Freitag, 14. Mai 2021
Express Online: Thema der Woche | 25. November 2010

Oase mit lebenden Veteranen aus aller Welt

Zum 200-jährigen Jubiläum rückt der Alte Botanische Garten Marburgs ins Zentrum des geplanten Campus Firmanei

Das Kapital des Alten Botanischen Gartens am Fuß der Marburger Oberstadt sind seine Bäume: Riesentannen, Mammutbäume, Esskastanien, ahornblättrige Platanen, Sumpfzypressen, Dattelpflaumen und ein "Taschentuchbaum", dessen Blütenblätter an hübsche Taschentücher erinnern. Zum 200-jähriges Jubiläum steht das gartengestalterische Kleinod vor einem großen Umbruch: In den kommenden Jahren soll der Campus Firmanei rund um den knapp vier Hektar großen Park entstehen.

Dabei ist der Alte Botanische Garten überhaupt erst seit 1977 für Spaziergänger geöffnet. Bis dahin diente das Areal im Herzen der Stadt ausschließlich der Wissenschaft. 1810 vermachte König Jerome das Gelände – der frühere Lustgarten der Deutschordensritter – der Universität. Ein Nebenarm der Lahn speist den Teich, an dem heute die Enten gefüttert werden.

Gestaltet wurde der Garten vor allem von dem Botaniker Albert Wigand, der von 1847 bis 1886 an der Philipps-Universität lehrte: "Er wollte einen ganz wissenschaftlichen Garten haben", erklärt Pharmaziehistorikerin Barbara Rumpf-Lehmann. Um angehende Apotheker und Biologen besser auszubilden, legte er nach botanischen Familien und geographischer Herkunft geordnet Beete an.

Zugleich wurde ein großer Teil der Bäume gepflanzt, die heute den Wert des Gartens ausmachen: Die jüngst verstorbene Botanikerin Loki Schmidt liebte die alte Hainbuche, die aussieht, als sei sie von unzähligen Vogelnestern bedeckt. Genau genommen handelt es sich um einen Baum aus der Gruppe der mit Parasiten und Schmarotzern besetzten Bäume, der eigens mit dem Hexenbesenpilz infiziert wurde: "Der Pilz verkrüppelt die Äste", erklärt Gärtner Walter Rudl. Der höchste Baum ist heute ein knapp 40 Meter hoher Tulpenbaum aus der Magnoliengruppe. Auffallend sind die blauen Früchte des aus China stammenden Gurkenbaums. Weniger bekannt ist der Garten für seine Blumen, wenngleich die mit Schneeglöckchen, Krokussen, Märzenbechern und Wildtulpen übersäten Wiesen im Frühjahr viele Spaziergänger begeistern.

Seit der Neue Botanische Garten auf den Marburger Lahnbergen – einer der größten in Deutschland – eröffnet wurde, hat sich die Oase am Fuß der Oberstadt zu einem Naherholungsgebiet gewandelt. Die Beete sind längst verschwunden. Einzig der Heilkräutergarten liefert angehenden Apothekern Arzneipflanzen für ihre Prüfungen.

Heute ziehen Studierende aus dem Hörsaalgebäude und den nahen Uni-Instituten mit Fachbüchern und Arbeitsgruppen auf die Liegewiesen. Familienkommen an den von Moorbeetpflanzen und Rhododendren umrahmten Teich, der auch Eisvögel, Eichelhäher und Pirole anzieht. Gelegentlich dringen – je nach Können – angenehme Melodien oder schräge Klänge in den Garten. Im ehemaligen Verwaltungsgebäude des Parks liegt nämlich das Musizierhaus der Universität. Hier können Studierende Trompete oder Klavier üben, ohne Nachbarn auf die Nerven zu gehen.

In Zukunft wird sich der kleine Park deutlich mehr bevölkern. Hinter dem 135 Jahre alten Institut für pharmazeutische Biologie am Nordrand soll ab 2012 die drei- bis viergeschossige zentrale Universitätsbibliothek gebaut werden, ein 200 Meter langer, 25 Meter breiter Neubau mit einem Untergeschoss. Der Freundeskreis des Alten Botanischen Gartens sorgt sich angesichts der geplanten Großbaustelle um den Grundwasserspiegel: "Wir fürchten, dass die Bäume Schaden nehmen", sagt Vorsitzende Bärbel Kaufmann. An der Westseite sind weitere Uni-Institute geplant.

Gesa Coordes


Express Online: Thema der Woche | 25. November 2010

Von Stromkosten und Stromrebellen

Es geht auch ohne Atomstrom: Vortrag von Stromrebellin Ursula Sladek am 26. November

Wer verursacht die steigenden Stromkosten? Ist es tatsächlich so, dass der Boom der erneuerbaren Energie den Strompreis nach oben treibt? Sind die vielen privaten Besitzer von Solarzellen und die Windparkbetreiber die Preistreiber? Bei ihrem Vortrag "2. Halbzeit!" am 26. November in Langgöns gibt Ursula Sladek, Geschäftsführerin der Elektrizitätswerke Schönau darauf Antworten, die der Atomlobby und der vor den großen Energiekonzernen kuschenden schwarz-gelben Bundesregierung nicht passen werden.

