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Express Online: Thema der Woche
Express Online: Thema der Woche | 29. April 2010

Ministerin auf der Flucht

Hessens Wissenschaftsministerin flieht vor Studenten / 11. Mai Demo der Uni Marburg in Wiesbaden

Das war eine inszenierte Flucht", sagt die studentische Senatorin Anna Schreiber. "Sie fühlte sich gestört", urteilen Marburger Professoren. Warum die hessische Wissenschaftsministerin Eva Kühne-Hörmann (CDU) bei der offiziellen Amtsübergabe an die neue Marburger Uni-Präsidentin Katharina Krause nach nur einer Minute Rede überstürzt den Saal verließ, können Professoren und Studierende kaum verstehen. Anlass war der Protest gegen die geplanten Kürzungen an den hessischen Hochschulen: "Es gab aber weder eine verbale noch eine physische Bedrohung", sagt Studiendekan Thorsten Bonacker: "Das war eine völlige Überreaktion."

Dagegen äußert sich Regierungssprecher Dirk Metz empört darüber, dass der Festakt von den Studierenden so "massiv torpediert" worden sei, dass die Ministerin unter Polizeischutz das Gebäude verlassen musste. Dies sei auf "dringenden Rat der Polizei" geschehen, sagte er. Nach Auskunft der Polizei hatten 40 Studierende versucht, in den Festsaal hineinzulangen, woran sie aber von den Beamten gehindert wurden. Dabei ist laut Asta auch Pfefferspray eingesetzt worden.

Während des Festaktes hatte die Hochschulleitung eine 40-köpfige Delegation der Demonstranten zugelassen, die zwar Protest-Plakate hochhielten, ansonsten jedoch nicht störten. Dass die Studierenden dabei sein durften, bezeichnete Metz als "außerordentlich ungewöhnlichen Vorgang". Er machte "offensichtliche Organisationsmängel" dafür verantwortlich, dass die Amtseinführung Krauses "derart außer Kontrolle geraten ist".

Uni-Kanzler Friedhelm Nonne wies die Vorwürfe zurück. Die Situation sei zu keinem Zeitpunkt außer Kontrolle gewesen. "Es gab nur einen kurzen Versuch von Protestierern, in den Saal zu kommen. Dann ist die Feier ungestört weitergegangen", erklärte Uni-Sprecher Johannes Scholten.

Unterstützung bekommt die Hochschulleitung von der Juso-Hochschulgruppe: "Die volle Schuld liegt hier bei Frau Kühne-Hörmann, die so feige war, zu gehen und nicht in der Lage ist, ihre unsinnigen Pläne bei den Betroffenen zu rechtfertigen", sagt Senatorin Schreiber.

Freilich hätten die Marburger dies bereits nach Kühne-Hörmanns jüngstem Besuch in Gießen ahnen können. Nach der Eröffnung des neuen Verwaltungsgebäudes an der Justus-Liebig-Universität wurde die Ministerin von rund 50 Studierenden umringt, die mit ihr über den Hochschulpakt sprechen wollten – ganz friedlich. Statt mit den Demonstranten zu reden, ergriff sie unter Polizeischutz die Flucht.

Allerdings schlug der Ministerin in Marburg noch mehr unfreundliche Stimmung entgegen: Draußen demonstrierten etwa 600 Studierende mit einem Trauermarsch. Drinnen trugen auch viele Professoren Trauerkleidung. Die Delegation der Studierenden wurde mit großem Applaus empfangen. Die Hochschulleitung hatte eine Information geschrieben, in der sie aufzeigte, dass die von Ministerin Kühne-Hörmann in einem Interview geschilderte finanzielle Situation der Universität Marburg falsch dargestellt wurde.

Aus Protest gegen die geplanten Kürzungen will die gesamte Hochschule am 11. Mai auf Wiesbaden marschieren. Auch die konservativen Professoren sind mit dabei. Siegfried Bien, Sprecher der liberal-konservativen Professorenliste, hofft, dass allein aus Marburg 10 000 Menschen nach Wiesbaden reisen: "Das ist keine Sache von ein paar Studenten", sagt der Medizinprofessor, der selbst bis dahin noch nie demonstriert hat: "Das ist eine andere Qualität, weil wir mit diesen Kürzungen praktisch keinen Spielraum mehr haben." Damit erklärt er sich auch die "beispiellose Solidarisierung" zwischen Studierenden und Professoren.

Mehr als 300 Marburger Hochschullehrer – darunter sämtliche Dekane – haben sich bereits in einem gemeinsamen Brief an die Landtagsabgeordneten gewandt: "Für die älteste Universität Hessens bedeuten die Einsparungen eine massive Bedrohung des laufenden Lehr- und Forschungsbetriebs und eine Gefährdung ihrer Substanz", schreiben sie.

Kühne-Hörmann sagte zur Marburger Kritik in einem Interview: "Proteste in dieser Form gibt es nur in Marburg." In dieser Form sind sie allerdings auch in Marburg neu. Trotzdem betont Uni-Kanzler Nonne: "Wir bedauern außerordentlich, dass es zu der Störung gekommen ist und dass die Ministerin die Wahrnehmung hatte, abreisen zu müssen."

