Dienstag, 18. Mai 2021
Express Online: Thema der Woche | 5. Mai 2011

"Revanche- und Rachegelüste"

Johan Galtung
Der1987 mit dem alternativen Nobelpreis ausgezeichnete Norweger Johan Galtung gilt als einer der Gründerväter der internationalen Friedensforschung. 1959 gründete er mit dem International Peace Research Institute in Oslo das erste Friedensforschungsinstitut Europas.
Der 80-jährige promovierte Mathematiker und Soziologe lehrte an über 30 Universitäten weltweit, darunter auch Princeton sowie an zahlreichen Universitäten im deutschsprachigen Raum.
In den vergangenen 50 Jahren hat Galtung in über 150 internationalen Konflikten als Berater vermittelt. 1993 gründete er Transcend International, ein Netzwerk für Frieden, Entwicklung und Umwelt. Neben dem alternativen Nobelpreis wurde der Friedensforscher u.a. mit den Gandhi Preis, dem norwegischen Brage-Literaturpreis und dem Koreanischen DMZ Friedenspreis ausgezeichnet.
Termine:
Di. 10. Mai – 9:00-11:00 + 13:00-15:00, Workshop mit Prof. Johan Galtung an der Gießener Justus-Liebig-Universität zur Methodik der lösungsorientierten Konfliktanalyse und Konflikttransformation anhand der Geschehnisse in Tunesien, Libyen, Ägypten und Saudi Arabien (begrenzte Teilnehmerzahl: Anmeldungen über www.galtung-institut.de/hessen)
Di. 10. Mai – 19:00 – 22:00 Uhr, Öffentlicher Vortrag Prof. Johan Galtungs im Audimax der Universität Gießen (Philosophikum II, Karl-Glöckner-Straße 21a)
Thema: "Diagnose – Prognose – Therapie. Lösungsorientierte Konfliktbearbeitung für Europa inkl. Ost-Europa"
Johan Galtungs Besuch an der Uni Gießen wird vom Galtung-Institut für Friedenstheorie und -praxis und Prof. Hanne Birckenbach vom Gießener Zentrum Östliches Europa (GiZO) in Zusammenarbeit mit dem Institut für Politikwissenschaft und dem AStA der Justus-Liebig-Universität organisiert. Die Veranstaltungen werden durch die GEW und das hessische Justizministerium gefördert.
kro
Friedensforscher Johan Galtung über den Krieg in Libyen und die Zurückhaltung des Westens in Syrien

Express: Gaddafis Truppen standen kurz davor, in Benghazi einzumarschieren, als das westliche Bündnis nach langem Herumlavieren militärisch eingeschritten ist. Ohne die Luftangriffe wäre der Aufstand in Libyen blutig niedergeschlagen worden. Sie sagen aber, dass die Luftangriffe falsch sind. Warum?
Johan Galtung: Nun, was genau passiert wäre, wenn Gaddafi Benghazi eingenommen hätte, wissen wir nicht; festzustellen ist aber, dass in anderen Städten die er zurückerobert hat, bisher keine grausamen Gewaltakte an der Bevölkerung ausgeübt werden. Was ich in diesem Zusammenhang vor allem beobachte, ist eine für Gaddafi typische Rhetorik, die seinem ohnehin schon schlechten Ruf nichts Gutes hinzufügt.
Zudem ist es auch aktenkundig, dass der CIA mindestens seit 1981 darauf hingearbeitet hat, eine solche Krise als Vorwand zu nutzen, um Gaddafi loszuwerden. Sehen Sie, wenn die US-Außenpolitik in den letzten Wochen der Zivilbevölkerung in Bahrain, im Jemen oder etwa in Syrien – ganz zu schweigen von Gaza – auch nur einen Bruchteil der Aufmerksamkeit schenken würde, die sie Libyen – gelinde gesagt – haben "zukommen lassen", dann wäre ihr gegenwärtiger Aktionismus wenigstens glaubwürdig.

