Samstag, 15. Mai 2021
Express Online: Thema der Woche
Express Online: Thema der Woche | 9. September 2010

Wandel auf der grünen Wiese

In einer Klimafolgenforschungsstation untersuchen Wissenschaftler der Gießener Justus-Liebig-Universität die Folgen des Klimawandels für Hessen

Waldbrände in Russland, Tornados in Mittelhessen, Erdrutsche in China, Fluten in Pakistan – Tausende Tote, Millionen Betroffene. "Wir haben es schon längst 5 nach 12", sagt der Leiter des Instituts für Pflanzenökologie der Gießener Universität, Christoph Müller: "Im Prinzip brennt die ganze Welt. Aber die Politiker schaffen es immer noch nicht, sich zusammenzuraufen."

In der gemeinsam mit dem Hessischen Landesamt für Umwelt und Geologie betriebenen Klimafolgenforschungsstation erforscht das zehnköpfige Team um den Ökologieprofessor der Justus-Liebig-Universität seit 1993, was der Klimawandel für Hessen bedeutet. Um exakte Aussagen treffen zu können, sind die Langzeitbeobachtungen entscheidend, betont Müller.

Die 4,5 Hektar große Forschungsstation in der Talaue des Lückebachs südlich von Gießen erinnert unaufmerksame Spaziergänger auf den ersten Blick an eine Kläranlage. Das liegt an den vielen kleinen Rohren, mit denen kreisrunde Wiesenflächen begast werden: Gräser, Storchenschnabel, Labkraut und Wiesenknopf müssen hier Kohlendioxidmengen aushalten, wie sie in 30 Jahren zu erwarten sind – etwa 20 Prozent mehr als bislang. Seit zwölf Jahren läuft der Versuch. Regelmäßig wird die Luft analysiert sowie das Grün geschnitten, gewogen und untersucht. Dabei zeigt sich, dass es in Zukunft mehr Gräser und weniger Kräuter geben wird. Vor allem aber kann das Grünland den Anstieg der CO2-Konzentration nicht bremsen. Es entstehen sogar vermehrt Lachgase, die das Klima weiter anheizen. Dann könnte sich die Erwärmung sogar beschleunigen.

Der Klimawandel findet schon jetzt statt", betont der Leiter der Klimafolgenforschungsstation, Prof. Ludger Grünhage: "Und er findet vor unserer Haustür statt." Wie eine Streuobstwiese sieht der "Phänologische Garten" aus, an dem er die Veränderungen in Mittelhessen demonstriert: Danach beginnt das Frühjahr für die Pflanzen schon heute zwei Wochen früher als noch vor 20 Jahren. Forsythien, Haselnuss- und Apfelbäume blühen heute deutlich eher. Daran ändert auch ein strenger Winter wie der Vergangene nichts: "Wir untersuchen den langfristigen Trend", sagt Müller.

In Mittelhessen beginnt das Frühjahr für die Natur immer häufiger im Januar und nicht im März. Daher säen die Landwirte heute 14 Tage früher als vor 30 Jahren. Die Obstbauern müssen sich aber trotzdem weiter auf Spätfröste einstellen, die Kirsch- und Apfelernten komplett zerstören können. Vorzeitig starten auch Sommer und Herbst, die von Blüten und Früchten des schwarzen Holunders angezeigt werden. Bereits jetzt ist es in Mittelhessen ein halbes Grad wärmer als noch vor 20 Jahren. Nach den Zukunftsprojektionen wird die Temperatur bis Mitte des 21. Jahrhunderts um knapp zwei Grad steigen. Dann wird es immer öfter sehr feuchte Winter, sehr heiße Sommer und viele Gewitter geben, sagt Grünhage. Ertragsausfälle beim Getreide seien die Folge. Was Ozon schon heute mit empfindlichen Pflanzen macht, zeigen Tabak und Bohnen: Spätestens ab Ende Mai leiden sie jedes Jahr an Nekrose: Teile der Blätter sterben ab. Zum Vergleich zeigt Grünhage leuchtend grüne Bohnenblätter aus einer Pflanzenkammer, aus deren Luft Ozon herausgefiltert wurde.

Noch in den Kinderschuhen steckt die Forschung über Biokohle. Dahinter verbirgt sich verschwefelte Biomasse aus Materialien wie Rasenschnitt, Erdnussschalen, Reisspelzen, Rübenschnitzel oder Maissilage. Die Forscher hoffen, mit der Biokohle Kohlenstoff im Boden zu binden. "Wir wissen noch sehr wenig darüber", erklärt Projektleiterin Claudia Kammann. Auf den Wiesen des Versuchsgeländes soll verschwefeltes Chinagras ausgestreut werden, um die Auswirkungen zu beobachten. Dabei wird getestet, ob die Biokohle schädliche Nebenwirkungen hat.

Damit kann der Klimawandel aber höchstens gemildert werden, betonen die Forscher. Erforderlich sei ein schneller Umstieg auf regenerative Energien und ein nachhaltiger Lebensstil. Die Wissenschaftler gehen schon einmal mit gutem Beispiel voran: Die meisten fahren mit dem Fahrrad zur Arbeit.

