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Express Online: Thema der Woche
Express Online: Thema der Woche | 4. November 2010

"Grundsätzlich sind wir glücklich"

Marion Closmann
... betreibt die Marburger Kinos in vierter Generation. Urgroßvater Josef verwirklichte mit dem Capitol seinen Lebenstraum. Für die Zweiundvierzigjährige war immer klar, dass sie die Familientradition fortsetzen würde: "Ich habe schon als Fünfjährige mit Bauklötzen Kinos gebaut", sagt sie.
Bevor sie selbst ein neues Kino eröffnete, hatte sie jedoch eine gründliche Ausbildung hinter sich: Eine Banklehre, ein BWL-Studium sowie ein Job bei einem Filmverleih in London gehörten dazu. Seit 1996 steht sie für das Marburger Kino, zu dem heute 14 Kinosäle mit rund 2500 Plätzen zählen. Beteiligt ist sie auch an dem mit vielen Filmpreisen ausgezeichneten Programmkino am Steinweg.
Größte Investition war das Cineplex, der im Jahr 2000 eröffnete Glaspalast am Fuß der Oberstadt. Dabei hatte sie bemerkenswerte Unterstützung von Bürgern und Politikern der Stadt.
Am meisten Spaß macht ihr die Gestaltung des Filmprogramms mit Filmfesten und Events. Private Hobbys: Tauchen und Karate.
Gesa Coordes
10 Jahre Cineplex Marburg – Kinobetreiberin Marion Closmann im Interview

Express: In diesem Jahr feiert das Marburger Cineplex sein zehnjähriges Jubiläum. Hat sich die Investition gelohnt?
Closmann: Das kommt darauf an, wie man es betrachtet. Grundsätzlich sind wir glücklich. Das Cineplex Marburg ist eines der gut ausgelasteten Multiplexe Deutschlands und für Marburg absolut passend. Der finanzielle Bedarf dieses Großkinos ist eigentlich jenseits von Gut und Böse. Die Stromkosten, die Klimaanlage und die Wartung – das hätten wir vorher nicht für möglich gehalten. Wir hätten allerdings auch diese Umsätze nicht ganz so für möglich gehalten. Aber die schwanken. Die Fixkosten bestehen.

Express: Das klingt so, als wäre das Cineplex keine gute Idee gewesen ...
Closmann: Angesichts der immens hohen monatlichen Kosten bleibt die Frage, ob es nicht besser gewesen wäre, die alten Kinos gepflegt weiter zu betreiben. Aber meine Familie hat sich immer als zukunftsorientierte Kinobetreiber verstanden. Wenn wir es zu diesem Zeitpunkt nicht gemacht hätten, wäre ein Multiplex mit einem anderen Betreiber in Marburg eröffnet worden. So gesehen sind wir vielleicht etwas schneller den Schritt in die Zukunft gegangen.

Express: Und in Gießen gibt es noch kein Großkino ...
Closmann: In der Tat ist diese Situation günstig für uns. Nach einer Befragung kommen 15 Prozent unserer Besucher aus Gießen und Umgebung. Das wird sich leider etwas ändern, wenn im Herbst 2011 das neue Großkino in Gießen eröffnet wird.

Express: Wodurch zeichnet sich Ihr Programm aus?
Closmann: Wir verstehen uns in Marburg als Vollanbieter – mit 14 Leinwänden in einer Stadt mit 75.000 Einwohnern. Wir versuchen, nicht nach dem eigenen Geschmack auszusuchen. Da sind dann manchmal auch Filme dabei, die uns persönlich nicht so liegen. Filme, die wir mögen, rücken wir mit Aktionen, Reihen und Kooperationspartnern in den Mittelpunkt.

Express: Leiden Sie unter der Wirtschaftskrise?
Closmann: Generell ist Kino nicht so krisenanfällig. Die Leute verzichten eher auf einen Urlaub. Im Kino wollen sie dann aber lieber Unterhaltungsfilme sehen. Problembeladene Filme sind nicht so angesagt.

Express: In Marburg ist das Kino so beliebt wie fast nirgendwo in der Republik. Durchschnittlich neun Mal pro Jahr gehen die Marburger ins Kino – der Bundesdurchschnitt liegt bei ein bis zwei Kinobesuchen pro Jahr. Woran liegt das?
Closmann: In erster Linie liegt das meiner Meinung nach am umfangreichen Filmangebot und daran, dass über die Jahrzehnte hinweg gutes Kino angeboten wurde. Das schafft eine hohe Kinoaffinität. Dann kommt dazu, dass die meisten Kinogänger jüngere Leute unter 30 sind. Mit den Studenten haben wir die Stadt voller kinobegeisterter junger Menschen – auch wenn sie in den Semesterferien immer weg sind. Da kann man ganz viel ausprobieren. Außerdem ist Marburg eine relativ kleine Stadt mit einem überschaubaren Kulturangebot. Und wir bemühen uns, ein ausgewogenes Filmangebot zu bieten. Deshalb haben wir auch die traditionellen Kinos im Capitol gehalten. Da würde eine große Kinokette vermutlich sagen, dass mit den Kinos im Capitol kein Blumentopf zu gewinnen ist.