Express: War der Luftkrieg in der dramatisch zugespitzten Situation nicht die letzte Möglichkeit, den Rebellen zu helfen? Sanktionen und das Sperren von seinen Konten haben den Diktator bei seinem brutalen Vorgehen in keiner Weise beeindruckt.
Galtung: Raketen, die von einem Flugzeugträger aus ausschließlich auf libysche Kampfflugzeuge gefeuert worden wären, um diese außer Gefecht zu setzen, wären mit der Idee dieser sogenannten Flugverbotszonen kompatibel gewesen. Aber das ist weder das, was sie seither getan haben, noch das, was sie gegenwärtig tun. Das Ziel ist und bleibt offenkundig ein Regimewechsel. Das ist im Übrigen auch das Ziel, dass durch diese Art der Außenpolitik in so vielen anderen Staaten verfolgt wird und allen voran gerne im Iran umgesetzt würde.

Express: Welche anderen Möglichkeiten hätte es denn aus Ihrer Sicht gegeben, um den Aufständischen zu helfen?
Galtung: Es bedarf der richtigen Denkprämisse. Gestatten Sie die Rückfrage: Warum sollten wir uns auf die Aufständischen einschießen? Warum nur dieser Teilmenge der bedürftigen Gesamtbevölkerung zu Hilfe eilen? Wäre es nicht naheliegender, wenn nicht gar gebotener, der libyschen Bevölkerung, den libyschen Menschen insgesamt, zur Hilfe zu eilen? Die meisten Menschen wissen noch nicht einmal, wer diese Rebellen sind und wofür sie stehen. Was sich aber bisher abzeichnet ist, dass sie es auf das abgesehen haben, was Gaddafi gegenwärtig besitzt: nämlich die durchsetzungsfähige Staatsgewalt in Libyen. Die jetzige Konfliktkonstellation ist eindeutig: Der Sieg der einen Partei erfordert die Niederlage der anderen Partei. Da es keinen eindeutigen Sieg geben wird, werden Revanche- und Rachegelüste zu Triebfedern der folgenden Scharmützel. Die Konsequenz aus solchen Konstellationen ist vorprogrammiert: Die kriegerischen Auseinandersetzungen sind somit dazu verdammt, wieder und wieder aufzuflammen.

Express: Heißt das, Sie sehen keine Lösung für Libyen?
Galtung: Es gibt aus Sicht des Galtung-Instituts und der Transcend-Methode, mit der wir arbeiten, mindestens drei andere Denkansätze und Szenarien, die westliche Kommentatoren nur allzu gerne ignorieren, oder schlicht nicht kennen:
Erstens: "Die Weder-Noch-Option": Weder Bombardierung und Besatzung durch die NATO, der USA oder der EU – also wie die Beispiele in Bosnien und Kosovo – noch sonstiges verfolgen irgendeines Interesses einer der Konfliktparteien.
Zweitens: Die "Kompromiss-Lösung": Dem entspräche die Teilung des Landes in zwei Staaten mit einer "bevorzugten" pro-westlichen Regierung auf der einen Seite und einem "Paria-Staat" auf der anderen. Dies wird in der Geschichte etwa an dem Verhältnis von Nord- und Süd-Korea oder seinerzeit Vietnam illustriert. Hervorzuheben sind unter den bedenklichen Konsequenzen dieser Option besonders die Traumata, die sich aus der Trennung der fortan gespaltenen Bevölkerung ergeben.
Drittens: Die "Sowohl-als-Auch- Lösung": Gaddafi tritt zurück, wird zu einer Art Ehrenpräsident ohne exekutive Reichweite, womit seinen durchaus vorzeigbaren, brauchbaren Leistungen der letzten dreißig Jahre genüge getan würde. Unter diesen Vorzeichen würde sich Libyen weiterhin, unter differenzierter Berücksichtigung der eigenen politischen Kultur, demokratisieren und nicht etwa nach dem Diktat westlicher demokratischer Mehrparteiensysteme und nationaler Wahlen, die, wie wir nur zu gut wissen, allzu leicht durch Geldschiebereien zu manipulieren sind. Diese dritte Entwicklungsoption entspricht in etwa den Punkten, für die auch die BRIC Staaten (die sich allesamt im Sicherheitsrat enthalten haben), die Afrikanische Union, womöglich auch Deutschland, und bemerkenswerter Weise die Türkei, deren Bedeutung als wichtiger Akteur der internationalen Beziehungen rasant zunimmt, stehen. Diesem dritten Szenario würde auch ich eher mein Votum geben.

