Dienstag, 15. Juni 2021
Express Online: Thema der Woche
Express Online: Thema der Woche | 30. September 2010

Geld für verrostete Drahtesel

Nur in Marburg wurde die Abwrackprämie für Fahrräder verlängert

Marburg ist die einzige deutsche Stadt, die bis heute eine Abwrackprämie für Fahrräder zahlt. Doch die Bergstadt macht so wenig Werbung für die Prämie, dass sie selbst Händlern unbekannt ist. "Ich wusste gar nicht, dass es sie noch gibt", sagt Torsten Glock, der den ältesten Marburger Fahrradladen in der Oberstadt in der vierten Generation führt. Ähnlich geht es seinen Kollegen, die von der Förderung nur durch Kunden erfuhren. Bei den Marburger Radlern ist das Angebot nämlich sehr gut angekommen: "Anfangs hatten die Leute richtig Sorge, dass sie den Zuschuss nicht mehr bekommen", erzählt Glock. Sein Umsatz ging nach oben.

Nach Informationen des Verkehrsclubs Deutschland (VCD) gab es bundesweit vier Städte, die als Reaktion auf die Abwrackprämie für Autos 50-Euro-Zuschüsse für Fahrräder einführten: Mannheim war im Mai 2009 die bundesweit erste Kommune, die ihren Bürgern Geld für ein altes Rad zahlte. Es folgten Frankfurt am Main, Marburg und Teltow in Brandenburg. In vielen anderen Städten wie Nürnberg, Regensburg oder Tübingen gab es zwar Debatten zum Thema. Tatsächlich eingeführt wurden die Prämien laut VCD aber nicht. In Mannheim und Teltow war die Aktion auf die ersten 100 Fahrräder begrenzt. In Frankfurt galt sie nur für vier Tage und für maximal 200 Stadträder.

Im rot-grün regierten Marburg war die Prämie von Anfang an großzügiger: Sie gilt auch für Kinderräder. Und wer ein neues Elektro-Fahrrad kauft, bekommt sogar 100 Euro im Tausch gegen ein altes Rad. Dabei ist die Stadt eigentlich überhaupt keine Fahrradhochburg. An vielen Hauptstraßen gibt es bis heute keine Fahrradwege.

Umweltprämie" heißt die städtische Förderung in Marburg. Anlass war auch hier die Abwrackprämie für Autos: "Sie war das falsche Signal, weil sie überhaupt keine ökologischen Kriterien enthielt", erklärt Bürgermeister Franz Kahle (Grüne). Als die Stadt einen Klimaschutzpreis für ihre neue Kinderkrippe in Marburg-Marbach erhielt, nutzte sie den unverhofften Geldsegen – 50 000 Euro –, um eine Fahrradprämie, ein Fahrradverleihsystem und einen Zuschuss für energiesparende Kühlschränke einzuführen.

Mit dieser Prämie wollen wir die Leute anspornen, das Fahrrad als Mobilitätsalternative in den Mittelpunkt ihrer Überlegungen zu rücken", sagt Kahle. Und die Unterstützung für E-Bike soll auch weniger sportliche Menschen dazu bewegen, die anstrengenden Berg-und-Tal-Fahrten in der Stadt auf sich zu nehmen. Zugleich gibt es die Möglichkeit, an der Lahn und im Marburger Gebrauchtwarenkaufhaus tageweise Elektroräder auszuleihen.

Inzwischen sind die Preisgelder weitgehend aufgebraucht. Etwa 100 Marburger haben die Prämie genutzt. Und der Magistrat hat beschlossen, das Angebot zu verlängern. Dafür gibt es Lob vom Verkehrsclub Deutschland: "Wir begrüßen das sehr", sagt Sprecherin Anna Fehmel. "Damit können auch die Händler gut werben", sagt Jochen Friedrich vom städtischen Umweltamt.

Dabei findet Bürgermeister Kahle die Marburger Zuschüsse eigentlich noch zu niedrig: "Man hätte das bundesweit mit höheren Prämien einführen müssen. Das hätte einen richtigen Schub gegeben."