Die ausgebildete Lehrerin Sladek gehört zu den Gründungsmitgliedern der als "Stromrebellen" bekannt gewordenen Elterninitiative, die nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl 1986 den Kampf gegen die Atomindustrie aufgenommen hatte. Mit Erfolg: 1997 übernahm die Bürgerinitiative , die Stromversorgung ihrer Gemeinde, ein deutschlandweit einmaliger Vorgang.

Mittlerweile werden alle Stromkunden in Schönau im Schwarzwald mit Strom aus regenerativen Energien und Kraftwärmekopplungsanlagen beliefert. Die Gemeinde in Baden-Württemberg mit rund 2.500 Einwohnern ist atom- und kohlestromfrei.

Und: Rund 98.000 Stromkunden (in ca. 750 Netzgebieten)haben sich bereits bundesweit für die Elektrizitätswerke Schönau entschieden. Dabei ist nicht nur das konsequent ökologische Handeln im eigenen Netz und der saubere Strom Mix ausschlaggebend, sondern vor allem die Förderung neuer ökologischer Stromproduktion. Rund 70 Prozent der verkauften Strommenge stammt im Jahr 2010 nach Angaben der Elektrizitätswerke Schönau aus sogenannten Neuanlagen (nicht älter als 6 Jahre).

Die Elektrizitätswerke Schönau wollen freilich mehr als ein Stromversorger sein. Die vielfach ausgezeichente Initiative (u.a. Utopia Award, Deutscher Energiepreis, Europäischer Solarpreis) will Mut machen, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen, zu verändern und gestalten. Auf den Schönauer Stromseminaren treffen immer wieder Menschen, die aus gleichem Interesse gemeinsame Projekte planen und ausführen.

Der Vortrag "2. Halbzeit!" im Evangelische Gemeindezentrum Langgöns am Freitag, 26. November, beginnt um 19.30 Uhr

Arbeitskreis Leben nach Tschernobyl

Ursula Sladek ist eingeladen vom Arbeitskreis Leben nach Tschernobyl in der evangelischen Kirchengemeinde Langgöns, der dieses Jahr seinen 20. Geburtstag feiert: 1990, zum vierten Jahrestag der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl, organisierte der Gießener Pädagoge Gerhard Keller in Zusammenarbeit mit zahlreichen Umweltgruppen einen Vortrag unter dem Titel "Leben nach Tschernobyl". Hauptredner war Wladimir Sakowitsch, ehemaliger Oberst der Roten Armee, der nach dem GAU im Atomkraftwerk von Tschernobyl für die Evakuierung tausender Menschen verantwortlich war.

Sakowitsch, berichtete dass es in den ersten Tagen nach der Katastrophe lediglich gelungen sei, Kinder aus einem Radius von 10 Kilometern um den brennenden Reaktor zu evakuieren. Weitere 40 Tage habe man benötigt, um 25.000 Menschen aus den betroffenen Gebieten zu transportieren, von denen viele nur unter größten Schwierigkeiten zur Aufgabe ihrer Heimat bewegt werden konnten.

Zwei Wochen später hielt Anatolij Artemenko, ein Dozent der technischen Hochschule in Kiew, dessen Elternhaus sich in Tschernobyl befindet und dessen Familie evakuiert werden musste einen Vortrag in der evangelischen Kirchengemeinde Gießen-Kleinlinden. Artemenko war ein Jahr nach der Katastrophe durch das Sperrgebiet gefahren: "Die von ihm gezeigten Bilder und Videofilme waren erschütternd", erinnert sich Gerhard Keller. Er versprach Artemenko, Spenden für die medizinische Betreuung der Evakuierten zu sammeln und setzte sich mit dem Langgönser Pfarrer Eberhard Klein zusammen, der sich damals ebenfalls mit dem Thema Tschernobyl beschäftigte. Eine von Klein geplante Reise mit dem Arbeitskreis "Frieden" nach Kiew sollte dazu genutzt werden, die medizinische Hilfe direkt in Borispol zu übergeben. Nach Rückkehr von der Begegnungsreise Ende September 1990 war ein Fazit der Teilnehmenden: "Den Menschen, die wir kennengelernt haben, wollen wir helfen!"

Am 19. Oktober 1990 wurde der Arbeitskreis "Leben nach Tschernobyl" in der ev. Kirchengemeinde Langgöns gegründet. Die erste Hilfssendung hatte einen Wert von 3880 DM. Seit der Gründung konnte der Arbeitskreis humanitäre Hilfe im Wert von 10 Mio. Euro in die Ukraine bringen. Infos: www.ak-tschernobyl-langgoens.de

kro/pe

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