Express: Sie behaupten, dass Gaddafis Profil nicht so negativ ist, wie das von Mubarak und Ben Ali?
Galtung: Mubarak und Ben-Ali waren Autokraten und Kleptokraten, die sich in den Augen ihrer eigenen Bevölkerung in den letzten dreißig Jahren vor allem dadurch profiliert haben, dass sie sich ganz in den Dienst solcher Mächte gestellt haben, die vor nicht all zu langer Zeit die arabische Welt kolonialisiert haben oder gar mit ihr Krieg geführt haben. Opportunistische Bündnisse und milliardenschwere Geschäfte mit Italien, Großbritannien und Frankreich, später dann mit den USA, und letztlich auch Israel haben Autokraten wie Ben-Ali und Mubarak von ihrer Basis entfremdet. Gaddafi ist zweifelsohne ein gemeiner Autokrat, der die wirtschaftliche Entwicklung seines Landes durch die Ausbeutung von Gastarbeitern vorangetrieben und beachtliche Teile der Einkommen des Staates in die Taschen der eigenen Familie gewirtschaftet hat.

Express: Da sehe ich noch keinen Unterschied zu Mubarak und Ben Ali.
Galtung: Wenn wir von Gaddafis politischen Kapital sprechen, dann kann ihm eines nicht vorgeworfen werden: Er hat sich nie vom Westen kaufen lassen und sich nicht in den Dienst besagter Mächte gestellt, die stets daran gearbeitet haben, ihn zu marginalisieren. Sehen sie sich seine gesamte Bilanz an. Er hat, und damit wird er vergleichbar mit Ägyptens Nasser, 1969 der Monarchie in Libyen ein Ende gesetzt und damit zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Indem er König Idriss' Herrschaft beendete, kappte er auch den westlichen Zugriff auf die Geschicke Libyens. 1970 hat er einen monumentalen US-Militärflugplatz aus dem Land verwiesen, hat daraufhin gefordert, dass die OPEC adäquate Preise für das arabische Öl-erhält, hat Behausungen für Familien aus Niedriglohnschichten der Gesellschaft bauen lassen usw. usf. Die Liste der loyalitätsfördernden Staatshandlungen, die auf seine Initiative und auf sein politisches Geschick zurückgehen, ist lang. Länger jedenfalls als die von Mubarak und Ben Ali. Das erklärt auch, weshalb der Widerstand gegen deren Regime so unzweideutig war.

Express: Auch in Libyen sind unzweideutig tausende Menschen gegen Gaddafis Regime auf die Straße gegangen ...
Galtung: Aber Gaddafis Bilanz ist in der Bevölkerung des Landes durchaus ambivalent. Es ist also nachvollziehbar, dass die Opposition, die jetzt gewaltsam von der NATO unterstützt wird, von Anfang an kein Interesse an gewaltlosen Protesten hatte. Die Realität in Libyen gebietet den Dialog zwischen den Bevölkerungsteilen. Die Opposition fürchtet diesen Dialog und freut sich umso mehr über das apodiktische Vollstreckungsmandat der NATO, die wohlwissend den notwendigen innenpolitischen, versöhnlichen Dialogs unterminiert.

Express: Zurzeit scheint es ein Patt zu geben. Wie lange wird sich Gaddafi noch halten können?
Galtung: Die NATO will einen Regimewechsel herbei bomben und meint, dass es genügt den Menschen zu ermorden, um dieses Ziel zu erreichen. Also werden die Entscheidungsträger der NATO weiterhin ihr Bestes tun, um ihn umzubringen. Ganz so wie sie es bereits 1986 mit seiner Tochter taten und es allem Anschein nach jetzt auch wieder mit seinem Sohn und seinen Enkelkindern vollbracht haben. Es ist durchaus denkbar, dass es Ihnen letztlich gelingt, ihn zu ermorden. Meine Einschätzung der Situation ist die folgende: Wenn man weiß, wie sehr Gaddafi sein eigenes Selbstwertgefühl in der Tradition der Beduinen verwurzelt sieht, liegt die Annahme nahe, dass er lieber in Ehre und Würde zu sterben gewillt ist, als zu kapitulieren oder im Ausland das Asyl zu suchen. Das Problem an der Sache ist lediglich – genauso wie bei Osama Bin Laden, Saddam Hussein oder, um ein heimisches Beispiel zu nennen, Adolf Hitler: nur weil diese Menschen tot sind, verschwinden ihre Ideologien noch lange nicht. Gaddafi umzubringen wird nicht dazu führen, dass "Gaddafismus" aus der Welt verschwindet. Jemand sollte das der NATO mal erklären.

