Montag, 1. März 2021
Express Online: Thema der Woche
Express Online: Thema der Woche | 11. März 2010

"Das Auge wird zum Zuschauer"

Ein Gespräch mit Jost Vacano, dem Preisträger des 10. Marburger Kamerapreises 2010

Express: Wie kamen Sie eigentlich zum Film?
Jost Vacano: Für mich war immer klar, ich werde Kameramann. Allerdings stellt niemand einen unerfahrenen Assistenten ein, deswegen studierte ich zunächst an der TU München. Nebenbei besuchte ich eine Schauspielschule, an der ich Peter Schamoni traf, der das gleiche Problem hatte. Nur, dass er Regisseur werden wollte. 1957 ergab sich dann unsere große Chance: die kommunistischen Weltjugendfestspiele in Moskau. Nachdem wir überzeugend darlegten, dass wir nur die Vorzüge des Kommunismus festhalten wollten, bekamen wir die Dreherlaubnis. Unseren Aufpasser verloren wir untröstlicherweise im Gewühl. So filmten wir neben den Feierlichkeiten auch das einfache Leben der Menschen. Mit diesem Film, "Moskau 57", fing alles an. Im Endeffekt bin ich ganz froh, dass ich keinen Lehrmeister gefunden habe, so konnte ich meine Ideen unbeeinflusst und offen für alle Strömungen entwickeln.

Express: Wie gestalten Sie ihre Bildwelten?
Jost Vacano: Die Kamera nimmt alles auf, was vor ihr geschieht, und mein Auge wird zum Zuschauer. Alles was ich sehe, sieht später auch das Publikum auf der Leinwand. Es geht nicht um Selbstdarstellung, sondern darum, eine Geschichte zu erzählen. Der Betrachter soll das Gefühl haben mitten im Geschehen zu sein, das ist es, was Kino ausmacht. Für diesen Effekt, müssen alle Mitwirkenden ihr Ego zurückstellen. An meine Bildkonzeptionen gehe ich eher emotional heran. Bereits während ich ein Drehbuch lese, entsteht in meiner Fantasie eine ganz eigene Bilderwelt.

Express: Wie wichtig ist die verwendete Technik für den Film?
Jost Vacano: Entscheidend ist eigentlich immer die Fantasie und die Bilder die dort entstehen. Weniger wie man das technisch umsetzt. Aber natürlich sollte man als Director of Photography, also als bildgestaltender Kameramann, seine Technik kennen und im Griff haben.

Express: Wie viel Freiheit haben Sie, um Ihre Ideen umzusetzen?
Jost Vacano: Ich bin ein Kameramensch, der sehr viel Freiheit braucht und sie auch kriegt. John Frankenheimer, mit dem ich meinen ersten Film in Amerika fotografierte, war dafür bekannt, ein sehr diktatorischer Regisseur zu sein. Er schrieb allen präzise vor, was sie zu tun haben. An meinem ersten Tag widersprach ich ihm und brachte meine eigenen Ideen mit ein. Das ganze Team war sprachlos. Alle dachten, morgen kommt ein neuer Kameramann. Auch Frankenheimer war kurz erstaunt, ließ mich dann aber gewähren, ich hatte ihn überzeugt. Von diesem Tag an hatte ich bei einem Regisseur, der eigentlich für seine egozentrische Arbeitsweise bekannt ist, jede Freiheit. Es ist also auch immer eine Sache des Mutes. Natürlich hat man hin und wieder unterschiedliche Ansichten, aber wenn man im Team zusammenarbeitet, wird man auch immer einen gemeinsamen Lösungsweg finden.

Express: Wie sehr muss die Kamera selbst Teil der von Ihnen entworfenen Bildwelten sein?
Jost Vacano: Bei den Dreharbeiten zu "Das Boot" ging es furchtbar eng zu. Natürlich bestand die Kulisse aus beweglichen Wänden. Aber jeder Mensch, der sich auf einem U-Boot befindet, ist gezwungen, sich in dieser Enge zurecht zu finden. Will die Kamera das Auge des Zuschauers sein, darf auch sie nicht mehr Raum zur Verfügung haben. Deswegen wurde nicht eine Wand herausgenommen. Wenn kein Platz war, musste man sich eben aneinander vorbei drängeln. Aber die Kamera verließ nie den Bildraum. Durch diese Arbeitsweise überträgt sich das Gefühl der Klaustrophobie von der Mannschaft auch auf die Zuschauer.

Express: Sie kämpfen vor Gericht um ein angemessenes Honorar für Ihre Arbeit an diesem Film. Worum geht es Ihnen?
Jost Vacano: Ich kämpfe seit fast 25 Jahren dafür, dass Kameraleute als Filmmiturheber anerkannt werden. Der Film "Das Boot" ist ein wunderbares Beispiel. Er ist weltweit der erfolgreichste deutsche Film und wurde über siebzigmal im Fernsehen gesendet. Aber ich wurde nie in irgendeiner Form an der Auswertung des Filmes beteiligt. Seit über einem Jahr führe ich den Prozess, das tue ich nicht nur für mich. Wenn ein junger Filmschaffender eine solche Klage einreichen würde, wäre seine Karriere vorbei. Mich kann man nicht mehr auf die Schwarze Liste setzen. Ich hoffe, dass sich einiges in der Branche ändern wird. Damit in Zukunft Kameraleute, aber auch Cutter, Ausstatter und Regisseure, an der Nutzung ihrer Werke beteiligt werden.

Express: Was beschäftigt Sie zur Zeit? Würden Sie noch Filme drehen?
Jost Vacano: Nein, nach 45 Jahren habe ich damit abgeschlossen. Es ist ja auch ein schwieriger Beruf. Man arbeitet in der Regel 14 bis 16 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, und das ein dreiviertel Jahr lang. Ich gebe lieber mein Wissen an Filmhochschulen weiter und engagiere mich in unserem Berufsverband. Außerdem bin ich viel mit dem Prozess und dem Urheberrecht beschäftigt.

Interview: Corinna Wilhelm

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