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Express Online: Thema der Woche
Express Online: Thema der Woche | 6. Mai 2010

Nächste Krise vorprogrammiert

Hayo Reimers
... lehrt seit 1996 am Fachbereich Wirtschaft der Fachhochschule Gießen-Friedberg. "Die wirtschaftspolitische Dimension der Weltfinanzkrise" ist sein Thema am Samstag, 8. Mai, bei einem öffentlichen Seminar. Bei der Veranstaltung geht es um die Ursachen der Finanzmarktkrise und darum, welche Konsequenzen die ergriffenen Gegenmaßnahmen für die Zukunft haben können.
Das kostenlose Seminar findet von 9-13 Uhr auf dem FH-Campus in Friedberg statt (Wilhelm-Leuschner-Str. 13, Raum A 101). Interessierte werden gebeten, sich unter 0641-3092707 anzumelden. Das Seminar richtet sich auch an Interessenten am Master of Business Administration-Programm. Infos: www.mba-school.de
kro
Wirtschaftsprofessor Hayo Reimers über die Ursachen und Folgen der Griechenland-Krise

Express: Die Griechenland-Krise hat sich binnen kurzer Zeit extrem zugespitzt. Warum war der Staatsbankrott nicht länger vorherzusehen?
Reimers: Zum einen haben die Griechen der EU bekanntermaßen lange Zeit Zahlen präsentiert, die das Problem systematisch kaschiert haben. Der Ernst der Lage ist letztlich erst durch die hohe griechische Neuverschuldung im Zuge der Weltfinanzkrise zu Tage getreten. Im Übrigen wurden die Eskalationen auf dem Anleihemarkt, wie wir sie zuletzt am "schwarzen" Mittwoch gesehen haben, auch maßgeblich durch spekulative "Ausverkäufe" griechischer Anleihen ausgelöst, die sich schwer vorhersehen und noch schwerer verhindern lassen.

Express: Wie hätte diese Staatsfinanz-Krise verhindert werden können?
Reimers: Eine stringentere Überprüfung der griechischen Haushaltszahlen sowie ein früheres Hinwirken auf eine angemessene Haushaltsdisziplin seitens der EU hätte die griechische Krise sicherlich abschwächen, vielleicht sogar verhindern können. Für die anderen gefährdeten EU-Länder (Spanien, Portugal, Italien, Irland) gilt dies jedoch nicht, sie wurden von der globalen Finanzkrise mitgerissen.
Die tieferen Ursachen der US-Immobilien- und folgenden globalen Finanzkrise finden sich insbesondere, aber nicht ausschließlich im allseits beklagten Finanzgebaren des Bankensektors. Mitverantwortlich ist auch die expansive US-amerikanische Geld- und Finanzpolitik dieses Jahrzehnts, angefangen mit der Bekämpfung der IT-Krise in 2000/2001. Die damals auf ein historisch niedriges Niveau abgesenkten Zinsen der US-Notenbank schufen erst die Rahmenbedingungen für die verantwortungslose Vergabe von US-Immobilienkrediten an amerikanische Schuldner mit geringer Zahlungsfähigkeit. Hinzu kam, dass die US-Notenbank bewusst die Verbriefung dieser Darlehen duldete und so den Hypothekenbanken einen zusätzlichen Anreiz gab, solche Darlehen in großem Umfang zu gewähren und die hohen Ausfallrisiken dieser Gruppe vollständig auf andere Marktteilnehmer (auf der ganzen Welt) abzuwälzen.
Besonders erschreckend ist, dass die Politik aus diesen Zusammenhängen offensichtlich nichts gelernt hat. Die mit der Geldpolitik in der IT-Krise ausgelöste heutige Immobilien- und Finanzkrise wird wieder mit denselben Mitteln bekämpft, d. h. mit noch mehr Staatschulden und noch niedrigeren Zinsen. Auch die sachgerechte Regulierung des Verbriefungsmarktes und seiner Derivate lässt weiter auf sich warten. Diesmal wurde die Krise so bedrohlich, dass auch die Regierungen und Zentralbanken der EU zu diesen Instrumenten greifen mussten. Wenn wir den "Exit" aus dieser Politik nicht bald schaffen, dürften wir damit die nächsten großen Krisen bereits vorprogrammieren. Auf die Schuldenkrisen der EU-Staaten könnte dann die Schulden- und Zahlungsbilanzkrise der USA folgen – mit kaum absehbaren Folgen für die internationalen Devisen- und Anleihemärkte.