Express: Wo hat Gaddafi den größten Rückhalt in Libyen?
Galtung: Vor allem im Süden Libyens definieren sich ganze Bevölkerungsteile mit tribalen Loyalitätsbindungen als Anhänger Gaddafis. Unsere westliche Propaganda setzt uns konstruierte Bilder dieser komplexen Gesellschaften vor und gaukelt uns vor, es handle sich dort stets um eine "one man show" bei der es, ähnlich wie in Orwells 1984, genüge, die Frontfigur zu hassen und zu eliminieren. Siehe Castro, Mao, Ho chi Minh, Kim Il Sung, Milosevic, Saddam Hussein, Osama bin Laden, Mullah Omar, Robert Mugabe usw. usf. Die Liste ist lang und es ist verwunderlich, dass dieser Trick noch immer Wirkung zeigt. Die Folge ist, dass der Westen dann immer glaubt, dass mit dem Verschwinden dieser Menschen, auch die zugrundeliegenden Widersprüche verschwinden. Diesem Fehler ist die westliche militarisierte Außenpolitik im Irak und in Afghanistan bereits aufgesessen. Diese beiden Fälle sind denn auch die vergleichbarsten Fälle zu der gegenwärtigen Intervention in Libyen. Meine Einschätzung ist, dass dieser Krieg in Libyen ohne weiteres einen 20-jährigen Krieg nach sich ziehen könnte, sollte die NATO einen Bodenkrieg in Erwägung ziehen. Der Widerstand gegen eine etwaige NATO-Besatzung würde wüten bis die NATO, gleich dem italienischen Rückzug aus dem Land im Jahr 1951, des Landes verwiesen würde. De facto ist die NATO jetzt erneut auf einem zweiten desaströsen Kurs. Im Verlauf dieser Handlungen wird sie viele, allzuviele Menschen töten.

Express: In Syrien spitzt sich die Lage weiter zu. Auch Staatschef Assad geht mit Panzern und Scharfschützen gegen die eigene Bevölkerung vor. Die internationale Gemeinschaft protestiert und will Sanktionen – hat aber Angst vor einer Intervention wie in Libyen ...
Galtung: Die syrische Opposition tendiert ganz eindeutig eher zur Gewaltlosigkeit. Nach der gängigen Argumentation wäre es nachvollziehbarer gewesen, vorrangig diese Bevölkerung zu schützen. Stattdessen hat sich der Westen bemerkenswerter Weise die schlimmsmögliche Interventionskulisse ausgesucht und die unvernünftigste Beteiligungsform gewählt: Zum einen mischt sich der Westen schlicht und ergreifend in einen Bürgerkrieg ein, und zum anderen hat er dabei Partei für eine der Bürgerkriegsparteien ergriffen, anstatt sich der Gesamtbevölkerung zu widmen. Wenn Sie nach einer Lösung fragen, möchte ich Sie erneut auf das "Sowohl-Als-Auch" Modell verweisen. Aber bedauerlicherweise fehlt es dem Westen an Diplomaten, die friedenswissenschaftlich geschult sind. Sehen Sie, gewöhnliche Diplomaten sind nur darin geschult, die Interessen und die Werte Ihres eigenen Staates durchzufechten und verwechseln diese dann mit "Frieden".
Diese vom Galtung-Institut und von Prof. Hanne-Margret Birkenbachs Lehrstuhl für Politikwissenschaft veranstalteten Workshops und Abendvorträge in Gießen sind letztlich eine Demonstration der differenzierten Alternativen zu dieser kontraproduktiven Denke, die wir Friedensforscher in den letzten 50 Jahren entwickelt haben. An unseren beiden Instituten werden Denkweisen und Verfahren gelehrt, die ethisch und praktisch etwas weiterentwickelt sind als diese antiquierten und mörderischen militärischen Einsätze, die die Konfliktlagen etwa in Afghanistan, im Irak und nun auch in Libyen augenscheinlich nur verschärft haben.

Interview: Georg Kronenberg

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