Sonntag, 16. Mai 2021
Express Online: Thema der Woche | 9. Juni 2011

Der Kopf klärt sich beim Wandern

"Wanderpapst" Rainer Brämer über den neuen Trendsport, abwechslungsreiche Landschaften und die grandiosen Aussichten von Mittelhessen

Der Marburger Natursoziologe Rainer Brämer gilt als deutscher "Wanderpapst". Seit 20 Jahren befasst er sich wissenschaftlich mit dem Wandern. Rund 18.000 Wanderer hat er im Rahmen von Profilstudien mit seinen Studierenden befragt. 100 deutsche Wanderwege hat er konzipiert. Im Interview mit dem Express spricht er über den idealen Wanderweg, die nicht mehr spießigen Gäste und die wirtschaftlichen Chancen.

Express: Das Wandern erlebt seit Jahren einen Boom. Woher kommt der Trend?
Brämer: Das hängt mit der dauernden Kopf-Sitz-Arbeit und der technischen Entwicklung zusammen, die uns selber manchmal ein bisschen über den Kopf steigt. De facto leben wir praktisch nur noch in Kunsträumen. Das ist ein Lebensstil, der unsere mentalen Fähigkeiten überanstrengt. Da bietet das Wandern echte Erholung. Der Kopf klärt sich, wenn wir in die Natur gehen. Damit bringen wir unsere Psyche relativ schnell wieder ins Lot. Wer oft ins Grüne geht, kann sich auch besser konzentrieren. Das baut Stress ab und verbessert die Stimmung.

Express: Ist das Wandern denn gar nicht mehr spießig?
Brämer: Man hat immer gedacht, das Wandern sei ein Auslaufmodell und dass nur noch Rentner unterwegs seien. Aber dann hat sich herausgestellt, dass vor allem Menschen aus der Mittelschicht wandern. Das sind Altersgruppen, die mitten im Beruf stehen. Das sind keine spießigen Menschen. Das ist für den Tourismus und die Ausrüstungsindustrie ein modernes, sehr attraktives Publikum. Dadurch gab es ein neues Image.

Express: Wie muss ein Weg aussehen, um Wanderer zu begeistern?
Brämer: Im Grunde genommen sollte der Wanderweg mit einem Portal beginnen. Dann ist Abwechslungsreichtum das Entscheidende: schöne Wälder, offene Landschaft, möglichst viel Wasser, Felsen, Sehenswürdigkeiten. Man sieht natürlich auch gern eine Burg oder ein hübsches Dorf. Aussichten spieleneine ganz große Rolle. Asphaltwege, Verkehrslärm, Gewerbegebiete, Industrieanlagen und Siedlungen sind unerwünscht.

Express: Sind die Wanderer immer noch eine unterschätzte Gästegruppe?
Brämer: Nein. Die neuen Wanderprojekte führen auf einmal Gäste in Regionen, wo sie vorher über Jahrzehnte verschwunden waren. Im Umfeld dieser wirklich ausgesucht schönen Wege werden die Gaststätten wieder aufgemacht und die Häuser können wieder verkauft werden. Am eindrucksvollsten ist dieser Effekt am Rothaarsteig gemessen worden, von dem eine Wirtschaftsprüfungsgesellschaft ermittelt hat, dass der Steig einen Umsatz von über 30 Millionen Euro pro Jahr in die Region bringt.

Express: Was bietet Mittelhessen als Wanderregion?
Brämer: Mittelhessen ist weit fortgeschritten bei der Entwicklung von Premiumwanderwegen, vor allen Dingen als Tagestouren. Zu sehen ist dies zum Beispiel im Burgwald, im Ederbergland und im Lahn-Dill-Bergland. Dabei merken auch die Einheimischen, wie schön ihre eigene Landschaft ist.

Express: Das heißt, dass Mittelhessen eine geeignete Landschaft für Wanderer hat?
Brämer: Auf jeden Fall. Früher haben wir gedacht, dass Schwarzwald, Bayerischer Wald und Allgäu die großen Wanderlandschaften sind. Jetzt stellen wir fest, dass die Mittelgebirge mit ihren eher offenen, abwechslungsreichen Landschaften eigentlich viel besser beim Wandergast ankommen. Die Aussichten sind hier genauso grandios wie auf einem Eineinhalb-Tausender. Aber man muss sich weniger anstrengen.

