Donnerstag, 4. März 2021
Express Online: Thema der Woche
Express Online: Thema der Woche | 25. März 2010

Wasser marsch

Vom Hörsaal in den Löschzug: Die Hälfte der 108 Aktiven bei der Freiwilligen Feuerwehr Marburg-Mitte sind Studierende.

Manchmal geht sein Pieper mitten im Seminar los: Dann hastet Sebastian Sack aus der Uni, um einen Brand zu löschen oder bei einem Unfall zu helfen. Die Kommilitonen wissen längst, warum der 26-jährige Marburger Lehramtsstudent durch den lautstarken Alarm aus der Religionsphilosophie Dostojewskis oder der Vorlesung über Hitlers Weltanschauung gerissen wird. Sebastian Sack ist Feuerwehrmann.

Die Freiwillige Feuerwehr Marburg-Mitte hat nämlich eine Besonderheit: Etwa die Hälfte der 108 Aktiven sind Studierende. "Das ist hessenweit einmalig", sagt Wehrführer Dirk Bamberger: "Wir sind schon fast eine Studentenfeuerwehr."

Das war nicht immer so. Erst seit den 90er Jahren kommen die Hochschüler vermehrt. Heute werden bereits die Erstsemester während der Orientierungswoche sowie mit Flyern und Aktionen gezielt angesprochen. Schließlich liegt die zentrale Mensa der Philipps-Universität nur einen Steinwurf von der Hauptfeuerwache entfernt. "Für uns ist es ein Riesenglück, dass wir halbjährlich potenzielle Feuerwehranwärter in die Stadt bekommen", sagt Sprecher Jens Seipp.

Die studierenden Blauröcke kommen aus allen Fachbereichen von Medizin über Theologie bis zu Jura. Viele waren schon in ihrer Heimat bei der Feuerwehr aktiv. Dennis Hoell zum Beispiel wechselte von einer kleinen Dorf-Feuerwehr in Niedersachsen nach Marburg: "Anders als jeder andere Student hatte ich von vornherein Anbindung und ein Netzwerk", sagt er. Sein ganzes Studium blieb er dabei. Heute ist er Lehrer in Gießen. Auch Chemiestudent Stephan Schuld aus Fronhausen bei Limburg war schon als Grundschüler aktiv. Heute ist der 23-Jährige Jugendwart in Marburg.

Mir würde etwas fehlen, wenn ich mein Hobby nicht mehr ausüben könnte", sagt Pädagogikstudentin Melanie Sindt. Sie war erst vier Tage in Marburg, als sie zur Feuerwehr ging: "Das ist der perfekte Ausgleich zum Studium", sagt die 28-Jährige. Nur vor Referaten und Prüfungen schaltet sie den Pieper aus: "Das wirkt sich sonst ungünstig auf die Note aus."

Ein Feuerwehr-Neuling ist die angehende Medizinerin Janna Tiburtius, die als Berlinerin nie mit den Blauröcken zu tun hatte. Sie freut sich darüber, bei der Feuerwehr "etwas Praktisches zu machen". Die 24-Jährige kann inzwischen nicht nur Feuer löschen. Sie hat auch gelernt, in Fenster einzubrechen, ohne es zu zerschlagen, und Keller auszupumpen.

Jeden Montagabend versammeln sich die Mitglieder zur Übung in der Hauptfeuerwache. Spannungen zwischen den Alteingesessenen und den Studierenden gibt es nicht, versichert Wehrführer Bamberger. Jeder bringe seine Stärken ein. Dabei ist die Mischung wirklich bunt: Vom Arbeiter über Handwerker und Angestellte bis zu Studierenden und Doktoren. "Mit akademischen Graden können wir die Straße pflastern", meint der Wehrführer.

Früher galten die Studenten bei der Feuerwehr als "kleine Revoluzzer". Bis heute würden sie etablierte Abläufe eher in Frage stellen. Da müssten die Zugführer immer ein bisschen mehr erklären, sagt Bamberger: "Sie sind kritischer und wollen noch genauer wissen, warum etwas so ist." Nur bei den Einsätzen – etwa 150 im Jahr – kann nicht mehr diskutiert werden: Dann muss jeder tun, was der Wehrführer sagt.

Und wie reagieren die Kommilitonen auf das Engagement? Das schwanktzwischen Hochachtung und Belächeln, erzählt Sebastian Sack. Die Professoren hätten aber alle Verständnis, wenn er aus dem Seminar gerufen wird. Viele Einsätze führen die Blauröcke auch wieder in die Universität, die komplett mit Warnmeldern ausgerüstet ist. Passiert sei aber meist wenig, sagen die Studierenden: "Meistens sind es Fehlalarme."