Express: In Marburg haben Sie jetzt drei Säle auf 3D aufgerüstet ...
Closmann: Das war ein wirklich schwerer Schritt, weil die Investition insgesamt sehr hoch ist. Aber die Nachfrage ist immens. Es ist unbeschreiblich, wie zufrieden und glücklich die Leute rausgehen. Wir hatten allein in "Ice Age 3" 36.000 Besucher. Und der Fantasyfilm Avatar kam unglaublich breit in der Bevölkerung an, seitdem haben die meisten 3D-Filme weiterhin begeistert. Avatar war mit 60.000 Besuchern der erfolgreichste Film der letzten 50 Jahre.

Express: Macht Ihnen das Heimkino Konkurrenz?
Closmann: Ja. Das Stammpublikum der 15- bis 25-Jährigen sitzt häufiger abends vor dem Rechner. Probleme macht auch die Piraterie. Viele Menschen haben kein Unrechtsbewusstsein. Man macht sich wirklich strafbar, wenn man einen raubkopierten Film aus dem Internet herunterlädt. Aber da gibt es Jugendliche, die erzählen sogar in der Öffentlichkeit, dass sie Kinofilme zuhause auf der Festplatte haben. Die schämen sich nicht einmal.

Express: Wo sehen Sie die Zukunft des Kinos?
Closmann: Wir bieten viel zusätzliches Angebot: z.B. einmal im Monat eine Liveübertragung aus der Metropolitan Opera in New York. Die Nachfrage ist sehr gut, und die Gäste sind hellauf begeistert, weil dieses Angebot qualitativ extrem gut ist. Als Robbie Williams eine neue Platte auf den Markt gebracht hat, haben wir das einzige Konzert live übertragen, das er dazu in London gemacht hat. Zukunft haben auch Tagungsveranstaltungen. Unternehmen mieten unsere Räume für Präsentationen, die sie oft dann noch mit einem schönen Film krönen.

Express: Verraten Sie uns ihren Lieblingsfilm?
Closmann: Einer meiner Favoriten ist "Drei Farben blau" mit Juliette Binoche. Aber auch "Avatar" hat mich sehr gefesselt und berührt. Das ist so ein Eindruck, wie ihn ein Kind hat, das zum ersten Mal ins Kino geht. Ich bin dreimal am Tag exakt zu der Szene, die ich am besten fand, aus meinem Büro herausgeflitzt, um zuzuschauen. Diese Faszination gibt es nur im Kino.

Interview: Gesa Coordes


Express Online: Thema der Woche | 4. November 2010

Gestresste Pflanzen

Info
Die Gesellschaft für Pflanzenzüchtung e.V. (GPZ) wurde 1991 nach der Wiedervereinigung aus der Gesellschaft für Pflanzenbauwissenschaften und einer entsprechenden Vereinigung in der ehemaligen DDR gegründet. Heute kommen die über 800 Mitglieder aus allen Bereichen der Pflanzenzüchtungsforschung in Deutschland, der Schweiz und Österreich.
"Genomics-based breeding" ist die Tagung der Sektion für "Genomanalyse" in der GPZ. Diese Sektion ist eine der aktivsten in der GPZ. 2012 wird die JLU Gießen auch die Haupttagung der Gesamt-Gesellschaft für Pflanzenzüchtung e.V. ausrichten.
Simone Ott
Tagung "Genom-basierte Züchtung" an der JLU Gießen

Die Genom-Analyse von Pflanzen und deren Bedeutung für die Züchtung stand im Mittelpunkt bei der Tagung "Genomics-based breeding" von Dienstag bis Donnerstag vergangener Woche. Sie wurde vom Institut für Pflanzenzüchtung unter der Leitung ihres Direktors Prof. Dr. Friedt ausgerichtet. Zur Begrüßung dankte er unter anderem den spendablen Sponsoren, mit deren Unterstützung die Tagungsgebühr niedrig gehalten werden konnte. Damit nicht der Eindruck entstand, die Sponsoren könnten Einfluss auf die Inhalte der Tagung nehmen, wurde ihnen elegant die Finanzierung der Pausen angerechnet. In den Pausen standen dann auch die TeilnehmerInnen in angeregten Gesprächen beisammen oder studierten die zahlreichen wissenschaftlichen Poster, die in weitere Themenfelder einführten.