Gesa Coordes


Express Online: Thema der Woche | 9. September 2010

Vorhang auf

Das Theater kommt zu den Bürgern / Interview mit Marburgs neuem Intendanten Matthias Faltz und seiner Stellvertreterin Christine Tretow

Mit einem Eröffnungsfest vom 17. bis zum 19 September startet das Hessische Landestheater Marburg unter neuer Leitung in die Spielzeit. Im Express-Interview berichten der neue Intendant Matthias Faltz und Christine Tretow, stellvertretende Intendantin und Marketingdirektorin, wie es auf den Marburger Bühnen nach der Ära Dennewitz weitergehen wird.

Express: Sie kommen mit dem Theater mitten in die Stadt, bespielen nächsten Sommer den Marktplatz. Muss sich das Theater angesichts der extrem gewachsenen multimedialen Konkurrenz heute generell mehr öffnen, mehr zu den Bürgern kommen?
Matthias Faltz: Zur Eröffnung wollen wir ein Einzugsfest feiern, wo man Freunde und Gäste einlädt, um sich auszutauschen und sich besser kennen zu lernen.
Nach meinem Verständnis funktioniert Theater heute nicht mehr in diesem klassischen Theaterraum. Man muss sich nach außen vernetzen und öffnen, damit das Theater als Kulturträger, Ort der Diskussion lebendig bleibt. Und nicht nur ein Ort ist, wo sich Leute einfach passiv als Zuhörer reinsetzen. Wir wollen die Menschen auch offensiv einbinden, ins Programm, in Theateraktionen.

Express: Wie schafft man das und mit wem wollen Sie sich in der Region besser vernetzen?
Christine Tretow: Das Eröffnungsfestival, bei dem wir den Weltkindertag auf dem Gelände von Musikschule und Hessische Landestheater feiern, ist ein gutes Beispiel: Da gibt es eine Zusammenarbeit mit der Waggonhalleund der Musikschule.Und so soll es künftig immer wieder Projekte geben, bei denen sich die verschiedenen kulturellen Institutionen der Stadt zusammenschließen.
Faltz: Unter der Überschrift "Marburg macht Theater" planen wir verschiedene Angebote für Jugendliche und Erwachsene: etwa einen mehrmonatigen Poetry-Workshop, ein Multikulti-Projekt, einen Science-Slam. Das sind alles Angebote, bei denen die Bürger anfangen, selber zu spielen. Damit sich nicht nur die kulturellen Institutionen vernetzen, sondern darüber hinaus auch die Menschen anfangen – über das übliche Theatererlebnis hinaus – mit dem Theater einen Kontakt aufzubauen.
Wir haben schon Kooperationsverträge mit Schulen geschlossen, uns mit der Blindenstudienanstalt zusammengesetzt und überlegt, was wir zusammen machen können, um die Kräfte an bestimmten Punkten zu bündeln.

Express: Gehen in Marburg zu wenig junge Leute ins Theater? Gibt es bei dieser Besuchergruppe Nachholbedarf?
Faltz: Ich denke, das Alter der Marburger Theaterbesucher liegt im Bundesvergleich unter dem Durchschnitt. Das ist gut. Was wir wollen ist, dass wir für die Studierenden noch attraktiver als Veranstaltungsort werden, dass deren Hemmschwelle sinkt, ins Theater zu gehen. Da helfen uns natürlich gemeinsame Angebote mit der Universität.
Tretow: Wir planen spätestens ab übernächstem Semester eine feste Kooperation mit der Philipps-Universität. Damit Studenten eine Produktion begleiten, Formate fürs Theater entwickeln können, beispielsweise die Medienwissenschaftler, die Germanisten oder die Philosophen.
Das Neue ist, dass wir das wirklich institutionalisieren wollen: Studenten sollen nicht nur in die Theaterpraxis reinschnuppern können sondern können auch Scheine machen. Für uns Theatermacher ist dieser Input von außen von der jungen Klientel, die unser Tun kritisch beäugen kann, auch sehr positiv.

Express: Stichwort Veränderung und Kontinuität: Was sollte eine neue Theaterleitung unbedingt verändern und was von ihren Vorgängern auf jeden Fall beibehalten?
Faltz: Man sollte einfach das machen, worauf man Lust hat – also nicht schauen, "was wollen wir verändern", sondern "was interessiert uns". Wir haben beispielsweise in der Vorbereitung gemerkt, dass wir gerne Reihen machen würden, eine Brecht-Reihe oder eine Reihe über die Mythen der Menschheit, jedes Jahr ein Stück.
Die Parallele dabei zum Programmangebot der bisherigen Theaterleitung ist nicht beabsichtigt. Aber es ist natürlich schön, dass wir den Zuschauern nicht das Gefühl geben, wir wollten alles neu erfinden und anders machen.

Express: Und warum wollen sie nächstes Jahr nicht mehr im idyllischen Schloss Rauischholzhausen Theater spielen?
Faltz: Wir haben keine generelle Entscheidung gegen Rauischholzhausen als Spielort im Theatersommer getroffen. Da können wir auch im übernächsten Jahr noch hingehen. Nächstes Jahr gehen wir, wie anfangs gesagt, lieber mitten in die Stadt.
Immerhin liegt das Theater in Marburg sehr verästelt, mit Schwanhof, Fürstensaal, und der Stadthalle als Spielstätten.
Mit dem Eröffnungsfestival vom 17.-19. September im Schwanhof sowie in und vor der Stadthalle kommen wir wir jetzt erstmal hier an, finden unsere neue Heimat.

Interview: Georg Kronenberg

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