Infos: www.ffmr.de

Gesa Coordes


Express Online: Thema der Woche | 25. März 2010

Damit die Herkunft keine Rolle spielt

Beratungsstelle ArbeiterKind.de
Goethestraße 58 (Raum 138), 35390 Gießen
Telefon: 0641/99-12097
E-Mail: giessen[at]arbeiterkind.de
Internet: www.arbeiterkind.de
Sprechstunden: Mo: 10 bis 17 Uhr, Di: 14 bis 18 Uhr, Do: 10 bis 17 Uhr, Fr: 10 bis 12 Uhr sowie nach Vereinbarung
Unterstützung für Nicht-Akademikerkinder in Schule und Studium: Deutschlandweit erste Beratungsstelle von ArbeiterKind.de an der Uni Gießen

Studien zeigen immer wieder: In Deutschland studieren häufig nur Kinder aus Akademikerfamilien. Das will die Initiative Arbeiterkind.de ändern. Informationsbedarf gibt es bei angehenden Studis genug, weiß Dorian Lübke, Mentor bei der gemeinnützigen Initiative: "Viele die sich an uns wenden, haben Angst Bafög zu beantragen, weil sie glauben, das sei so etwas wie Sozialhilfe." Auch dass es vielfältige Möglichkeiten gibt, sein Studium mit Hilfe von Stipendien zu finanzieren, wüssten die wenigsten, sagt Sozialwissenschaftler Lübke, der mehrfach in der Woche neben seiner Doktorarbeit junge Leute in dem neuen Gießener ArbeiterKind.de-Büro in Ausbildungsfragen berät.

Als bundesweit erste Hochschule hat die Justus-Liebig-Universität (JLU) der Initiative einen Raum zur Verfügung gestellt, um eine Beratungsstelle für Studieninteressierte und Studierende aus hochschulfernen Elternhäusern einzurichten. "Ich freue mich sehr, dass die JLU uns dabei unterstützt, eine öffentliche Anlaufstelle zu schaffen, in der wir Schüler und Studierende, die als erste in ihrer Familie einen Studienabschluss anstreben, bei allen Problemen und Fragen rund ums Studium beraten und unterstützen können. Das ist ein weiterer großer Meilenstein für ArbeiterKind.de", sagt Katja Urbatsch, Gründerin der Initiative und wie Lübke Doktorandin am International Graduate Centre for the Study of Culture der JLU.

Gemeinsam mit ehrenamtlichen Gießener Mentoren, darunter viele Studierende und Mitarbeiter der JLU, bietet Urbatsch in der neuen Beratungsstelle seit Mitte März Sprechstunden für Schüler und Studierende an, um beispielsweise über Möglichkeiten der Studienfinanzierung zu informieren sowie bei Stipendienbewerbungen oder auch der praktischen Bewältigung des Studiums Hilfestellung zu geben. Bei Bedarf werden die Ratsuchenden auch an andere Beratungsstellen der Uni vermittelt.

Die seit Mai 2008 bestehende Initiative ArbeiterKind.de ermutigt Schülerinnen und Schüler nicht-akademischer Herkunft zum Studium und unterstützt sie auf ihrem Weg vom Studieneinstieg bis zum erfolgreichen Studienabschluss. Auf dem gleichnamigen Internetportal können sich die Schüler über die Vorteile eines Studiums und die guten Berufsperspektiven für Akademiker informieren. Außerdem werden verschiedene Möglichkeiten aufgezeigt, wie sich ein Studium finanzieren lässt. Um die Schüler auch nach ihrer Entscheidung für ein Studium zu unterstützen, erhalten Studierende Informationen darüber, wie man wissenschaftlich arbeitet, im Ausland studieren kann, sich um Praktika bewirbt und schließlich erfolgreich das Examen meistert.

Über das Internetportal hinaus baut ArbeiterKind.de ein bundesweites Netzwerk von Mentoren auf, die Schülern und Studierenden als Ansprechpartner mit Rat und Tat zur Seite stehen. "Innerhalb von eineinhalb Jahren haben wir bereits über 1.300 ehrenamtliche Mentoren gewonnen, die sich bundesweit in circa 70 lokalen ArbeiterKind.de-Gruppen engagieren", berichtet Urbatsch. Um Schüler zum Studium zu motivieren, führt sie mit ihrer Gießener Mentorengruppe seit Herbst 2008 als Modellprojekt Informationsveranstaltungen an Schulen mit gymnasialer Oberstufe durch.

Nach dem Vorbild des Gießener Modellprojekts besuchen studierende und promovierende Mentoren inzwischen bundesweit Oberstufen an Gymnasien und Gesamtschulen, Fachober- und Abend- sowie Berufsschulen, um interessierte Jugendliche und junge Erwachsene für ein Studium zu begeistern, zu motivieren und mit Informationen zu unterstützen. Zudem wird das Engagement auf Haupt- und Realschulen ausgeweitet, um auch Schülern der 9. und 10. Klassen Perspektiven für den weiteren Bildungsweg aufzuzeigen.

ArbeiterKind.de wurde bereits mit dem "Deutschen Engagementpreis 2009", mit den Engagementpreisen der Hans-Böckler-Stiftung und des Vereins der ehemaligen Stipendiaten der Friedrich-Ebert-Stiftung, als "Ausgewählter Ort 2009" im Rahmen des Wettbewerbs "Deutschland – Land der Ideen" unter der Schirmherrschaft von Bundespräsident Horst Köhler sowie im Wettbewerb "startsocial2008" unter der Schirmherrschaft von Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel als eines der besten 25 Projekte ausgezeichnet. Zudem ist die Gründerin Katja Urbatsch als "Ashoka Fellow 2009" in ein weltweites Netzwerk von Social Entrepreneurs aufgenommen worden.

kro/pe

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