Dienstag, 18. Mai 2021
Express Online: Thema der Woche | 19. Mai 2011

Studentenleben in der Provinz

Klein, kleiner, Frankenberg: Außenstelle der Technischen Hochschule Mittelhessen hat weder Mensa noch Bibliothek

Hochschul-Außenstelle Frankenberg
Die Außenstelle Frankenberg der Technischen Hochschule Mittelhessen gibt es seit 2009. Sie wurde auf Initiative von örtlichen Unternehmen und des Landkreises eingerichtet.
Angeboten wird der Masterstudiengang Prozessmanagement sowie der Bachelor-Studiengang Ingenieurwesen mit den Fachrichtungen Maschinenbau und Elektrotechnik.
Das Studium Plus der Technischen Hochschule Mittelhessen ist ein vollwertiges Hochschulstudium plus Berufserfahrung. Die Studierenden sind an der Technischen Hochschule Mittelhessen immatrikuliert und haben gleichzeitig einen Studienvertrag mit einem Unternehmen aus der Region. Sie erhalten eine monatliche Vergütung. Zudem zahlen die Unternehmen monatlich 250 Euro pro Student an die Hochschule.
Das duale Angebot mit Sitz in Wetzlar hat Außenstellen in Frankenberg, Bad Wildungen (Wirtschaftsinformatik), und Bad Hersfeld (Logistikmanagement).
Weitere Informationen: www.studiumplus.de
gec

Beim Blick aus dem Hörsaal schauen die Studenten auf kleine Schrebergärten. Ein Pferd grast auf einer Wiese. Zum Wegträumen hat Elektrotechnikstudent Christoph Münch gleichwohl keine Zeit. Er sitzt mit nur zwei anderen Studenten – mehr Hochschüler hat seine Fachrichtung nicht – und dem Dozenten im Hörsaal: "Wegducken kann man sich da nicht", sagt der 25-Jährige. Fehlen sollte besser auch keiner.

In der Außenstelle Frankenberg der Technischen Hochschule Mittelhessen ist vieles anders als an "normalen" Hochschulen. Es gibt keine Mensa, keinen Asta, kein Studentenwohnheim – noch nicht einmal eine Bibliothek. Der größte Hörsaal ist für nur 40 Hochschüler konzipiert. Und er soll jetzt geteilt werden, weil eigentlich noch kleinere Räume gebraucht werden. Im ehemaligen Gesundheitsamt am Standort Frankenberg studieren nämlich nur 41 junge Leute – 33 Männer und acht Frauen.

Fast alle kommen aus der Region rund um die 19 000-Einwohner-Stadt nördlich von Marburg. Fast alle wohnen noch im Elternhaus.

Man verpasst so ein bisschen das Studentenleben", räumt Christoph Münch auf Nachfrage ein. Er muss es wissen. Der 25-Jährige hat nämlich vorher Medienwissenschaften in Augsburg studiert. Doch die Ziellosigkeit des Studiengangs machte ihm zu schaffen. Nach einem Ferienjob bei einem Photovoltaikunternehmen im benachbarten Edertal sattelte er um. Jetzt steht ein Unternehmen hinter seinem Studium: "Das hilft bei der Selbstmotivation unheimlich."

Das Hochschulangebot in der Provinz ist nämlich Teil des so genannten "Studium Plus" der Technischen Hochschule Mittelhessen. Dabei handelt es sich um einen dualen Studiengang, bei dem die Hochschüler die Hälfte ihrer Zeit in einem Unternehmen arbeiten. Obgleich an der Hochschule immatrikuliert, bewerben sie sich bei den Firmen. Deshalb zahlen ihnen die Unternehmen Geld fürs Studieren – in der Regel den Bafög-Höchstsatz. Masterstudenten bekommen sogar ein richtiges Gehalt. Dafür müssen die jungen Leute aber auch härter arbeiten. Die Bachelor-Studierenden sind in den Semesterferien sowie während des gesamten fünften Semesters in den Betrieben. Die Masterstudenten können überhaupt nur alle zwei Wochen von Donnerstag bis Samstag studieren.

Trotzdem sind die Hochschüler sehr zufrieden, weil sie gut betreut werden. "Die Dozenten kennen uns. Sie gehen auf alle Fragen ein", erzählt Maschinenbaustudent Dennis Schäfer. Auf die 41 Studierenden kommen 19 Dozenten, viele aus der Praxis. Gelehrt wird nicht nur Technik und Projektmanagement sondern auch Wirtschaftsenglisch, Betriebsethik und sogar Etikette. Die fehlende Bibliothek wird weitgehend durch E-Books ersetzt.

Dennis Schäfer hätte ohne dieses besondere Angebot wohl kaum studiert. Nach der Realschule absolvierte er eine Ausbildung als technischer Zeichner bei dem großen Heizungsbauer Viessmann aus dem benachbarten Allendorf-Eder. Der Ehrgeiz packte ihn erst, nachdem er zweieinhalb Jahre im Entwicklungsbüro des Unternehmens im chinesischen Shanghai arbeitete. Er holte das Fachabitur mit einem Notenschnitt von 1,1 nach. Viessmann meldete ihn für das Studium an.

Insgesamt hat die Außenstelle 30 Partnerunternehmen. Das reicht von der kleinen Softwarefirma über ein Druck- und Spritzgusswerk und die Stadtwerke Frankenberg bis zum Touristikservice, erklärt Studienorganisatorin Gesa Deinert. Die Betriebe wollen damit Fachkräfte in Waldeck-Frankenberg halten. Zudem geht die Hochschule auf den Bedarf der Unternehmen ein, sagt Georg Glade, Ausbildungsleiter des wichtigsten Partnerunternehmens Viessmann. Die Absolventen bräuchten nach dem Studium keine Einarbeitungsphase: "Die Investition lohnt sich", weiß der Ausbildungsleiter. Auf der anderen Seite können sich die Studierenden sicher sein, anschließend einen Job zu haben.

Bis dahin will Dennis Schäfer aber noch einmal über den Frankenberger Tellerrand hinausblicken. Für den Herbst plant er ein Auslandssemester in der dänischen Hafenstadt Horsens in Ostjütland. Nicht so riesig wie die Millionenstadt Shanghai, aber doch viermal so groß wie Frankenberg.

Gesa Coordes

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