Interview: Gesa Coordes


Express Online: Thema der Woche | 9. Juni 2011

Verkehrslärm und Gesundheit

Universität Gießen beteiligt an großer Studie im Rhein-Main-Gebiet über Auswirkungen von Verkehrslärm auf die Gesundheit

Wie wirkt sich der Lärm von Flug-, Schienen- und Straßenverkehr im Rhein-Main-Gebiet auf die Gesundheit und Lebensqualität der Wohnbevölkerung aus? Dieser Frage gehen neun renommierte Forschungs- und Fachinstitutionen der Medizin, Psychologie, Sozialwissenschaft, Akustik und Physik nach – darunter das Institut für Hygiene und Umweltmedizin (IHU) der Justus-Liebig-Universität

Ziel der groß angelegte Lärmwirkungsstudie ist die möglichst repräsentative und wissenschaftlich abgesicherte Erforschung der Wirkung von Verkehrslärm. Die Lärm-Untersuchungen im Rhein-Main-Gebiet finden im Hinblick auf den Fluglärm in einer besonderen Situation statt: Der Flughafen wird im Oktober eine neue Landebahn in Betrieb nehmen. Es wird tagsüber mehr Flugbewegungen geben, dafür sollen in der Nacht weniger Flugzeuge fliegen, wobei noch unklar ist, wie viele Flugbewegungen es endgültig sein werden. Weiterhin werden einige Flugrouten und Flugverfahren geändert, so dass mancherorts Wohngebiete am Tage etwas stärker belastet werden als andere. Darüber hinaus werden einige Wohngebiete nachts stärker entlastet als andere. Niemand kann genau vorhersagen, wie sich diese komplexen Änderungen auf die betroffene Wohnbevölkerung auswirken werden.

Aufgabe der Untersuchungen ist es daher, in diesem und den nächsten Jahren den Auswirkungen all der Veränderungen am Flughafen in der betroffenen Bevölkerung nachzugehen. Zur Beantwortung der umfassenden Fragen werden in der Studie unterschiedliche Erhebungsmethoden eingesetzt: Telefonische Befragungen, medizinische Erhebungen und kinderpsychologische Untersuchungen. Weiterhin werden Krankenversicherungsdaten von rund 1,5 Millionen Versicherten ausgewertet und im Rahmen einer Fall-Kontroll-Studie an bis zu 24.000 Versicherten mit Herz-Kreislauf-Neuerkrankungen sowie bei einer Kontrollgruppe individuell weitere Gesundheitsdaten und Risikofaktoren erhoben, um durch Verkehrslärm bedingte Erkrankungsrisiken quantitativ exakter abschätzen und einen möglichen Lärmeinfluss von anderen Gesundheitsrisiken trennen zu können.

Die Studie ist in insgesamt drei Module unterteilt: Im ersten Modul untersuchen die Wissenschaftler Lärmbelästigung und Lebensqualität der Wohnbevölkerung. Daszweite Modul ist überschrieben mit "Gesundheit in der Rhein-Main-Region" und umfasst die Teilmodule Sekundärdatenanalyse ("Krankenkassen-Studie") zu Erkrankungen und darauf aufbauende Fall-Kontroll-Studie, Blutdruck-Monitoring und Schlaf. Im dritten Modul werden die Wirkungen von Fluglärm auf kognitive Leistungen und Lebensqualität bei Grundschulkindern untersucht.

Das Teilmodul "Blutdruck-Monitoring" wird vom Institut für Hygiene und Umweltmedizin der JLU geleitet. Dabei wird das IHU rund 2.000 repräsentativ ausgewählte Personen mit unterschiedlich starker Verkehrslärmbelastung in der Blutdruckselbstmessung schulen und diese Personen etwa zwei Wochen lang morgens und abends ihren Blutdruck messen lassen. Während der ärztlichen Einweisung werden zusätzlich Gewicht und Bauchumfang der Untersuchungspersonen erhoben. Außerdem werden individuelle Faktoren erhoben, die mit der Entstehung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen verbunden sind, zum Beispiel andere Vorerkrankungen und Rauchgewohnheiten. In diesem Jahr wird zunächst eine Methodik-Studie an 40 Personen durchgeführt. Die eigentliche Untersuchung findet 2012 nach der Umstellung des Betriebs am Flughafen Frankfurt statt. Sie wird 2013 wiederholt.

Die Gesamtkosten der Studie liegen bei rund 7,2 Millionen Euro, die überwiegend vom Land Hessen, aber auch von den betroffenen Kommunen und vom Flughafenbetreiber getragen werden. Der Anteil für das IHU liegt bei rund 1,6 Millionen Euro.

pe/kro

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