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Express Online: Thema der Woche
Express Online: Thema der Woche | 22. Dezember 2005

Krippe ohne Christkind

Info: Joachim Kahl
Doktor der Theologie und der Philosophie, erlangte mit seinem 1968 erschienenen Bestseller "Das Elend des Christentums oder Plädoyer für eine Humanität ohne Gott" bundesweite Popularität. Der 1941 in Köln geborene Wissenschaftler lebt und arbeitet seit 1972 in Marburg. Vor kurzem ist sein Buch "Weltlicher Humanismus. Eine Philosophie für unsere Zeit" (LIT-Verlag, 16,90 Euro) erschienen.
Savo Ivanic
Mit seinem Plädoyer für eine weltlich-humanistische Deutung des Weihnachtsfestes will der Marburger Philosoph Joachim Kahl Menschen ansprechen, denen die religiöse Sinngebung des Festes abhanden gekommen ist. Im Express-Interview erläutert er seine Sichtweise.

Express: Herr Kahl, Sie plädieren für eine weltlich-humanistische Sinngebung des Weihnachtsfestes. Was meinen Sie damit?
Joachim Kahl: Eine weltlich-humanistische Sinngebung setzt religionsgeschichtlich und religionsphilosophisch voraus, dass Weihnachten kein genuin christliches Fest ist, sondern eine lange vorchristliche Geschichte hat und auch einer nachchristlichen, eben weltlich-humanistischen Sinngebung zugänglich ist. Im Unterschied etwa zu Festen, die wirklich nur aus der christlichen Dogmatik heraus entstanden sind, wie Christi Himmelfahrt oder Pfingsten. Die deshalb ja auch tendenziell sinnentleert sind wie etwa Christi Himmelfahrt. Ein Tag, der zum Besäufnistag für die männliche Hälfte des Menschengeschlechts verkommen ist, weil niemand etwas Sinnvolles damit anfangen kann. Im Gegensatz dazu haben Weihnachten und auch Ostern eine naturgeschichtliche Grundlage, welche bestehen bleibt und die Menschen bewegt und ergreift, wenn die spezifisch christlich-religiöse Sinngebung verblasst.

Express: Warum auch Ostern?
Joachim Kahl: Ostern bleibt, weil es ein Frühlingsfest ist. Wie Goethe im Faust sagt: "Sie feiern die Auferstehung des Herrn, denn sie sind selber auferstanden." Man braucht am Winter-Ende wirklich ein Frühlingsfest, um die Auferstehung aus den Banden des Winters zu feiern. Und die Menschen brauchen in der kältesten und dunkelsten Jahreszeit ein Fest des Lichtes und der Wärme. Daher inszenieren sie es in der längsten Nacht und am kürzesten Tag, dem 21. Dezember und in den Tagen drumherum. Für sich selbst, symbolisch, metaphorisch, folkloristisch. Mit Symbolen, die gar nicht genuin christlich sind und deshalb auch lange Zeit von der Kirche verfemt wurden.

Express: Welche Symbole sind das?
Joachim Kahl: Der Adventskranz oder der Weihnachtsbaum zum Beispiel. Selbst viele gebildete Christen wissen nicht, dass diese Symbole jahrzehntelang von der Kirche bekämpft worden sind, weil sie tatsächlich einen heidnischen Ursprung haben. Insofern sage ich gerne: Wenn es Weihnachten nicht gäbe, müsste man es erfinden. Und es ist ja tatsächlich erfunden worden als das Fest der Wärme und des Lichts. Es gab im vierten Jahrhundert die geniale strategische Entscheidung des römischen Bischofs, den bis dahin unbekannten und unerörterten Geburtstermin des christlichen Erlösers just auf das Fest der unbesiegten Sonne, des sol invictus am 25. Dezember zu lagen.