Gesa Coordes


Express Online: Thema der Woche | 29. April 2010

Rückblick in die Zukunft

Prof. Hans-Peter Ziemek
... ist Geschäftsführender Direktor des Instituts für Biologiedidaktik an der Gießener Universität. Hier hat der Experte für Wissensvermittlung die Spaß macht, das Schülerlabor Biologie aufgebaut – eines der wenigen Schülerlabore in Deutschland, das unter fachdidaktischen Aspekten betrieben wird.
Für die Gießener Dino-Ausstellung hat Ziemek mit seinen Studenten Lehrmaterial zu den Exponaten zusammengestellt und Lehrkräfte in einer Fortbildung fit für die Dino-Fragen gemacht. Außerdem hat er die Dino-Führungen konzipiert, die von rund 50 Studierenden sowie von Oberstufenschülern durchgeführt werden. Ein Erfolgsprojekt: Bereits vor Start der Dino-Schau waren rund 100 Führungen ausgebucht.
kro
Biodidaktik-Professor Hans-Peter Ziemek über den Gießener Dino-Hype und was Lehrer davon lernen können

Express: Dinosaurier sind seit Millionen Jahren ausgestorben. Wird in der Gießener Dino-Ausstellung nicht völlig nutzloses Wissen vermittelt?
Ziemek: Die Lernforschung zeigt ganz klar, dass nur Wissen Wissen schafft. Also nur wenn ich Wissen habe, kann auch weiteres Wissen dazu erworben werden. Und das Wissen über Dinosaurier ist genauso gut wie das Wissen über Pokemons, Motorräder oder "Deutschland sucht den Superstar". Das hilft besonders, das Gehirn von Kindern zu aktivieren. Deswegen fördern wir beispielsweise auch das Lernen der lateinischen Namen der Dinos. Das bringt das Gehirn auf Touren.
Außerdem finden wir, dass es Teil einer formalen Bildung ist, wenn man weiß, dass eine Vielzahl von Lebewesen gibt, wenn man weiß, dass die meisten Tierarten auf unserem Planeten inzwischen ausgestorben sind – 99,9 Prozent aller Arten. Und wenn wir über das Aussterben von Arten sprechen, muss man wissen, welche Arten es früher auf der Erde gab, warum die ausgestorben sind und was wir daraus lernen können.
Kurz: Der Rückblick auf die Frühzeit der Erde lässt uns einen Blick in die Zukunft des Planeten werfen.

Express: Vor knapp 20 Jahren gab es einen großen Dino-Boom durch Steven Spielbergs Film "Jurassic Park". Hat sich das damals auf den Schulunterricht positiv ausgewirkt?
Ziemek: Nein. Das hat sich in keiner Weise ausgewirkt. In den Lehrplänen verschwinden die Dinosaurier immer mehr, werden verdrängt von aktuellen Biologiethemen. Der Hype über Dinosaurier geht nicht in der Schule weiter, sondern im privaten Umfeld. Wir haben ganz große Interessensraten bei Heranwachsenden speziell zwischen dem sechsten und dem zehnten Lebensjahr.

Express: Ein gutes Alter, um Kinder für Wissenschaft zu begeistern?
Ziemek: Sechs- bis Zwölfjährige haben ein ganz hohes Interesse an naturwissenschaftlichen Themen, speziell an allem was lebt. Das müssen wir nutzen. Denn wir wissen aus vielen Untersuchungen: Wenn bis dahin keine Grundlage für die Naturwissenschaften gelegt ist, wird das naturwissenschaftliche Arbeiten später sehr schwer fallen. Selbst wenn Jugendliche sich in der Pubertät scheinbar nicht mehr für Naturwissenschaft interessieren, werden in der Grundschule gut vorbereiteten Kinder später nahtlos wieder in Biologie, Chemie oder Physik hineinfinden.

Express: An ihrem Institut arbeiten sie an neuem Formen des Unterrichts, um Lust auf Wissenschaft zu machen und Spaß am Lernen zu vermitteln. Wie schafft man das?
Ziemek: Wir wollen das selbständige Arbeiten der Schüler fördern, neue Themen der Biologie für die Schule erschließen – und wir wollen über die Schule hinausgehen. So bilden wir seit dem Wintersemester auch Masterstudenten in Biologie-Fachvermittlung aus.
Die Dino-Guides, die jetzt durch die Stadt laufen, sind zum größten Teil Biologiestudierende, die später mal im Labor stehen werden – jetzt aber erleben, wie das ist, mit Laien über ein wissenschaftliches Thema zu sprechen. Weil das eine Schlüsselqualifikation in der Zukunft sein wird: dass man in der Lage ist, die immer komplexer werdende Wissenschaft auch Menschen, die sich nicht damit beschäftigen, zu erklären.

Express: Was erhoffen sie sich von der Dino-Ausstellung?
Ziemek: Wir hoffen, dass wir möglichst viele Schulen in der Region anregen können, mit ihren Schülern in den Seltersweg zu gehen, und die Dinos zu erforschen – so wie es die Kindergärten tun: Wir haben eine Erzieherinnen-Fortbildung gemacht, und die Teilnehmer waren begeistert. Sie können davon ausgehen, dass inzwischen 20, 25 Kindergärten hier in der Region an Dino-Projekten arbeiten.
In den Kindergärten gibt es eine hohe Bereitschaft, projektbezogen zu arbeiten. Die Kindergärten sind eigentlich die Keimzelle, auf die man aufbauen muss. Die Lehrer an den Schulen können sich einiges davon abschauen, was die Erieherinnen und Erzieher im Kindergarten machen.

Express: Was denn zum Beispiel?
Ziemek: Momentan ist immer noch Frontalunterricht die Regel, der auf Lehrplänen und Schulbüchern basiert, der Lehrern Arbeit ab-, aber oft auch jede Kreativität wegnimmt. Im Fach Biologie ist das Leben das Thema. Deshalb darf man nicht einfach Wissen für Klausuren vermitteln, sondern muss mit seinen Schülern ins Leben rausgehen.

Interview: Georg Kronenberg

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