Um die Zuschüsse zu bekommen, muss das neue Fahrrad bei einem Marburger Fachhändler gekauft und ein alter Drahtesel ins Gebrauchtwarenkaufhaus der Beschäftigungsgesellschaft "Praxis GmbH" gebracht werden. Dabei ist es egal, wie verrostet der Drahtesel ist. Selbst blanke Rahmen nimmt das Gebrauchtwarenkaufhaus entgegen: "Das sind oft echte Wracks", weiß Geschäftsleiterin Gerlind Jäckle. Deshalb lohnt sich die Aufarbeitung in der Regel nicht. Sind die Räder noch in einem guten Zustand, werden sie an Arbeitslose verschenkt. Sonst gehen sie zum Schrotthändler.

Gesa Coordes


Express Online: Thema der Woche | 30. September 2010

"Einzigartige Räume der Industriekultur"

Theatermacher Heiner Goebbels wird Intendant der Ruhrtriennale 2012 bis 2014

Die Zeche Zollverein in Essen, der Landschaftspark Duisburg-Nord, die Maschinenhalle Zweckel in Gladbeck oder die Jahrhunderthalle Bochum: Die einzigartigen Industriedenkmäler des Ruhrgebiets werden demnächst vom an der Gießener Uni lehrenden Komponisten und Theatermacher Heiner Goebbels in spektakuläre Aufführungsorte für Musik, Theater, Literatur und Tanz verwandelt.

Goebbels, Professor am Institut für Angewandte Theaterwissenschaften der Justus-Liebig-Universität (JLU), übernimmt die Intendanz der Ruhrtriennale 2012 bis 2014, deren Schauplätze die beeindruckenden Industriedenkmäler sind. Die Ruhrtriennale ist ein internationales Festival der Künste im Ruhrgebiet. Sie findet seit 2002 jährlich in einem Zyklus von jeweils drei Jahren unter wechselnder künstlerischer Leitung statt. Mit ihrer Struktur charakteristischer Spielstätten etabliert die Triennale einen unvergleichlichen Kulturstandort mitten in Europa.

Ein glamouröses Repräsentationsfestival hätte mich nicht interessiert, aber die Ruhrtriennale ist das nicht – sondern für die Künstler wie für das Publikum eine Einladung zur Auseinandersetzung mit den einzigartigen Räumen der Industriekultur", sagt der 58-jährige Goebbels. "Deswegen habe ich das Angebot gerne angenommen, und das wird auch einer der Schwerpunkte sein. Was ich für meine eigenen Produktionen anstrebe, hoffe ich auch für das Festival realisieren zu können: Theater als starke künstlerische Erfahrung, das Raum lässt für die Imagination der Zuschauer."

Die Intendanz von Prof. Goebbels ist eine weitere herausragende Auszeichnung für die Gießener Theaterwissenschaftler", freut sich JLU-Präsident Joybrato Mukherjee: "Dies ist ein weiterer Beleg dafür, dass die Gießener Theaterwissenschaft ein Schmuckstück mit nationaler und internationaler Strahlkraft ist."

Im März war Heiner Goebbels mit dem hochdotierten Kunstpreis des Landes Rheinland-Pfalz ausgezeichnet worden. Seine Professur in Gießen wird Goebbels auch während der Intendanz der Ruhrtriennale ausüben – allerdings mit reduziertem Deputat.

Der 1952 in Neustadt an der Weinstraße geborene Goebbels gehört zu den bedeutendsten Experten der gegenwärtigen Musik- und Theaterszene. Seine multimedialen Konzepte sprengen sowohl den tradierten Rahmen der Konzertmusik als auch den des herkömmlichen Theaters. Er setzt Raum und Licht, Wort und Bewegung ebenso virtuos ein wie Instrumente und Stimmen, erfundenes oder gefundenes Material, um damit seine musiktheatralischen Konzepte zu realisieren. Seit 1999 ist er Professor am Gießener Institut für Angewandte Theaterwissenschaften, das er seit 2003 auch als geschäftsführender Direktor leitet.

kro/pe

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