Express: Wieso war diese Entscheidung strategisch genial?
Joachim Kahl: Weil die siegreiche Kirche nach der berühmten konstantinischen Wende, als sie zur Reichskirche wurde, ihren Sieg darin ausdrückt, dass von nun an die Geburt des Welterlösers fixiert wird. Dass dies eine willkürliche Fixierung war, erkennt man bis auf den heutigen Tag daran, dass zum Beispiel die russisch-orthodoxe Kirche ja gar nicht den 24. Dezember als den Tag der Geburt des Herrn feiert, sondern den 6. Januar, den Epiphanias-Tag.

Express: Sie knüpfen also an die vorchristliche Tradition von Weihnachten an.
Joachim Kahl: Ja. Mein Versuch einer weltlich-nachchristlichen Sinngebung, die aber nicht hinter die christliche Sinngebung zurückfällt, setzt voraus, dass es eine vorchristliche Etappe des Weihnachtsfestes gegeben hat – eben die Winter-Sonnenwende – und die christliche Sinngebung mit ihrer Botschaft "Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen" so viel universalistisches Ethos hat, dass man daran auch anknüpfen sollte und kann, wenn der Glaube an die Geburt des Welterlösers in Bethlehem verblasst oder erloschen ist.

Express: Was verbinden Sie dann mit diesem Welterlöser?
Joachim Kahl: Ich nutze gerne die gesamte weihnachtliche und adventliche Folklore ohne jede Verrenkung und ohne jedes schlechte Gefühl. Aber eine Krippe scheidet für mich tatsächlich aus, weil darin der angebliche Welterlöser liegen soll, der mir nichts sagt und dessen welterlöserische Qualität ich bestreite. Insofern fehlt natürlich in meiner weihnachtlichen Feiergestaltung aus einem christlichen Gemüt heraus das Wesentliche. Das ist so wie bei der Sinnfrage.

Express: Hat dann der Begriff Transzendenz überhaupt eine tiefere Bedeutung für Sie?
Joachim Kahl: Ich vermeide ihn aus Gründen der intellektuellen Redlichkeit. Ich weiß natürlich, dass es Wortjongleure gibt, die den Begriff umfunktionieren. Das tue ich aus Gründen der geistigen Klarheit nicht. Das, was ich auch anhand des Weihnachtsfestes entwickle, ist auf die Weltimmanenz reduziert.

Express: Hunderttausende Menschen pilgerten nach dem Tod von Papst Johannes Paul II. nach Rom, der Esoterik-Markt boomt und viele religiöse Gruppen außerhalb der Amtskirchen haben enormen Zulauf. Das Bedürfnis nach Transzendenz und Sinngebung ist also unübersehbar. Erscheint Ihr Angebot der Sinnstiftung da nicht als etwas zu Diesseitiges und Akademisches?
Joachim Kahl: Im Unterschied zu anderen Intellektuellen nehme ich die Sinnfrage und die Sinnsuche unserer Zeitgenossen ernst und mache mich nicht darüber lustig. In meinem neu erschienenen Buch gibt es ein ganzes Kapitel über den Sinn des Lebens. Dieser Sinn muss freilich aus der Sicht eines religiös motivierten Menschen als unzureichend gelten.
Ich meine aber, dass es nach allen Regeln der Rationalität und Spiritualität durchaus eine befriedigende Antwort auf die Sinnfrage auch als nicht-religiös motivierter Mensch geben kann.

Express: Ein Begriff wie Spiritualität mutet in diesem Zusammenhang etwas deplaziert an.
Joachim Kahl: Ich kämpfe um diesen Begriff. Ich möchte ihn reinigen und bewahren. Ich spreche in meinem Buch explizit-programmatisch von einer atheistischen, einer philosophischen, einer weltlich-humanistischen Spiritualität und unterscheide den Begriff, den ich genau etymologisch herleite und der ursprünglich gar nichts Religiöses hat, explizit von Religiosität. Ich bin mir natürlich bewusst, dass beide Begriffe heute umgangssprachlich vermischt werden. Menschen brauchen Spiritualität und ich bemühe mich, eine atheistische Philosophie zu entwickeln, die den verdeckten und offenen spirituellen Bedürfnissen unserer Zeitgenossen legitime Antworten gibt.

Interview: Savo Ivanic



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