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Express Online: Thema der Woche
Express Online: Thema der Woche | 10. Juni 2010

Der WM-Würfel

Erfindung für die Fan-Arenen: Günter Ganzevoorts aufblasbarer Übertragungswürfel für die Fußball-Weltmeisterschaft

Eigentlich interessiert sich Günter Ganzevoort gar nicht für Fußball: "Von mir aus müssen die nicht hinter dem Ball herrennen", sagt der in Deutschland aufgewachsene Holländer, der eine Firma in Friedensdorf bei Marburg betreibt. Nur wenn die Niederlande im Endspiel der Fußball-Weltmeisterschaft dabei sind, schaut er sich möglicherweise das Finale an. Aber nur vielleicht.

Doch vor seiner größten Erfindung werden in den nächsten Wochen Tausende von Fußballfans stehen: Günter Ganzevoort hat einen aufblasbaren WM-Würfel erfunden, der für das Public Viewing in Dutzenden von Städten aufgebaut wird. Bis zu 12.000 Zuschauer können sich vor dem Gerät versammeln, das an einen Riesenfernseher aus Plastik erinnert.

Die Anfänge stammen noch aus den 90er Jahren. Damals hatte der ausgebildeteElektro-Installateurmeister eine eigene Firma im Marburger Hinterland, die sich auf Industriemontage spezialisiert hatte. Jeden Sommer baute er für die Marburger Kinos die Leinwände für das Open Air Kino auf. "Bei Wind und Wetter in zehn Metern Höhe Stangen zusammenzustecken, ist wirklich gefährlich", sagt Ganzevoort. Und es dauerte jedes Mal mehrere Stunden. Das müsste doch einfacher gehen, dachte er sich.

Ganzevoort entwickelte das Konzept für eine schnell aufblasbare Leinwand mit 21 Luftkammern. Doch die Hüpfburgenbauer, bei denen er sie bauen lassen wollte, winkten ab. Mit Lkw-Planen und einer großen Nähmaschine fertigte er die 20 mal zehn Meter große Leinwand innerhalb von drei Monaten selbst. Für viele Jahre blieb die "Marburger Leinwand" ein Unikum.

Doch Ganzevoort entwickelte sie 2005 weiter: Eine Röhrenkonstruktion, dessen Beamer von hinten gegen die Leinwand strahlt, erlaubt auch das Zuschauen bei Sonnenlicht: "Damit kann man dann auch tagsüber sehr gut schauen", erklärt der begeisterte Bastler und Tüftler. Der aufblasbare WM-Würfel – ein so genannter Biggair – war erfunden. Bereits bei der letzten Fußballweltmeisterschaft stand er in mehr als 50 Städten – von Flensburg und Kassel über Frankfurt und Sydney bis nach Singapur und Tokio. Der Aufbau dauert maximal 30 Minuten.

Inzwischen dient der WM-Würfel auch nicht mehr nur den Fußballern: Auf dem Times Square in New York wurde US-Präsident Obamas Antrittsrede für Tausende von Amerikanern übertragen. Konzerte von Robbie Williams und Formel-1-Rennen wurden gezeigt.An der Strecke des Radrennens rund um den Henninger Turm standen sechs Würfel.

Finanziell hat die Erfindung Ganzevoort nach seinen eigenen Angaben allerdings kein Glück gebracht. Zunächst wurde der aufblasbare WM-Würfel in einer Firma in Bad Endbach produziert, die er mit aufgebaut hatte. Doch wegen säumiger Zahler musste das Unternehmen Konkurs anmelden. Inzwischen liegen die Patentrechte bei der Firma Biggair Cube GmbH in Hanau. Dort laufen Vermietung und Verkauf der Übertragungswürfel zur Zeit auf Hochtouren: "Wir sind zufrieden", sagt Oliver Rasch von Biggair. Er geht davon aus, dass die Würfel während dieser WM in 80 Städten stehen werden. In der Regel werden sie für die Fußballwochen vermietet – für Preise zwischen 13.000 und 50.000 Euro, je nach Größe.

Aber auch Ganzevoort, der in Friedensdorf im Marburger Hinterland eine neue Firma aufgebaut hat, beschäftigt sich weiter mit aufblasbaren Geräten: Aktuell steht ein riesiges, aufblasbares Tischfußballfeld für zehn Spieler in seiner Werkstatt. Ganzevoort hat es für ein Unternehmen aus der Region produziert, das damit Turniere während der Fußballweltmeisterschaft ausrichtet. In den nächsten Monaten will der 46-Jährige mit der Werkstatt nach Treysa ziehen, wo er eine größere Produktionshalle mieten kann. Zudem hat er sich als Dozent an der Kunsthochschule Offenbach einen Namen gemacht. Thema: Dreidimensionales Gestalten und aufblasbare Räume.

Gesa Coordes

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