe. Deswegen hält sie zeitlich und räumliche begrenzte Feuerwerke wie die während des Marburger Stadtfestes für "noch okay": "Wir wenden uns vor allem gegen die geballte, hochkonzentrierte Silvesterböllerei", so Saar.

Das Stadtfest-Feuerwerk ist auch keineswegs das einzige Lichtspektakel abseits von Silvester, das in Marburg abgefeuert wird: 2018 registrierte die Universitätsstadt sechs Feuerwerke, 2019 waren es bereits sieben. Dabei dauerten die Feuerzauber zwischen zwei und 26 Minuten. Mit einer knappen halben Stunde am längsten wird während des "Himmelsleuchtens" von Vila Vita geböllert, über das aktuell erstaunlicherweise nicht debattiert wird. Das Höhenfeuerwerk im Rosenpark geht auf den verstorbenen Marburger Milliardär und Gründer der Deutschen Vermögensberatung, Reinfried Pohl zurück. Organisiert wird es vom zur Pohl-Familie gehörenden Nobelhotel Vila Vita.

Auch um das traditionelle Feuerwerk während des Sommerfestes der Gießener Justus-Liebig-Universität gibt es bislang keine Diskussionen. Es steigt jedes Jahr im Juni am Schloss Rauischholzhausen und dauert etwa 15 Minuten. "Das Schlosspark-Feuerwerk ist einer der beliebtesten Programmpunkte unseres Uni-Sommerfestes", sagt die Gießener Hochschule auf Anfrage. Für das kom­men­de Jahr seien aktuell keine Änderungen geplant. Sie seien sich aber der Zwiespältigkeit des Themas bewusst.

Allerdings weist die Stadt Marburg darauf hin, dass sie auch die kleineren Feuerwerke nur verbieten kann, wenn die Veranstalter die Bestimmungen des Sprengstoffgesetzes nicht einhalten – wenn also etwa der Pyrotechniker keine Erlaubnis hat oder der Mindestabstand zu Fachwerkhäusern nicht eingehalten wird, so die Pressestelle der Stadt. Auch während der Brutzeit der Vögel könne ein Feuerwerk untersagt werden.

Bundesweite Debatte um Lichterfeste
Konstanz war die erste Stadt in Deutschland, die den Klimanotstand ausgerufen hat. Sie ist aber auch die erste Stadt, die das traditionelle Feuerwerk während des Seenachtsfestes streichen will. Ab 2020 wird das Großfeuerwerk während des seit 66 Jahren bestehenden Festes wahrscheinlich nicht mehr steigen. Jetzt hat die Stadt erst einmal eine Umfrage gestartet, um herauszufinden, wie die Konstanzer das Fest in Zukunft feiern wollen.
Das 80.000 Euro teure Feuerwerk während des Konstanzer Seenachtfestes, das eine halbe Stunde dauert, gehört mit den "Kölner Lichtern" und dem "Rhein in Flammen" zu den Top drei in Deutschland. Dabei handelt es sich allerdings um Großfeuerwerke, die mit dem Feuerzauber während des Marburger Stadtfestes nicht vergleichbar sind.
Auch über das größte Volksfest der Schweiz, das "Züri-Fäscht" mit seinen drei Feuerwerken, wird debattiert. Dabei stellte sich heraus, dass der größte Teil der Emissionen auf die An- und Abreise der rund zwei Millionen Besucher entfällt. Auf Platz zwei folgen die – in der Regel fleischreichen – Mahlzeiten, die während des Festes angeboten werden. Das Schweizer Bundesamt für Umwelt (Bafu) empfiehlt, private Pyro-Tätigkeiten einzuschränken und sich umso mehr an der Farbenpracht offizieller Feuerwerke zu erfreuen.
 
Feinstaub in Marburg
Die Feinstaubbelastung Marburgs liegt nach Einschätzung des Landesamtes für Naturschutz, Umwelt und Geologie in dem Bereich, der für ein typisches hessisches Mittelzentrum zu erwarten ist. Die Grenzwerte von 50 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft wurden 2018 – je nach Messstation – nur noch an fünf bis sieben Tagen überschritten. Erlaubt sind 35 Tage. Der Jahresmittelwert lag 2018 bei 20 Mikrogramm. Insgesamt ist die Feinstaubbelastung in Marburg leicht gesunken. Das kann allerdings auch damit zusammenhängen, dass die Messstation an der Universitätsstraße wegen der Baustelle vor dem Allianzhaus verlegt wurde. Damit steht sie nicht mehr in einer typischen Straßenschlucht. Das Landesamt empfiehlt daher, die Messstation an die alte Stelle zurückzuverlegen.
Ähnliche Werte wie in Marburg wurden in Gießen gemessen, wo der Jahresmittelwert bei 21 Mikrogramm liegt. Die Grenzwerte für Feinstaub wurden 2018 an sechs Tagen überschritten. Auch in der Silvesternacht wurden in Gießen ähnlich hohe Werte registriert wie in Marburg.
 
Feuerwerke in Marburg
2018
  • Himmelsleuchten Vila Vita: 26 Minuten
  • Silvesterfeuerwerk Vila Vita: 15 Minuten
  • 20 Jahre McDonalds: 10 Minuten
  • Stadtfest 3 Tage Marburg: 8 Minuten
  • Hochzeitsfeuerwerk Kaffweg: 5 Minuten
  • Elf Feuereffekte im Rahmen des Theatersommers: 2 Minuten
  • Inszenierung Kunstverein: 1-2 Minuten
2019
  • Himmelsleuchten: über 30 Minuten
  • Südstadtfest: 10 Minuten
  • Hochzeit Schröck: 8 Minuten
  • Stadtfest 3 Tage Marburg: 7-8 Minuten
  • Hochzeit Dammmühle: 6 Minuten
  • Geburtstag Elnhausen: 5 Minuten
  • Hochzeit Rosenpark: 5 Minuten
  • Videoproduktion Schülerpark: 5 Minuten
(Quellen: Veranstalter sowie Stadt Marburg, Zeitangaben ca.)

Gesa Coordes

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Do 24.10. | 20.30 Uhr | Marburg | KFZ
Freikartenverlosung: Fr 18.10. | 16 Uhr | Tel. 06421/684443
 

Leonce und Lena

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Was kann es Schöneres geben? Der Prinz liegt in der Sonne und gibt sich dem Müßiggang hin. Sein Narr macht Späße, dass das Zwerchfell bebt, und der König hat keine Lust mehr zu regieren und kann sich nicht mal mehr an sein Volk erinnern. Die Prinzessin reist auch lieber, als unliebsamen Prinzessinnenpflichten nachzugehen. Georg Büchners Figuren sind alle auf dem Weg in den Urlaub oder zu sich selbst und die Liebe lässt auch nicht lange auf sich warten. Zum Schluss soll sogar noch geheiratet werden.
Sa 26.10. | 19.30 Uhr | Marburg | Erwin-Piscator-Haus
Freikartenverlosung: Fr 18.10. | 16 Uhr | Tel. 06421/684443