Express: Wieso muss Deutschland jetzt Griechenhand mit Milliarden-Krediten unterstützen? Was bringt das den Bürgern in Deutschland?
Reimers: Letztlich ist die Unterstützung Griechenlands nicht nur eine Frage der Solidarität unter EU-Ländern, sondern auch des Vertrauens in die Funktionsfähigkeit des Euro-Systems, von dem wir alle profitieren. Hätten wir noch die D-Mark, wäre diese Krise mittels enormer D-Mark-Aufwertungen und entsprechender Exporteinbrüche noch deutlich schärfer für uns ausgefallen.

Express: Welche Fehler haben Kanzlerin Merkel und ihre Regierung beim europäischen Krisenmanagement gemacht?
Reimers: Bisher keine Wesentlichen. Die Bundesrepublik ist besser durch die Krise gekommen als die anderen EU-Länder. Die Bundesregierung hat ihre Position zur Griechenland-Krise, d. h. ihr Bestehen auf dem konkreten Vorliegen eines sachgerechten Reformprogramms als Bedingung für deutsche Hilfe, von Anfang an deutlich gemacht. Auch das Hinzuziehen des – politisch unabhängigen – IWF war richtig. Mit der konsequenten Umsetzung dieser Politik hat sie sich in der EU nicht beliebt gemacht, stellt aber heute letztlich den einzig verbliebenden Garant für eine Vermeidung neuer "Sündenfälle" in der EU dar.
Wesentlich strittiger gestaltet sich für mich die aktuelle Frage nach der Einbeziehung des Bankensektors in die Lösung der griechischen Verschuldungskrise. Der sog. "Haircut", d. h. eine Teilentwertung der überwiegend in der Hand von Banken liegenden griechischen Staatsanleihen, ist eigentlich völlig systemkonform (etwa so wie die Vergleichsregelung eines Unternehmenskonkurses). Letztlich ist das Risiko einer solchen Entwertung ja auch der Grund für die hohen Renditeaufschläge auf griechische Staatsanleihen. Wenn man jetzt auf diesen Haircut verzichtet, hat man es den Banken wieder einmal ermöglicht, Risikoprämien zu kassieren, ohne die Risiken dann auch tragen zu müssen. Das politische Gegenargument, eine solche Entwertung würde eine neue Bankenkrise und neue Spekulationen gegen spanische und portugiesische Anleihen auslösen, ist zwar nachvollziehbar, eröffnet aber nicht wirklich eine Alternative. Zum einen können und werden die Finanzspekulanten nicht erwarten, dass die EU-Steuerzahler auch noch die weiteren, größeren Länder ohne Bankenbeteiligung retten. Zum anderen stellen sich die fundamentalen Daten Portugals und Spaniens viel besser dar als der Fall Griechenland.

Express: Wie hoch sind die Chancen, dass Deutschland das geborgte Geld zurückbekommt?
Reimers: Sie sind zumindest hoch genug, um es zu tun. Bei fristgerechter Rückzahlung verdient die Bundesregierung sogar Geld mit diesen Krediten, und zwar nicht wenig. Würde man eine Beteiligung der Banken an Griechenlands Entschuldung zulassen, den sog. "Haircut", so würden die Chancen der Rückzahlung sogar noch steigen.

Express: Stimmt das Urteil der Rating-Agenturen, die ja inzwischen auch Spanien und Portugal abgewertet haben? Und wer steckt hinter diesen Agenturen, nach welchen Kriterien arbeiten sie?
Reimers: Rating-Agenturen sind private Unternehmen, welche möglichst objektiv die Bonität von – privaten und öffentlichen – Schuldnern bewerten, um diesen einen besseren Zugang zu Kapitalmärkten zu verschaffen. Hierzu muss man Dreierlei wissen: (1) Rating-Agenturen werden vom Schuldner beauftragt und auch bezahlt, sie sind also nicht wirklich objektiv. (2) Zum Ausfallrisiko von Privatunternehmen gibt es unendlich viel statistisches Datenmaterial und auch ausreichend belastbare Unternehmensinformationen. Zum sog. "Sovereign Risk" (Ausfall von Staatschulden) gibt es dies nicht, so dass Rating-Agenturen hier viel mehr mit subjektiven Einschätzungen arbeiten müssen. (3) Das Rating von Staaten hat für die Allgemeinheit viel größere Konsequenzen als das Rating einzelner Unternehmen (wie man aus dem Fall Griechenland lernen kann). Alle drei Gründe sprechen dafür, den Agenturen das Rating öffentlicher Schuldner zu entziehen. Sie können und sollten dies nicht leisten. Vielmehr gebieten es die o. g. Gründe, diese Aufgabe einer oder mehreren staatlichen, vorzugsweise internationalen Institutionen wie der z. B. dem IWF zu übertragen.

Interview: Georg Kronenberg

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