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Express Online: Thema der Woche
Express Online: Thema der Woche | 16. September 2010

Rasant aufgemotzt

Dr. Bernd Dolle-Weinkauff
Der Kustos des Instituts für Jugendbuchforschung der Goethe-Universität Frankfurt zählt zu den bekanntesten deutschen Comic-Forschern. Bei den gerade zu Ende gegangenen 30. Wetzlarer Tagen der Phantastik hat der Germanist unter dem Titel "Demons are a girl's best friend ..." über Fantasy-Manga und ihre Attraktivität für das westliche Publikum referiert.
Superman hatte keine Chance: Japanische Manga haben seit Ende der 1990er den Comic-Markt erobert. Comic-Forscher Bernd Dolle-Weinkauff über den Manga-Boom

Express: Was war der Auslöser für den Erfolg der Manga in Deutschland?
Dolle-Weinkauff: Diese einfachen Schwarzweißzeichnungen der Mangas hätten in einer Welt mit animierten, bunten Bildern eigentlich kein Publikum gewinnen können.
Den Grund für den Manga-Boom haben die japanischen Anime-Serien bereitet, die von den privaten Fernsendern hier in den 1990er Jahren ausgestrahlt wurden. Das waren Spin-Offs, Ableger von Manga. Dadurch sind die Grundschulkinder mit den japanischen Stilen in Verbindung gekommen und waren später auch bereit, das als Buch zu lesen.

Express: Der Siegeszug kam dann Ende der 1990er?
Dolle-Weinkauff: Ja. Die Wende kam mit zwei Serien: Dragonball und Sailor Moon, eine Serie für die Jungs und eine für die Mädchen. Wichtig für den Erfolg war, dass die Verlage 1997 diese beiden Serien in japanischer Leserichtung veröffentlichten: von rechts nach links. Die Taschenbücher werden von hinten nach vorne gelesen.

Express: Ein merkwürdiges Erfolgskonzept ...
Dolle-Weinkauff: Die Änderung der Leserichtung ist anfangs sehr verwirrend, aber für das Jugendpublikum, das die Manga liest, ein ganz wichtiges Merkmal, um sich von den Erwachsenen abzusetzen. Nach dem Motto: "Das können die Älteren nicht, das verstehen sie nicht, das sind unsere Bücher". Das ist ein typisches Merkmal von Jugendkultur.
Zur Vorgeschichte: In den 1990ern war der Comic-Markt in einer Krise. Die Verkäufe waren stark zurückgegangen. Es gab keine neuen Konzepte für Kinder und Jugendliche. In diese Lücke ist der Manga hineingestoßen, aber erst nachdem die Verlage die Bücher in der japanischen Leserichtung publizierten.
Experimentiert mit Manga hatten die Verlage bereits seit Anfang der 1990er. Die Geschichten waren aber zunächst unserer Leserichtung angepasst, aufwändig gespiegelt worden. Das war nicht erfolgreich und führte nebenbei dazu, dass die japanischen Polizisten im Comic immer mit der linken Hand geschossen haben und die Japaner – entgegen den Tatsachen – einen Rechtsverkehr hatten.

Express: Wie alt sind sind die durchschnittlichen Manga-Leser?
Dolle-Weinkauff: Gut 80 Prozent sind Mädchen und jungen Frauen im Alter von 13 bis 22 Jahren. Die hohe weibliche Leserschaft ist ein deutsches Phänomen. In Italien und Frankreich halten sich männliche und weibliche Manga-Fans etwa die Waage.
Ob die Manga-Begeisterung ein Adoleszenz-Phänomen bleibt oder ob das Alter der Leser steigt, kann man im Moment noch nicht absehen. Umfragen zeigen übrigens, dass ein nicht geringer Teil der Manga-Fans vorher keine Comics gelesen hat.

Express: Die Faszination der Manga macht sicher auch die besondere Bildsprache aus?
Dolle-Weinkauff: Die Fans sagen, die Zeichnungen seien so toll. Wenn man da nachhakt und sieht was die Geschichten hergeben, ist die Grafik als solche, also die gezeichneten Linien, die Figuren, nicht das Entscheidende. Sondern die erzählerische Verknüpfung, die im Manga viel rasanter und komplexer ist. Selbst inhaltlich sehr einfache Geschichten werden stilistisch derart aufgemotzt, dass das zu einer ganz anderen Art von Bilderzählung wird.

Express: Wie kann ich mir das vorstellen?
Dolle-Weinkauff: Ein Manga wendet für eine bestimmte Handlung im Durchschnitt drei bis fünfmal mehr Einzelbilder auf, als ein westlicher Comic. Dadurch haben sie ganz viele Bildfolgen. Die Handlung wird stärker zerlegt: Es wird nicht mehr erzählt, dadurch aber sozusagen intensiver erzählt.

Express: Diese Art Geschichten zu erzählen, wird inzwischen auch von europäischen Zeichnern übernommen?
Dolle-Weinkauff: Die italienische Disney-Produktion hat eine Mädchenserie – "Witch" – herausgebracht, deren Bildsprache ganz stark vom Mädchenmanga bestimmt ist. Es gibt junge deutsche "Mangaka", die Geschichten in der Manier des japanischen Comic schreiben und zeichnen. Dass die Formen konvergieren, wird nach meiner Einschätzung weiter zunehmen. Genauso, wie die Manga bestimmte Dinge aus dem westlichem Formenarsenal übernommen haben, ohne die sie hier nicht so erfolgreich geworden wären.

Express: Was zum Beispiel?
Dolle-Weinkauff: Die großen Augen der Comic-Figuren und das Kindchenschema: beides hat mit Japan überhaupt nichts zu tun, auch wenn gerade die jungen Fans meinen, dass sei typisch japanisch.
Tatsache ist: Die Disney-Filme und Disney-Comics der 1950er Jahre waren das Vorbild. An denen haben sich japanischen Zeichner wie Osamu Tezuka orientiert und von den Disney-Figuren die großen Kulleraugen übernommen. Die japanische Kunstgeschichte hat so etwas überhaupt nicht aufzuweisen.

Express: Was steht bei der Handlung der Manga im Mittelpunkt?
Dolle-Weinkauff: Ein Großteil sind Fantasy-Geschichten oder eine Art von Science-Fiction, die mit Fantasy und Märchenhaftem durchsetzt ist, ähnlich wie bei "Star Wars". Kampfroboter, die von Menschen über die Nervenbahnen gesteuert werden kämpfen beispielsweise mit Engeln.
Diese Abenteuer sind immer wieder verbunden mit Pubertätskonflikten: Mädchen gegen Jungen, Jungen gegen Mädchen, Probleme in der Schule oder mit den Eltern und so weiter. Und das in einer Intensität, wie sie der konventionelle westliche Comic oder sogar die Jugendliteratur nicht bietet. Die Manga-Zeichner trauen sich, einen Selbstmord darzustellen. Außerdem wird in den Manga viel Gewalt gezeigt, da geht's wirklich zur Sache. Kurz: es herrschen sehr viel weniger Tabus und das hat zur Folge, dass sich die jugendlichen Leser dadurch ernstgenommen fühlen.

Express: Wer liest denn heute noch Batman und Donald Duck?
Dolle-Weinkauff: Die europäischen oder amerikanischen Comic-Traditionen sind immer noch lebendig, aber man merkt bei den Jüngeren, dass das für sie die Comics der Älteren sind. Das wird als die Ästhetik von Papa und Mama oder sogar Oma und Opa eingestuft.

Interview: Georg Kronenberg

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