Prof. Dr. Katja Becker, Vize-Präsidentin der JLU und selbst Naturwissenschaftlerin, begrüßte die ca. 200 Gäste. Sie hob den Ansatz "translating science" der JLU hervor, der (Natur-) Wissenschaft den Menschen wieder näher bringen wolle. Die NachwuchswissenschaftlerInnen würden in Gießen durch die Umsetzung von "Forschungstraining durch Forschung" an ihre Fachgebiete herangeführt. Dr. Nils Stein, der sich mit Prof. Dr. Andreas Graner die Leitung des Arbeitsbereiches "Genomanalyse" teilt, hielt den Eröffnungsvortrag zum Thema "Gerste – in den Startlöchern für genom-basierte Züchtung".

In den kommenden drei Tagen erläuterten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus der ganzen Welt in zahlreichen Vorträgen den derzeitigen Stand ihrer jeweiligen Arbeitsschwerpunkte.Einige bezogen sich auf eine bestimmte Pflanzenart, andere hatten sich auf bestimmte Methoden spezialisiert. Dabei ging es anders als bei gentechnischen Veränderungen von Pflanzen erst einmal darum, die Genome und Funktionsweisen der Pflanzengene zu entschlüsseln. Dafür vergleichen die WissenschaftlerInnen z.B. Millionen Jahre alte Vorfahren mit "modernen" Pflanzen der gleichen Art, oder verwandte Pflanzenarten miteinander, um ihre Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu untersuchen.

Am meisten ging es um Getreidesorten als wichtigste Nahrungsgrundlage weltweit, und dabei erstaunlicherweise oft um die jeweiligen Wintersorten, wie Prof. Friedt erläuterte. Er wies darauf hin, dass die Wissenschaft nicht mehr nur von einer "linearen Erwärmung" in Folge des Klimawandels ausginge. Die letzten Jahre hätten gezeigt, dass man auch von anderen extremen Wetterveränderungen ausgehen müsse, wie z.B. kalten Wintern. Andere Stressfaktoren für Pflanzen sind z.B. Krankheiten, weshalb auch in diesem Bereich mögliche Resistenzen untersucht werden. "Die Genomforschung ist schon nah an der Züchtung", freute sich Prof. Friedt. Im Vergleich zur gentechnischen Veränderung von Pflanzen seien die Ansprüche gestiegen, um komplexere Merkmale zu verstehen. Man wisse noch viel zu wenig über die Wechselwirkungen der Gene untereinander und der zwischen Genen und Umwelt (Epigenetik).

Ein Vortrag stach aus der allgemeinen Grundlagenforschung heraus: Dr. Vipula Shukla, Projektleiterin von ExZactTM bei DowAgroScience, stellte die neue Technologie vor, mit der eine passgenaue und gezielte Veränderung von Genomen möglich sein soll. Wider Erwarten der TagungsorganisatorInnen hatte Dr. Shukla die Einladung zur Vorstellung ihrer aufsehenerregenden Veröffentlichungen angenommen. Sowohl das Hinzufügen und Ausschalten oder Ausschneiden von Gensequenzen soll damit zielgenau möglich sein, als auch die Bearbeitung und Regulierung vorhandener Gensequenzen. Voraussetzung auch dieser Technologie sei natürlich eine genaue Kenntnis des kompletten Pflanzengenoms, hob Prof. Friedt auf Anfrage hervor. Und auch Dr. Shukla bestätigte, dass man sich sehr genau überlegen müsse, welche Veränderung man an welcher Stelle des Genoms vornehme, da es "gute und schlechte Nachbarschaft" innerhalb des Genoms gebe. Da dieser Vortrag als einziger eine eingetragene Handelsmarke eines bekannten Agrar-Multisvorstellte, blieb der Nachgeschmack eines Werbeaufrufs an die anwesenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, diese Methode in ihrem "favorisierten" Forschungsgebiet anzuwenden. Dr. Shukla lud die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ein, diese beim US-amerikanischen Agrar-Multi eingetragene Methode in ihrem "favorisierten" Forschungsgebiet anzuwenden. An dieser neuen Technologie wird deutlich, wie wenig zielgenau trotz aller Beteuerungen die vorangegangenen Verfahren sein müssen. Wir dürfen gespannt sein, ob nun diese Technologie eher ihre Versprechen halten kann als ihre Vorläufer.

Simone Ott

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